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Landkreis Donau-Ries

01.09.2015

Zwölf Stämme verlassen aus diesen beiden Gründen Deutschland

Die umstrittene Glaubensgemeinschaft 12 Stämme will Deutschland verlassen. Das gaben Mitglieder auf einer Pressekonferenz bekannt.

Die Glaubensgemeinschaft Zwölf Stämme sieht keine Basis mehr, in Deutschland zu leben. Die Sekte sieht sich unfair behandelt. Der neue Standort steht wohl schon fest.

Ganz hinten, an der Wand am Ende des Raumes, hängen Bilder, die Kinder der Zwölf Stämme zeigen. Es sind jene Kinder, die im September 2013 von Polizisten und Mitarbeitern des Jugendamtes aus Klosterzimmern abgeholt wurden. Um ihr Sorgerecht wird seitdem vor Gericht gestritten. David Krumbacher, ein Mitglied der Gemeinschaft, markiert ein Dutzend Bilder mit einem Stift. Die markierten Zettel zeigen Kinder, die mittlerweile wieder zurück bei ihren Eltern sind. „Sie wurden befreit“, sagt Krumbacher. Es ist nur ein kurzer Satz, und doch sagt er alles darüber aus, wie die Zwölf Stämme den deutschen Staat betrachten.

Vor der Wand mit den Bildern sitzen Mitglieder der Gemeinschaft und  ihr Anwalt Michael Langhans. Sie haben die Presse geladen, um ihre Sicht der Dinge darzustellen und Vorwürfe in Richtung der deutschen Behörden und auch der Medien zu formulieren. Erneut, muss man sagen, denn die Vorwürfe sind nicht neu. Im Kern geht es darum, dass die Gemeinschaft sich von deutschen Behörden unfair behandelt und aufgrund ihres Glaubens stigmatisiert fühlt. Vertreter der Behörden haben diesen Vorwürfen stets vehement widersprochen.

In beiden Ländern können 12 Stämme Kinder daheim unterrichten

Neu ist hingegen zweierlei: Zum einen bestätigen die Zwölf Stämme erstmals, was seit Monaten als Gerücht durch das Ries geistert: Sie wollen und werden Deutschland verlassen. „Wir sehen für uns hier keine Zukunft“, sagt Martin Müller, ein Mitglied der Sekte. Stattdessen werde die Gemeinschaft in Länder ziehen, in denen sie ihren Glauben frei ausleben und ihre Kinder Zuhause unterrichten könne. Wann es soweit sein wird und wohin genau es die Zwölf Stämme zieht, sagt Müller nicht, doch zwei mögliche Standorte nennt er: Tschechien und Frankreich. In beiden Ländern ist es unter gewissen Kriterien erlaubt, Kinder Zuhause zu unterrichten. Und beide Länder wurden zugleich zuletzt vom Europarat dafür gerügt, weil sie es nicht komplett verbieten, Kinder körperlich zu bestrafen. Es sind die beiden großen Punkte, die die Zwölf Stämme immer wieder in Konflikt mit den deutschen Behörden brachten: Die Gemeinschaft möchte ihre Kinder selbst unterrichten, staatliche Schulen lehnt sie ab. Und sie propagiert ein Erziehungskonzept, dass Schläge mit einer Rute einschließt.

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In Frankreich haben die Zwölf Stämme eine größere Filiale, in Tschechien  mehrere Höfe. Wahrscheinlich ist, dass es die Gemeinschaft aus Klosterzimmern vor allem nach Tschechien zieht. Dort besitzt die Sekte Grundstücke in einem Ort bei Eger und einem bei Prag; eine tschechische Firma im Bereich der Landwirtschaft läuft schon auf die Namen mehrerer deutscher Mitglieder aus Klosterzimmern; am Sonntag feiern die Zwölf Stämme in Tschechien bereits ein Hoffest. An eben jenem Sonntag wird die Sekte in Klosterzimmern zugleich auch einen Flohmarkt abhalten. Die Zwölf Stämme verhökern ihr Inventar.

Kinder mit Ruten schlagen ist für die Sekte eine Züchtigung

Neu ist zudem, dass die Gemeinschaft auf der Pressekonferenz nicht alleine auftritt. Es sitzt auch die kanadische Soziologin Susan Palmer mit dabei, die in Montreal lehrt und zu neu-religiösen Gemeinschaften forscht. Eines ihrer Spezialgebiete: die Zwölf Stämme. Sie habe die Gemeinschaft in Klosterzimmern im Januar 2014 erstmals besucht, sagt Palmer. Sie spricht davon, dass viele Entwicklungen um die Zwölf Stämme typisch seien für „unkonventionelle“ Religionen: Aussteiger, die hart über ihre frühere Gemeinschaft urteilen, eine große Razzia der Behörden. Palmer zeichnet ein positives Bild der Sekte, doch zu dem kontroversesten Punkt im Fall der Zwölf Stämme in Klosterzimmern hat sie nur wenig zu sagen: die Erziehungspraxis, Kinder mit Ruten zu schlagen. Glaubensgemeinschaft "Zwölf Stämme"

Züchtigungen, so nennen es die Zwölf Stämme. Misshandlungen seien das nicht. Schließlich habe eine amtsärztliche Untersuchung nach der Großaktion im September 2013 bei fast allen Kindern körperliche Unversehrtheit gezeigt. Keine harmlose Erziehungspraxis, sondern gefährliche Körperverletzung, urteilte hingegen das Nördlinger Amtsgericht im Fall von drei Müttern der Glaubensgemeinschaft. Schließlich seien solche Schläge durchaus geeignet, körperliche und psychische Schäden bei Kindern hervorzurufen.

Von heute auf morgen wird die Gemeinschaft Deutschland jedenfalls nicht verlassen. Wird ein solches Grundstück im Gemeindegebiet verkauft, muss ein Notar zuvor anfragen, ob die Gemeinde ein Vorkaufsrecht besitzt. Eine solche Anfrage gibt es bei der Gemeinde Deiningen für das weitläufige Grundstück, auf dem die Zwölf Stämme leben, bislang noch nicht. Dem Vernehmen nach sieht es für einige Äcker um das Gelände allerdings anders aus. Diese könnten also bereits verkauft sein.

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