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Ellwangen/Bopfingen
14.05.2022

Totschlag-Prozess: Jugendamt weiß nichts von Gewalt des Angeklagten gegen Buben

Am sechsten Verhandlungstag geben Mitarbeiterinnen des Jugendamts Einblicke ins Familienleben.
Foto: Marijan Murat, dpa

Der Tod des 23 Monate alten Bub sorgte für Entsetzen. Wie konnte das passieren? Drei Jugendamt-Mitarbeiterinnen schildern ihre Eindrücke von der Familie.

Als der 23 Monate alte Bub aus Bopfingen im vergangenen Jahr starb, sorgte das im Bopfinger Ortsteil Aufhausen für Entsetzen. Wie konnte das passieren? Schnell wurden Fragen darüber laut, inwieweit die Jugendämter mit Problemen in der Familie vertraut waren. Drei Mitarbeiterinnen schildern ihre Eindrücke von der Familie.

Etwa mit der Geburt des Buben war eine heute 32-Jährige für die Familie zuständig. Dessen Mutter kam damals wieder mit ihrem Ehemann zusammen, wie berichtet, gab es häufiger Beziehungspausen. In Gesprächen mit der Pädagogin sei es primär um den Umgang der Eltern mit den Kindern gegangen, doch von Gewalt oder Übergriffen konnte die Mitarbeiterin nicht berichten.

Mitarbeiterinnen des Jugendamts berichten von entspanntem Kind

Den Buben hat sie häufiger gesehen, sagt die Frau, bei Terminen war er immer mit dabei. Er sei ein entspanntes Kind gewesen, habe sich nicht auffällig verhalten. Schließlich trennte sich die Mutter vom Ehemann, dann sei die Mitarbeiterin nicht mehr zuständig gewesen.

Auch die Sozialpädagogin, die dann die Familie betreute, konnte keine Auffälligkeiten bei dem Kind feststellen: „Er war zu dem Zeitpunkt ein Jahr alt, er war altersgemäß entwickelt.“ Von Gewalt in dieser Zeit wisse sie nichts, ihre Aufgabe sei es gewesen, eine sozialpädagogische Familienhilfe in der Familie zu installieren. Grund dafür war die Trennung der Eltern.

Nur eine Sachbearbeiterin des Jugendamts Schwäbisch Hall berichtet von Gewalt. Der Ehemann der Frau hatte bei ihr angerufen und geschildert, dass eines der anderen Kinder, seine Tochter, eine Backpfeife vom Angeklagten bekommen habe. Auch sei die Tochter angeschrien und beleidigt worden. Doch dass der Bube misshandelt wurde, dafür habe sie keinerlei Anhaltspunkte.

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Allerdings hat die Frau den Jungen auch nur einmal bei einem Termin im Landratsamt gesehen. Auf Nachfrage von Verteidigerin Sarah Schwegler schildert die Jugendamtsmitarbeiterin den Umgang der Mutter mit dem Kleinkind. Sie habe sich um den Buben gekümmert, wenn er unruhig wurde. Grundsätzlich wollte sie mit der Mutter an ihrer Erziehungskompetenz arbeiten: „Sie hatte genannt, dass sie überfordert sei, eher mal laut werde und die Kinder anschreit.“ Weitere Einblicke können die Pädagoginnen nicht bieten. Aussagen anderer Zeugen aus den vergangenen Prozesstagen deuten darauf hin, dass die Mutter die Verantwortung für die Kinder meist an den Angeklagten abgegeben habe.

Chat-Verläufe deuten auf Probleme in der Bopfinger Familie hin

Dass es allerdings Probleme gab, zeigen Chatverläufe zwischen der Mutter des Buben und dem Angeklagten. Ausschnitte davon liest das Gericht vor.

Im September 2021 hatte das Kind offensichtlich einige blaue Flecken. Der Angeklagte schrieb der Mutter, sie könne ja sagen, dass der Bub hingefallen sei. „Ja, das werde ich auch machen“, antwortete sie. Am Tag darauf berichtete die Frau dem 33-Jährigen, dass sie von der Familienhilfe aufgesucht wurde und diese „komische Andeutungen“ gemacht habe. So sei wohl nachgefragt worden, wie die blauen Flecken entstanden seien.

Nach einem weiteren, nicht näher bekannten Vorfall schrieb die Frau ihrem Partner, „solche Sachen dürfen auf keinen Fall mehr vorkommen“. Sie sagte, dass sie ihn nicht wiedererkenne. Er solle ihr Bescheid sagen, wenn es ihm mit den Kindern zu viel werde. Der Angeklagte antwortete, dass er selbst geschockt sei und schrieb „sorry“. Die Mutter mahnte schließlich, dass sie die Kinder „wegen solchen Aktionen“ nicht verlieren wolle. Der Angeklagte entschuldigte sich. Er sei gereizt gewesen und wolle es wieder gut machen.

Mutter schreibt über ihren Sohn: „So ein Idiot, der erzählt alles“

Einen weiteren Einblick in den Umgang der Mutter und ihres Partners mit den Kindern liefert ein anderer WhatsApp-Verlauf. Einen Monat zuvor hat der Angeklagte offensichtlich das Handy eines der Kinder beschädigt. Darüber beschwerte sich das Kind beim leiblichen Vater, die Mutter belauschte dabei wohl mit einem zweiten Telefon das Gespräch. Dabei schrieb sie ihrem Partner, dem 33-Jährigen: „So ein Idiot, der erzählt alles.“ Um diesen Nachrichten, die ein eher schlechtes Licht auf den Angeklagten werfen, etwas entgegenzusetzen, will die Verteidigung einen Gesprächsverlauf aus dem Oktober 2021 vorlesen lassen. Darin fragte die Mutter den 33-Jährigen, ob er ihr mit einem der anderen Kinder helfen würde. Daraufhin schrieb der Angeklagte: „Der Kleine hat immer mehr blaue Flecken und das geht nicht. Deswegen helfe ich dir.“

Eine Zeugin soll noch am kommenden Dienstag aussagen, dann ist die Beweisaufnahme abgeschlossen. Danach folgen die Plädoyers.

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