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Nördlingen

12.12.2020

Von Konsum in früheren Zeiten und Kriminalfällen aus dem 16. Jahrhundert

Johannes Müllers „Prospect des Marckts samt dem Rathaus und Haupt Kirche zu Nördlingen“ ist eine Ansicht der Trinkstube auf dem „Herrenmarkt“ vor der St.-Georgs-Kirche (Detail). Der Kupferstich entstand um 1820.

Plus Der Historische Verein für Nördlingen und das Ries gibt sein 36. Jahrbuch heraus. Darin geht es zum Beispiel um Konsum in früheren Zeiten.

Der Historische Verein gibt seit seiner Gründung im Jahre 1911 die sogenannten Jahrbücher heraus. Diese Jahrbücher enthalten die Forschungsergebnisse von Wissenschaftlern sowie Heimat- und Familienforschern. 35 Jahrbücher sind seither entstanden, jetzt erschien das 36. Jahrbuch, das mit seinen 539 Seiten wieder einen stattlichen Umfang aufweisen kann. Die Herausgabe wurde finanziell unterstützt durch die Bürgerstiftung „Lebendiges Bayerisches Ries“ und die Stadt Nördlingen.

Ein Blick in das Inhaltsverzeichnis zeigt, dass hier jeder an der Geschichte Nördlingens und des Rieses Interessierte auf seine Kosten kommt. Der Bogen der 21 Beiträge ist weit gespannt. Die Archäologie kommt hierbei ebenso zur Sprache, wie Themen der Zeitgeschichte.

Keltische Landvermessungen im Ries sind ein Thema

Manfred Luff aus Wörnitzostheim gibt einen interessanten Einblick in das Thema „Flurbegehungen im Ries“, um dabei die Bedeutung des Rieses als archäologische Schatzkammer deutlich zu machen. Thematisch daran anschließend gibt Willem A. Jörg aus Basel seine Überlegungen zu einer möglichen Verbindung einer keltischen Landvermessung zum Nördlinger Ries wieder. Seit Jahren beschäftigt sich der versierte Heimat- und Familienforscher mit diesem Thema, um es nun auch der Rieser Leserschaft zugänglich zu machen.

Dr. Ingrid Bátori aus Koblenz leistet mit ihrer Frage „Wer wohnte wo?“ einen interessanten Beitrag zur Sozialtopografie der Reichsstadt Nördlingen im 15. Jahrhundert. Grundlage ihrer Arbeit sind die Steuerbücher des Stadtarchivs, die ab dem Jahr 1404 fast lückenlos vorliegen. Zusammen mit einer weiteren Arbeit der Autorin und den Analysen des kanadischen Professors Christopher Friedrichs ist die demografische Entwicklung der Reichsstadt Nördlingen für einen Zeitraum von 350 Jahren außerordentlich gut dokumentiert.

Im Jahrbuch gibt es einen historischen Kriminalfall

Die Restauratorin Zara Löschberger aus Trier gibt einen interessanten Einblick in die Geschichte eines mittelalterlichen Reliquienkästchens aus der Kirchengemeinde St. Georg. Nach der Restaurierung wird das in die Zeit um 1300 datierte hausförmige Kästchen in der neuen Dauerausstellung zum späten Mittelalter im Germanischen Nationalmuseum Nürnberg zu sehen sein.

Alfred Hoffmann aus Heidenheim schildert spannend einen Kriminalfall aus dem Jahre 1536 mit der kindlichen Brandstifterin Anna Walter im Mittelpunkt. Das Nördlinger Stadtarchiv verfügt über einen großen Fundus an „Kriminalakten“, dem auch die „Hexenakten“ eingegliedert sind. Aus diesem Fundus schöpft der Autor mit seiner tiefschürfenden Analyse des vorliegenden Falles.

Wie es dem Türmer in Oettingen erging

Leonie Rüth aus Kaisheim und Andrea Kugler, Leiterin des Nördlinger Stadtmuseums, gehen in ihrem Beitrag den Wappenschilden der ehemaligen Ratstrinkstube auf dem Nördlinger Marktplatz nach. Die Ratstrinkstube wurde zusammen mit der gesamten, der St.-Georgs-Kirche vorgelagerten Häuserzeile 1829/30 abgerissen. Erhalten sind jedoch acht runde Wappenschilde, auf denen sich die Mitglieder der Stubengesellschaft mit ihrem Namen und Wappen verewigten. Dr. Petra Ostenrieder, Leiterin des Heimatmuseums Oettingen, schildert Geschichte und Alltag der Oettinger Türmer auf der „Hohen Wacht“, womit der Turm der Jakobskirche gemeint ist. 1936 verließ der letzte Oettinger Türmer mit seiner Familie den Turm. Eine über 400-jährige Tradition gehörte damit der Vergangenheit an. Neueren Versuchen, die Tradition wieder aufleben zu lassen, war leider kein Erfolg beschieden.

Wie sah früher der Konsum im Ries aus?

Prof. Dr. Wolfgang Wüst von der Universität Erlangen-Nürnberg beschreibt die frühe Welt des Konsums im Ries mittels des Anzeige- und Intelligenzblattes der Stadt Nördlingen der Jahre 1766-1852. Der Autor macht darauf aufmerksam, dass die regionale Konsumforschung diese Quelle bisher noch zu wenig berücksichtigt hat, ermöglichen doch vor allem die Anzeigenseiten differenzierte Blicke auf das Warenangebot und den -markt.

Ein in der Geschichtsschreibung Nördlingens lange Zeit vernachlässigtes Thema bearbeitet Andrea Kugler, Vorsitzende des Historischen Vereins: die Nördlinger Bierkeller an der Marienhöhe und am Stoffelsberg einst und jetzt. Die Bierkeller gehörten einst zum fast alltäglichen Stadtbild Nördlingens. Heute ist davon kaum mehr etwas übrig. Nicht nur deswegen ist dieser kulturhistorische Rückblick der Autorin so wichtig.

Die Bombardierung der Stadt Nördlingen am 20. April 1945. Auch der Zweite Weltkrieg ist Thema im Jahrbuch.

Die aus Wechingen gebürtige Historikerin Dr. Susanne Greiner-Fauth gibt ihre Lokalstudie im Nördlinger Ries unter dem Titel „Die Bäuerin im NS-Staat – Propaganda und Wirklichkeit“ wieder. Diese basiert auf Aktenforschung und mündlicher Befragung von 20 Wechinger Bäuerinnen. Eines ihrer Ergebnisse lautet, dass die Gruppe der Bäuerinnen vom NS-Regime ideologisch nicht vollkommen erfasst werden konnte.

Wilfried Sponsels Beitrag schließt sich hier thematisch direkt an. Auch er greift das Thema Ende des Zweiten Weltkriegs bzw. die Bombardierung Nördlingens am 20. April 1945 durch amerikanische Truppen auf und schildert, wie es nur dank des umsichtigen Verhaltens der Verantwortlichen der Stadtverwaltung gelang, die Stadt vor einem großen Unglück zu bewahren.

Das reich bebilderte Jahrbuch ist im Buchhandel zum Preis von 15 Euro erhältlich.

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