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Heimatgeschichte

02.11.2019

Was es mit dem Stiegel auf sich hatte

Das ehemalige Stiegelgässle in Wörnitzostheim hat seinen Namen von einem sogenannten Zauntritt, einer Vorrichtung zum Übersteigen eines Zaunes oder einer Hecke.
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Das ehemalige Stiegelgässle in Wörnitzostheim hat seinen Namen von einem sogenannten Zauntritt, einer Vorrichtung zum Übersteigen eines Zaunes oder einer Hecke.
Foto: Sophia Huber

Plus In Wörnitzostheim gibt es ein Stiegelgässle. Auch in anderen Rieser Gemeinden kann man sich an den Stiegel erinnern und nannte Straßen nach ihm.

Straßen, Wege und Plätze in einem Ort sind im Laufe der Entwicklung der jeweiligen Ansiedlung entstanden und verändern sich grundsätzlich über Jahrhunderte hinweg nur geringfügig. Je nach Lage des Dorfes entwickelt sich dadurch eine Struktur, die meist auch mit den Namen dieser öffentlichen Bereiche einhergeht. Die dörfliche Struktur Wörnitzostheims wird vor allem durch die Lage an der Wörnitz bestimmt. Vermutlich ist die ehemalige Furt durch den Fluss sogar viel älter als das Dorf und die ersten Siedler haben ihre Häuser entlang einer alten Verkehrsverbindung gebaut.

So liegen die Höfe zum einen an der Straße (heute Kreisstraße), die von Westen her in zwei Kurven zur Wörnitz hinunterführt und diese über die Brücke überquert, zum anderen beiderseits der Straße parallel zum Fluss: Nach Süden Richtung Schrattenhofen ins Unterfeld und nach Norden Richtung Wennenmühle ins Hinterfeld. So wurde Wörnitzostheim von alters her in ein Ober-, Unter-, Hinter- und Mitteldorf eingeteilt. Dazu gab es noch mehrere kleine Fußwege zwischen den Anwesen.

Früher endete das Stiegelgässle für Fuhrwerke als Sackgasse

Eine kleine Besonderheit stellt das „Stiegelgässle“ dar, welches leicht schräg von der Brücke her zwischen Pfarrhof und ehemaligem Wirtshaus, dann vorbei am Hellesbauernhof bergan führt und früher für Fuhrwerke als „Sackgasse“ endete. Zwischen Schulmauer und dem Wohnhaus vom „Stiegelweber“ (beide längst abgebrochen) war über die ganze Breite der Gasse ein hüfthoher Stein.

Der „Stiegelstein“ bestand eigentlich aus zwei Steinen, wovon der eine um einiges breiter war. Sie bildeten lediglich einen schmalen Durchlass, gerade breit genug für einen Fußgänger. So wurde verhindert, dass das Stiegelgässle in seiner Verlängerung zum Feld („Stiegelacker“) hinaus befahren oder als Viehtrieb genutzt werden konnte, was mit dem einstigen Flurzwang zusammenhing. Auch bildete der Stein die alte Grenze des geschlossenen Dorfes und vermutlich eines mittelalterlichen Hofkomplexes. Mit Sicherheit handelt es sich aber um einen uralten Fußweg, der lange Zeit auch von den Leuten aus Bühl auf ihrem „Nearle-Weg“ benutzt wurde.

Im ganzen deutschsprachigen Raum in alten Quellen

Das Wort „Stiegel“ wird in der Literatur als „Zauntritt“, also einer Vorrichtung zum Übersteigen eines Zaunes oder Hecke beschrieben. Im ganzen deutschsprachigen Raum wird dieser Begriff in alten Quellen verwendet. Solche Stiegel sind demzufolge auch aus vielen Orten der näheren Umgebung bekannt. In Mündling beispielsweise bestand der „Stiegel“ aus quer angebrachten Brettern bis etwa 70 Zentimetern Höhe, die verhindern sollten, dass Kleinvieh in die benachbarten Wiesen gelangen konnte. Auch aus Schaffhausen ist eine ähnliche Vorrichtung bekannt. In Munningen kann sich Franz Friedel an eine Art niedriges Gatter erinnern. In Zwerchstraß hat sogar eine Straße (Sackgasse) im Neubaugebiet den Namen „Im Stiegel“ bekommen, was auch die nächsten Generationen an alte dörfliche Einrichtungen erinnern wird.

Die Besonderheit im Wörnitzost-heimer Stiegelgässle war die außergewöhnliche Ausführung durch die große, behauene Steinplatte. Heute kann das Stiegelgässle mühelos befahren werden: Der Stiegelstein wurde während der Flurbereinigung entfernt, ist jedoch glücklicherweise erhalten und steht heute im Garten von Familie Fischer, beim „Stiegelweber“. Auf seiner Oberseite durch seine jahrhundertelange Funktion deutlich abgerundet, stellt der Stein ein beeindruckendes dorfgeschichtliches Denkmal dar.

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