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Natur

24.10.2019

Wildschwein kommt kaum auf den Tisch

Die Preise für Wildbret in der Region sind rapide gesunken. Die Jäger haben ein großes Problem, da sie das geschossene Schwarzwild nicht verkaufen. Der Grund dafür ist vor allem, dass viele das Fleisch nicht selbst zerlegen dürfen.
Bild: Lino Mirgeler, dpa

Die Jäger in der Region bekommen das Fleisch der geschossenen Tiere nur schlecht los. Dabei gibt es vor allem auf dem Härtsfeld derzeit sehr viel Schwarzwild.

Eingelegt in Rotwein, als Steak oder verarbeitet zu Hackfleisch: Wildschweinfleisch kann vielfältig zubereitet werden. Der deutsche Jagdverband (DJV) stellt auf seiner Homepage verschiedene Rezepte vor. Mit der Kampagne „Wild auf Wild“ will der DJV ein positives Image für die Jagd in der Öffentlichkeit aufbauen und den Verbrauchern Wildbret schmackhaft machen.

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Warum der Jagdverband mit einer Kampagne an die Öffentlichkeit gehen muss, wird klar, wenn man sich die aktuelle Lage der Jäger anschaut. Im Jagdjahr 2017/2018 – ein Jagdjahr geht immer von 1. April bis 31. März des Folgejahres – wurden allein in Bayern 95.096 Wildschweine geschossen. Zum Vergleich: Im Vorjahr 2016/2017 waren es knapp 35.000 weniger. Auch dieses Jahr haben die Wildschweine gute Lebensbedingungen.

Vermehrungsrate von etwa 300 Prozent

Stefan Raab, der im angrenzenden Baden-Württemberg auf dem Härtsfeld bei Bopfingen regelmäßig auf die Jagd geht, erklärt: „Der milde Winter hat gute Nahrungsbedingungen für die Wildschweine geschaffen und so konnten auch die Frischlinge gut durchgebracht werden.“ Bucheckern, Eicheln und Mais gebe es dieses Jahr als Nahrung für die Tiere zur Genüge. „Die große Menge an Fressen und das Klima haben aber zur Folge, dass es mittlerweile eine Vermehrungsrate von etwa 300 Prozent jedes Jahr gibt.“ Die Frischlinge sind zudem mit einem Jahr schon geschlechtsreif. Deswegen müssen die Jäger eingreifen.

Wildschwein kommt kaum auf den Tisch

Würden sie das nicht tun, würde das fatale Folgen haben, so Raab: Schäden in der Landwirtschaft würden zunehmen, das Futter würde irgendwann nicht mehr reichen und es könnte zu Krankheiten oder sogar zu Seuchen kommen.

Bis zu 30 Wildschweine in einer Rotte

Der Vorsitzende des Kreisjagdverbands Nördlingen, Ralf Stoll, sieht im Moment noch keine Wildschweinplage. „Hier im Ries hat sich der Bestand nicht extrem erhöht. Im Nordries, also im Bereich des Oettinger Forsts, hat man das Wildschwein gut im Griff.“ Es sei ein struktureller Unterschied, in welchem Maß sich Schwarzwild vermehrt. Am südlichen Riesrand sei der Bestand größer. Raab kann das bestätigen: „Bei uns im Härtsfeld sind die Bestände zu hoch.“ Teilweise würde man bis zu 30 Tiere in einer Rotte sehen. Egal wo, die Jäger haben alle das gleiche Problem: Sie bekommen die geschossenen Wildschweine nicht an den Mann. „Wir haben kein Wildschweinproblem, sondern ein Absatzproblem“, sagt Stoll. Das Fleisch, was er von der Jagd mit nach Hause bringt, wird in der Familie und im Umfeld verteilt und selbst verarbeitet. Privatpersonen wenden sich sehr selten an Jäger, wenn sie gerne Wildfleisch hätten. „Die Leute wollen es immer möglichst billig, aber auch Bioware“, sagt Stoll. Trotzdem würden die meisten zum Metzger gehen, wenn sie Fleisch bräuchten. Bio, regional, artgerecht, frisch und nachhaltig - das alles treffe auf Wildbret zu, welches die Jäger im Landkreis anbieten. Auch Raab ist der Meinung, dass man nur einmal bei den Jägern nachfragen müsste, wenn man gerne Fleisch in guter Qualität haben möchte.

Er und seine Kollegen beweisen, dass artgerecht gehaltenes Fleisch nicht teuer ist: Aktuell verlangen die Jäger für das Wildbret vom Härtsfeld 2,50 Euro pro Kilo und sind aufgrund der Notlage um fast 50 Prozent des Preises runtergegangen.

Kunden fürchten Strahlenbelastung

Als mögliches Problem für die niedrigen Abnahmezahlen nennt Raab, dass einige Menschen noch die Strahlenbelastung im Hinterkopf haben könnten. Nach der Reaktorkatastrophe 1986 in Tschernobyl war ein großer Teil des Bodens in Deutschland radioaktiv verstrahlt. Vor allem Wildtiere, die die Nahrung aus dem Waldboden bekommen, waren und sind in einigen Teilen Deutschlands belastet, wie die Statistik des Bundesamt für Strahlenschutz zeigt. Thomas Kellner vom Veterinäramt Donau-Ries sagt: „Wir haben keine Auffälligkeiten im Landkreis. In der Region Nördlingen und Donauwörth ist die Anzahl der Fälle von strahlenbelasteten Tieren schwindend gering.“ Es werde nur noch stichprobenartig getestet, da es keine allgemeine Untersuchungspflicht mehr gebe. In Neuburg oder Schrobenhausen würde das anders aussehen. Doch das Fleisch von Wildtieren in Nördlingen und Umgebung könne unbedenklich verzehrt werden. Die Jäger und Forstbetriebe sehen noch ein anderes Problem, welches verursacht, dass das Wildschweinfleisch nicht abgenommen wird: die Verwertung.

Josef Grau vermittelt Leute, die gerne Wildbret hätten, an die Jäger, die aktuell welches anbieten. Er arbeitet in der Verwaltung der Forstbetriebe Wallerstein. „Wir haben ein riesiges Problem“, sagt Grau. Man dürfe als Jäger grundsätzlich nur das ganze Tier abgeben. „Die meisten Jäger haben keinen EU-zertifizierten Zerlegungsbetrieb und sind gesetzlich nicht berechtigt, einzelne Stücke Fleisch zu verkaufen.“ Und wer will als Privatperson schon ein 50 Kilogramm schweres Wildschwein zerlegen? „Auch die wenigsten Metzgereien in Nördlingen haben noch einen Schlachtraum“, so Grau.

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