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Nördlingen

03.10.2020

Tag der Deutschen Einheit: Wie Nördlingen die Wiedervereinigung förderte

Mathias Wirth (links) war nach der Wende der erste Bürgermeister der Nördlinger Partnerstadt Stollberg im sächsischen Erzgebirge.
Bild: Archivfoto: Jochen Aumann

Plus 1990 baute der junge Stollberger Bürgermeister Kontakt ins Ries auf. Ein Weggefährte und der damalige OB Paul Kling erzählen aus einer aufregenden Zeit.

An einem späten Nachmittag im Jahr 1990 klingelte in der Nördlinger Stadtverwaltung ein Telefon. Der Bürgermeister Stollbergs in Sachsen war am Apparat. Seine Stadt suche eine Partnerschaft mit einer westdeutschen Stadt, sagte er.

Paul Kling, damals Nördlinger Oberbürgermeister, kann sich heute noch gut daran erinnern. „Die Stollberger sind nach Hof gefahren, weil die Telefonverbindungen aus dem Osten so schlecht waren“, erzählt er. Nördlingen war aufgeschlossen, hatte sich auch als mögliche Partnerstadt bei der Hans-Seidel-Stiftung gemeldet, die solche Kontakte vermittelte. Am Montag darauf sprach der Nördlinger Finanzausschuss über die Anfrage und beschloss, eine kleine Delegation ins rund 300 Kilometer entfernte Stollberg zu schicken – Kling selbst war dabei.

Empfang des damaligen Stollberger Bürgermeisters, Mathias Wirth

Sie fuhren über Straßen aus Zementplatten, zwischen denen Grasbüschel wucherten. „Da dachte ich mir schon, dass wir schwierige Verhältnisse vorfinden werden.“ Und so kam es: Über der Stadt lag ein grauer Schleier vom Ruß der Kohle, mit der die Stollberger ihre Häuser heizten. Er sei „erschrocken“ vom Erscheinungsbild der damaligen Stadt gewesen, so kurz nach der Wende.

Empfangen hat ihn der damalige Bürgermeister Stollbergs, Mathias Wirth. „Er war ein junger, sehr geradliniger Mann, vor der Wende ein Bürgerrechtler. Leider ist er sehr jung verstorben“, sagt Kling. Die Stadt funktionierte im neuen System anders als in der ehemaligen DDR. „Wirth überlegte, ob er das Krankenhaus als Stadt behalten soll“, erzählt der Nördlinger Alt-OB von den Problemen, vor denen der ostdeutsche Kommunalpolitiker stand. „Ich habe ihm geraten: Überlass’ das bloß dem Kreis, das verursacht nur Kosten.“

Zwei Redakteure der Rieser Nachrichten begleiteten den Besuch

Auch Siegfried Schmid war dankbar für die Expertise der Nördlinger. Er war damals Hauptamtsleiter Stollbergs, später Wirths Nachfolger im Bürgermeisteramt. Bei den symbolischen Besuchen ist es nicht geblieben. Mehrere Mitarbeiter der Nördlinger Verwaltung mieteten sich in Stollberg ein und halfen den Mitarbeitern der dortigen Kommunalverwaltung, ihre Strukturen umzubauen. „Das war eine große Hilfe für uns.“

Zwei Redakteure der Rieser Nachrichten hatten die Nördlinger Delegation anlässlich des Tags der deutschen Einheit am 3. Oktober 1990 nach Stollberg begleitet und berichteten an den beiden darauffolgenden Tagen davon. Wirth hatte ihnen sein Büro samt Schlüssel überlassen, um zu schreiben.

Ein Gebäude im Sportpark Stollberg trägt den Namen Mathias Wirth

„Sie gehen überwiegend mit einem schier unglaublichen Optimismus in diese neue Epoche ihres Lebens, die Bürger Stollbergs“, berichtete Autor Robert Milde. Und doch mischten sich auch kritische Stimmen in die Euphorie. „Ich habe den Fall der Mauer in Berlin miterlebt und mich von den Emotionen anstecken lassen“, wird ein 32-jähriger Vater zitiert. Er sorge sich um die Wirtschaft. „Integrieren wir uns und wieviele Jahre dauert es?“, fragte er.

Heute trägt ein Gebäude im Sportpark Stollbergs den Namen Mathias Wirth. Er hatte nach der Wende große Gewerbeflächen für die Stadt gekauft, was bei manchen für Unmut sorgte. Später florierte die Stadt – auch dank dieser Entscheidung, wie man sich heute in Stollberg einig ist. Die Arbeitslosenquote liegt aktuell mit vier Prozent unter dem bundesdeutschen Schnitt von fünf Prozent.

Die Pläne der neuen Partner waren groß

Die Pläne der neuen Partner waren groß damals, kurz nach dem Tag der deutschen Einheit. Rieser Feuerwehrleute knüpften Freundschaften mit den Stollbergern; Alt-Oberbürgermeister Hermann Faul, damals noch Polizist, stellte Kontakte mit den dortigen Sicherheitsbeamten her; die Alten Herren des TSV fordern die Stollberger Fußballer heraus. Was ist daraus geworden?

Alt-Bürgermeister Schmid meint: „Es war immer eine gute Freundschaft.“ Auch Kling ist überzeugt, dass die Partnerschaft beiden Städten viel Gutes gebracht hat. Die Lebenshilfe in Stollberg nennt der Vorsitzende des hiesigen Vereins als Beispiel, sie sei nach dem Rieser Vorbild entstanden. „Die ehemalige Chefin der Lebenshilfe hat uns erst vor wenigen Tagen besucht.“

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