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Bodensee

08.06.2020

10 Jahre nach dem Taximord: Es geschah am helllichten Tag

An dieser Stelle in Hagnau, direkt am Bodensee-Ufer, starb die 32-Jährige Taxifahrerin vor  zehn Jahren.     
Bild: Erich Nyffenegger

Plus Im Juni 2010 wurde in Hagnau eine Taxifahrerin erstochen, eine zweite überlebte knapp. Der damalige Anwalt des Täters mahnt: Man darf ihn nie wieder rauslassen!

Den eindringlichsten Moment im Zusammenhang mit der grausamen Tat, die als Taximord vom Bodensee bekannt wurde, erlebt die Öffentlichkeit am 10. Februar 2011. Fast acht Monate sind seit den Verbrechen von Andrej W. vergangen. Der 28-Jährige sitzt im großen Saal des Landgerichts Konstanz auf der Anklagebank, wirkt unbeteiligt und unaufmerksam. Der mehrere Wochen dauernde Prozess steht kurz vor dem Ende, als jene Frau, die er fast zu Tode gequält hat, ihm gegenüber im Rollstuhl auf dem Platz der Nebenklage erscheint. Es ist die 44-Jährige, deren Gesundheit Andrej W. sichtbar ruiniert hat, indem er sie brutal vergewaltigt hat, indem er versucht hat, sie zu töten. Körperliche Verwundungen, die sie den Rest ihres Lebens zu tragen hat. Von den seelischen gar nicht zu sprechen.

Der gesamte Saal scheint das Atmen einzustellen, als sie die Augen so unerbittlich auf ihren Peiniger richtet, dass dieser regelrecht erstarrt und den Rest des Verhandlungstages nicht mehr aufblicken wird. Die Prozessbeobachter im vollen Saal spüren diese unerträgliche Anspannung zwischen Opfer und Täter beinah körperlich. Damit geht vorerst zu Ende, was im Juni 2010 seinen Anfang genommen hatte. Vorerst, denn Andrej W., der zu lebenslanger Haft mit Unterbringung in einer psychiatrischen Einrichtung verurteilt ist, wird bald darauf mit seiner Flucht aus der forensischen Psychiatrie in Wiesloch noch einmal von sich reden machen.

Auf dem Stück Papier steht: „Du lebst weiter“

Heute, zehn Jahre nach den grausamen Taten, ist die Erinnerung noch nicht verblasst. Das gilt erst recht für das zweite Opfer, das sich Andrej W. in jenen Junitagen 2010 auswählt: Wieder eine Taxifahrerin. Doch die damals 32 Jahre alte Frau hat weniger Glück als ihre 44-Jährige Kollegin. An dem versteckten, kleinen Parkplatz zwischen dem Freibad und dem Campingplatz in Hagnau, wo sie damals verblutete, steht bis heute ein Kreuz mit ihrem Bild. Auf einem Stück Papier hinter Folie steht: „Am 9. Juni 2010 starb hier unsere liebe Freundin und Kollegin…“ Und: „Du lebst weiter – in den Herzen aller Menschen, die du berührt hast und denen du Gutes getan hast, während du hier warst.“ Die Worte stammen von den Kollegen des Taxi-Unternehmens, für das die Getötete damals arbeitete. Ein leicht verblichenes Foto zeigt eine lächelnde Frau mit schulterlangen, dunkelblonden Haaren. Die Mutter zweier Kinder.

10 Jahre nach dem Taximord: Es geschah am helllichten Tag
Andrej. W 2011 mit Sturmhaube im Saal des Landgerichts Konstanz. Der damals 28-Jährige  wurde zu einer lebenslangen Haft verurteilt.
Bild: Patrick Seeger, dpa

Die dramatischen Geschehnisse von damals sehen nüchtern betrachtet so aus: Der in Russland geborene deutsche Staatsbürger Andrej W. lässt sich im Jahr 2000 im Raum Singen nieder. Als Gelegenheitsarbeiter und Kleinkrimineller fällt der Maler und Lackierer zunächst nicht wegen Gewalttätigkeit auf. Im Zusammenhang mit Diebstahlsdelikten nimmt die Polizei routinemäßig DNA-Proben von ihm.

Andrej W. vergeht sich mehrmals man dem reglosen Körper

Am 8. Juni 2010 steigt er in Singen zu der 44-jährigen Taxifahrerin ins Auto und lässt sich von ihr chauffieren. Im Laufe dieser Fahrt greift er die Frau mit einem Messer an, dirigiert sie auf einen Feldweg am Rand eines Waldes bei Singen und sticht weiter auf sie ein. Im Bewusstsein, die Frau getötet zu haben, vergeht er sich mehrmals an ihrem reglosen Körper. Dass sein Opfer noch lebt, ahnt er nicht. Andrej W. entfernt sich vom Tatort, wo die Taxifahrerin in den frühen Morgenstunden schließlich von Fahndern gefunden wird – ihre Kollegen hatten sie als vermisst gemeldet, nachdem sie auf Funkrufe nicht mehr reagiert hatte. Sie überlebt nur knapp.

Einen Tag später, am 9. Juni 2010, sucht sich Andrej W. sein nächstes Opfer. Wieder eine Taxifahrerin, dieses Mal in Friedrichshafen. Er steigt zu der 32-Jährigen ins Fahrzeug und lässt sich stundenlang durch die Region kutschieren – Stationen auf dieser Bodenseetour sind die Insel Mainau, Konstanz und Meersburg. Die alleinerziehende Mutter zweier Kinder ist bis zuletzt ahnungslos. An einem schlecht einsehbaren Parkplatz nahe des Freibads Hagnau, direkt am Ufer des Bodensees, geht Andrej W. im Auto auf die Fahrerin los. Mehrmals sticht er mit dem Messer gezielt in ihren Hals. Zu einer Vergewaltigung kommt es aber nicht: Der Täter löst versehentlich einen Alarm im Taxi aus und flieht daraufhin, während sein Opfer den Verletzungen erliegt. Obwohl es um die Mittagszeit ist, bekommt niemand etwas mit.

Nach dem Mörder wird schnell mittels Phantombild gefahndet. Auf die Spur des 28-Jährigen kommen die Behörden kurze Zeit später durch die DNA-Proben an den Tatorten. Der Abgleich mit der Datenbank identifiziert Andrej W. als dringend tatverdächtig. Eine Großfahndung setzt ein: Hubschrauber kreisen über der Region. Polizeieinheiten durchkämmen weitreichende Gebiete. Die Taxibranche steht unter Schock. Vier Tage nach dem Mord nehmen Einsatzkräfte den Täter schließlich im brandenburgischen Senftenberg fest: Andrej W. wird in der Gartenlaube eines Verwandten von 20 Beamten überrascht, während er sich das WM-Spiel Deutschland gegen Australien im Fernsehen ansieht. Er leistet keinen Widerstand.

Der Tatort in Hagnau am 9. Juni 2010: Durch DNA-Proben am Tatort kommen die Ermittler auf die Spur von Andrej W.
Bild: Patrick Seeger, dpa

Als im Januar 2011 der Prozess gegen Andrej W. beginnt, offenbaren sich finstere Abgründe beim Blick ins Seelenleben dieses Mannes, dem das Landgericht aufgrund von Gutachten bald „Verrohung“ und „schwere, seelische Abartigkeit“ bescheinigt. Zunächst sagt der Angeklagte nichts zu seinen Taten. Andrej W. – schlanke, mittelgroße Gestalt, kurzes Haar, harmloses Äußeres – steht eine Dolmetscherin zur Seite, mit der er im Verlauf des Prozesses zu flirten versuchen wird. Das unreife Benehmen des 28-Jährigen entsetzt nicht wenige Prozessbeobachter.

Das Verfahren fördert desolate und lieblose Familienverhältnisse zutage, mit denen sich Gutachter das grausame und empathielose Verhalten des Angeklagten zum Teil erklären. Der behandelnde und sichtlich entsetzte Arzt der überlebenden Taxifahrerin sagt aus, dass er Verletzungen dieser Art nur von tödlichen Motorradunfällen her kenne und eine derart „unglaubliche Gewalt“ von menschlicher Hand bisher nicht für möglich gehalten hätte. Die 44-Jährige ist zu diesem Zeitpunkt noch in der Reha. Damals scheint schon klar, dass sie aufgrund von Rückenmarksverletzungen nie wieder wird laufen können.

Gegen Ende des Prozesses – Anklage, Nebenkläger und Verteidiger haben ihre Plädoyers bereits gehalten – bricht Andrej W. zur Überraschung aller doch noch sein Schweigen und gesteht die Taten. Er habe die Kontrolle über sich verloren, er habe im Moment der Verbrechen nicht begriffen, was in ihm vorgehe. „Es tut mir leid.“ Er sei froh, dass die Taxifahrerin aus Singen überlebt habe. Ihr das selbst zu sagen, sie dabei anzusehen – das gelingt ihm aber nicht, obwohl sich kurze Zeit später die Gelegenheit dazu bietet. Es ist der 10. Februar 2010, der Tag der Urteilsverkündung, als sein überlebendes Opfer im Rollstuhl in den Verhandlungssaal geschoben wird.

Mit der spektakulären Flucht aus der Forensik macht er Schlagzeilen

Das Urteil lautet schließlich lebenslang, bei verminderter Schuldfähigkeit aufgrund der in den Gutachten festgestellten „schweren Persönlichkeitsstörung“ sowie „abnormer Sexualfantasien“. Die Unterbringung in einem psychiatrischen Krankenhaus wird angeordnet. Ob Andrej W. je noch einmal freigelassen wird, hängt zu diesem Zeitpunkt davon ab, wie Gutachter den Verurteilten nach frühestens 15 Jahren Haft einschätzen werden.

Der damalige Pflichtverteidiger, Rechtsanwalt Klaus Frank, glaubt allerdings nicht daran, dass sein ehemaliger Mandant je wieder frei kommt – jedenfalls hofft er es nicht: „Ich halte ihn nach wie vor für blitzgefährlich. Man darf ihn nie wieder rauslassen.“ Zuletzt besucht hat ihn der Anwalt im Mai 2011, kurze Zeit nachdem Andrej W. noch einmal bundesweit Schlagzeilen gemacht hat: mit seiner spektakulären Flucht aus der forensischen Psychiatrie Wiesloch bei Heidelberg.

Die  Gartenlaube in Senftenberg, wo Andrej W. vier Tage nach dem Mord an der 32-Jährigen festgenommen wurde.
Bild: Steffen Rasche, dpa

„Er war ganz stolz darauf und hat mir genau erzählt, wie er es gemacht hat“, erinnert sich Klaus Frank und erzählt die Geschichte so: Eines Tages findet Andrej W. beim Hofgang, den er nur in Hand- und Fußfesseln absolvieren darf, einen kleinen Nagel. Wann immer sich ihm die Möglichkeit bietet, versucht er, damit die Fesseln zu knacken und trainiert das Aufschließen. Am Tag seiner Flucht befreit er sich von Hand- und Fußschellen, hängt eine Toilettentür aus und benutzt diese als eine Art Leiter, um die erste, vier Meter hohe Mauer zu überwinden. „Irgendwie hat er sich dann noch über die nächste Mauer und den Stacheldraht gekämpft“, sagt Frank, der seinem ehemaligen Mandanten eine „gewisse Schläue und einen starken Überlebenswillen“ zubilligt. Mehrere Hundertschaften sowie spezialisierte Zielfahnder schnappen den Flüchtigen aber binnen 24 Stunden wieder – einmal mehr in einer Gartenlaube.

Bald danach habe sich das Verhältnis zu seinem Mandanten eingetrübt, erzählt Klaus Frank. „Er hat dann angefangen, mich zu beschimpfen. Mir Drohbriefe geschickt.“ In der Kollegenschaft sowie der Öffentlichkeit habe ihm die Verteidigung des Andrej W. massiv geschadet: „Er war einfach der Feind der Nation und ich der böse Anwalt neben ihm.“ Heute führt Klaus Frank keine eigene Kanzlei mehr, sondern arbeitet jetzt für eine Verbraucherzentrale. Fern der Strafverteidigung.

Und das überlebende Opfer aus Singen? Ihre Anwältin erklärt am Telefon, dass sich ihre Mandantin nicht mehr öffentlich äußern wird. Auch über den Gesundheitszustand der Frau will sie keine Informationen verbreitet sehen. Zehn Jahre nach den schrecklichen Taten soll endlich Ruhe einkehren. Auch wenn die Erinnerung an den Juni 2010 vielen Menschen noch allzu frisch präsent ist. Ebenso frisch wie die Blumen an der improvisierten Gedenkstätte am Bodenseeufer in Hagnau.

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