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Nördlingen

19.01.2021

Sterben in Corona-Zeiten: Wenn der letzte Anblick fehlt

Beerdigungen auf dem Nördlinger Friedhof sind während der Pandemie nur eingeschränkt möglich.
Foto: Iris Schatte (Archivbild)

Plus In der Pandemie sterben Menschen oft unsichtbar. Wer um sie trauert, muss Kompromisse eingehen. Welche weitreichenden Folgen eine Hospizhelferin für Angehörige fürchtet.

Als es zu Ende ging, konnte Julia Holecek ihrem Vater nicht so beistehen, wie sie das gerne gewollt hätte. Eineinhalb Jahre lang hatte Hans Schröpel zuvor gegen den Krebs gekämpft, am 25. Oktober des vergangenen Jahres starb er im Alter von 81 Jahren. Die Wochen vor seinem Tod verbrachte der Nördlinger als Patient im Augsburger Universitätsklinikum. Bekam er dort Besuch, ging das nur mit einer Online-Voranmeldung, die gemeinsame Zeit war auf eine Stunde und einen Besucher begrenzt. „Das war schon ein harter Einschnitt“, sagt Holecek. In der Pandemie sterben Menschen oft unsichtbar, wer um sie trauert, muss Kompromisse eingehen. Nur, was macht das mit den Angehörigen?

Seit nunmehr 20 Jahren begleiten die Helfer der Hospizgruppe Donau-Ries Schwerkranke, Sterbende und ihre Angehörigen. Sie organisieren offene und geschlossene Selbsthilfegruppen, helfen bei Fragen zur Palliativmedizin. Vor allem aber hören sie zu. Elfriede Ganzenmüller ist Koordinatorin des Vereins, sagt: „Aktuell fühle ich mich total untätig und unwohl.“ Das Virus schränke ihre Arbeit massiv ein; denn Präsenzveranstaltungen wie Gruppentreffen oder Trauerwanderungen seien aktuell nicht möglich.

Auch in der Trauerarbeit wird nun improvisiert

Wie überall wird deshalb auch in der Trauerarbeit improvisiert, Ganzenmüller bietet nun Trauergespräche am Telefon und gemeinsame Spaziergänge an. „Aber da kommt von den Betroffenen wenig Interesse zurück“, sagt sie. Warum das so ist, weiß sie selbst nicht so genau. „Viele haben wohl einfach Angst, Kontakt aufzunehmen.“ Ganzenmüller befürchtet, dass die angestaute Trauer irgendwann explosionsartig herausbrechen könnte.

Einsamkeit ist ein zentrales Thema der vergangenen Monate. Wer schon vor der Pandemie alleine war, ist es jetzt wohl umso mehr. Ganzenmüller berichtet von einer älteren Frau aus dem Landkreis, die vor einem Jahr ihren Mann verloren hatte. „Sie hat mir erzählt, dass sie seither ganz alleine in ihrem Haus wohnt. Sie ist in der Quarantäne also auch alleine mit ihren Trauergedanken.“

Ein letzter Blick auf den Verstorbenen ist die erste Phase der Trauerbewältigung

Dann wäre da noch die Sache mit dem Abschied. Ein letzter Blick auf den Verstorbenen ist die erste Phase der Trauerbewältigung. Die Corona-Maßnahmen hatten das in den vergangenen Monaten oft unmöglich gemacht: Angehörige, die sterbende Corona-Patienten nicht auf der Intensivstation und in den Altenheimen besuchen konnten. Beerdigungen, auf denen die Särge geschlossen bleiben mussten, die Infektionsgefahr wäre sonst zu hoch gewesen. Wie sollen Betroffene das Unfassbare fassen, wenn sie sich kein Bild davon machen können?

Für den Bestatter Alexander Wendel ist der Tod Alltag. Endet ein Leben, beginnt für ihn die Arbeit. Er erlebe in der Trauerarbeit aktuell einen „großen Wandel“, wie er sagt. Und das gerade im ländlichen Gebiet, wo sich bei Beerdigungen gerne auch einmal das gesamte Dorf auf dem Friedhof versammelte. „Momentan dürfen aber nur maximal 25 Personen dabei sein. Die gesamte Trauerkultur leidet darunter.“ Wendel hat beobachtet, dass Angehörige teils günstigere Särge kaufen würden, als vor der Pandemie. „Die sagen mir dann: Sieht ja sowieso niemand. Und sie haben recht.“

Geschlossene Särge, keine Livemusik und desinfizierte Erdwurfschaufeln

Die Liste an Einschränkungen ist lang. Neben Besuchergrenzen und geschlossenen Särgen bei Corona-Toten können auch anschließende Trauerfeiern nur in begrenztem Maße stattfinden. Livemusik, sagt Wendel, gebe es derzeit nur im Freien, auch Gemeindegesang hat die Regierung untersagt – Stichwort Aerosole. Desinfizierte Kugelschreiber und Erdwurfschaufeln, Einlasskontrollen an der Kirchentüre: „Es ist ein einziger Kompromiss“, sagt Wendel. „Das Zelebrieren geht verloren.“

Die Corona-Pandemie hat den Tod näher rücken lassen. Vielleicht birgt das wenigstens die Chance, sich selbst mit der eigenen Sterblichkeit auseinanderzusetzen, ja, sich zu fragen: Wie möchte ich meine Angehörigen auf ihrer letzten Reise begleiten? Dann, wenn Atemschutzmasken und Abstandsregeln der Vergangenheit angehören.

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