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Großbritannien

30.10.2019

39 Tote in Lastwagen entdeckt: Moderne Sklaverei im Königreich?

In diesem Lkw wurden die Leichen von 39 Menschen entdeckt (hier wird er zur forensischen Untersuchung gefahren).
Bild: Leon Neal, Getty Images

Im Oktober waren in einem Lkw in England 39 Leichen entdeckt worden. Der entsetzliche Fund ist offenbar nur Teil eines riesigen verbrecherischen Systems.

„Es tut mir so leid, Mama und Papa“ lautet der Beginn einer Serie von Textnachrichten, die Pham Thi Tra My an ihre Eltern in Vietnam schickt. „Meine Reise ins Ausland ist gescheitert. Mama, ich liebe dich so sehr.“ Dann folgt dieser erschütternde Satz der Tochter, der zeigt, dass sie alle Hoffnung aufgegeben hat: „Ich sterbe, weil ich keine Luft bekomme.“ Es ist 4.28 Uhr in Vietnam, 22.28 Uhr in Großbritannien, als die Familie die Horror-SMS erreicht. Vier Stunden später, am frühen Morgen des 23. Oktober und beinahe 10.000 Kilometer entfernt, werden Rettungskräfte in das Industriegebiet in Grays in der Grafschaft Essex gerufen, um in einem weißen Lastwagen-Container eine furchtbare Entdeckung zu machen: 39 Leichen liegen darin. 31 Männer und acht Frauen sind tot. Alle erfroren durch das Kühlsystem im Inneren des Lasters, das eine Temperatur von bis zu minus 25 Grad Celsius erzeugt. Ein „Metall-Sarg“, wie Medien den schalldichten Anhänger später nennen.

Ob sich die 26-jährige Pham Thi Tra My unter den Opfern befindet, ist zwar von den Behörden nicht bestätigt, doch ihre verzweifelte Familie im fernen Vietnam betrachtet das für sie so qualvolle Schweigen der Tochter als Bestätigung. Seit den Nachrichten an jenem Morgen gab es keinen Kontakt mehr, obwohl die junge Frau sich sonst regelmäßig während ihrer Reise, die sie zunächst nach China und von dort nach Frankreich führte, gemeldet hatte.

Polizei in Großbritannien ermittelt: Wer sind die 39 Toten im Lastwagen?

Die Polizei in Großbritannien sowie in anderen Ländern ermittelt, um sowohl die Identität der 39 Toten zu klären als auch mehr über die Hintergründe der Tragödie zu erfahren. Sie stellt sich auf eine „langwierige Untersuchung“ ein, da die Migranten kaum Dokumente bei sich hatten. Mithilfe von Fingerabdrücken, DNA-Proben und körperlichen Merkmalen wie Narben oder Tätowierungen sollen die Opfer identifiziert werden.

Gegen Maurice Robinson, den 25-jährigen Fahrer des Lastwagens mit bulgarischem Kennzeichen, wurde am vergangenen Wochenende Anklage wegen Totschlags erhoben. Der aus Nordirland stammende Robinson hatte den Notruf gewählt, kurz nachdem er um halb eins am frühen Mittwochmorgen den Container am Hafen Purfleet abgeholt und im nahen Industriegebiet die Leichen entdeckt hatte. Der Sattelaufleger war zuvor vom belgischen Zeebrugge auf die Insel verschifft worden. Wann und wo die Menschen in den Laster gelangten, ist auch mehr als eine Woche nach dem schrecklichen Fund unklar.

Hoang Thi Ai sitzt in ihrem Haus im Bezirk Dien Chau, hält ihr Mobiltelefon hoch und zeigt ein Foto ihres vermissten Sohnes Hoang Van Tiep, von dem sie befürchtet, dass er zu den in einem LKW entdeckten Toten in England gehört.
Bild: Hau Dinh, dpa

Die Anklage wirft Robinson, der von Freunden nur „Mo“ genannt wird, nicht nur Totschlag in 39 Fällen, sondern auch Menschenhandel, Geldwäsche und Verstöße gegen das Einwanderungsgesetz vor. Am Montag wurde der Nordire dem Gericht vorgeführt. Da hieß es, er sei angeblich Teil eines Netzwerks gewesen, das sich darauf spezialisiert habe, illegale Migranten nach Großbritannien zu schmuggeln.

Organisierte Kriminalität? Menschenhandel? Weitere Festnahme am Freitag

Am Freitag nahmen Sicherheitskräfte dann noch einen 23-Jährigen in Irland fest, der ebenfalls aus dem britischen Nordirland stammt. Er soll nach Großbritannien ausgeliefert werden. Ihm werden Totschlag in 39 Fällen sowie Menschenhandel und Einwanderungsvergehen vorgeworfen. Zudem forderte die Polizei zwei verdächtige und ebenfalls aus Nordirland stammende Brüder auf, sich den Behörden zu stellen. Die Brüder betreiben ein Transportunternehmen in der nordirischen Stadt Armagh. Sie werden ebenfalls wegen Totschlags und Menschenhandels gesucht. Drei weitere Verdächtige waren dagegen auf Kaution freigekommen.

Wurden die 39 Menschen, die vermutlich aus Vietnam stammen, also Opfer der Organisierten Kriminalität? Sollten sie von Menschenhändlern ins Vereinigte Königreich gebracht werden? Verkauft von Banden, um in Restaurants oder Bordellen zu schuften?

Der schreckliche Fall hat auf der Insel eine Debatte über moderne Sklaverei entfacht. In dem Report „Precarious Journeys“, den mehrere Anti-Sklaverei-Organisationen mithilfe des britischen Innenministeriums erarbeitet haben, wird deutlich, dass von 2009 bis 2018 mindestens 3187 Menschen aus Vietnam als potenzielle Schleuseropfer identifiziert wurden. Die Dunkelziffer, so betonen Experten, dürfte weitaus höher liegen. Laut eines Berichts der Regierung gehen die Behörden davon aus, dass zwischen 10.000 und 13.000 Menschen im Königreich in irgendeiner Form von moderner Sklaverei feststecken. Die drittgrößte Gruppe der Opfer ist laut offiziellen Angaben jene der Vietnamesen, mehr als die Hälfte von ihnen sind minderjährig.

Für viele endet die Reise mit dem Tod

So wie Minh, als er in die Fänge von Schmugglern geriet, wie er Medien erzählte. Als der damals 16-Jährige im Sommer 2013 irgendwo nahe Dover von der Ladepritsche des Lastwagens springt, ahnt er nicht, dass er sich im Vereinigten Königreich befindet. Minh weiß nur, dass er an einem Ort ist, um zu arbeiten. Menschenschmuggler hatten ihn von Vietnam auf die Insel gebracht. Es ist eine gefährliche Reise, die für viele immer wieder mit dem Tod endet. Für den Teenager sollte der wahre Horror jedoch erst mit seiner Ankunft in England beginnen.

Er wird in ein zweistöckiges Haus in der Grafschaft Derbyshire im Norden Englands gebracht, das einmal ein gemütliches Familienheim gewesen sein mag, hinter dessen Mauern sich aber nun eine Cannabis-Farm befindet. Minh, so wird ihm aufgetragen, soll sich fortan um die Pflanzen kümmern, die in den Zimmern wuchern und solch einen starken süßlichen Gestank verbreiten, dass der Teenager nach ein paar Tagen Kopfschmerzen bekommt und ihm schlecht wird. Seine – übrigens vietnamesischen – „Arbeitgeber“ gehen, sperren die Tür ab und den 16-Jährigen ein. Minh ist ganz allein in dem Haus.

Drei Monate lang verbringt der Jugendliche dort, es sind Monate voller Angst und Einsamkeit hinter heruntergelassenen Rollläden. Minh sitzt in der Dunkelheit und in steter Sorge, dass ihm das Essen ausgehen könnte, das seine Schlepper tiefgefroren dagelassen haben und das er sich in einer alten Mikrowelle in der Küche aufwärmt. Minh weiß, dass er ernsthafte Schwierigkeiten bekommen würde, sollten die Cannabis-Pflanzen unter den unzähligen Lampen eingehen.

Man drohte dem Jugendlichen mit dem Tod

Einmal wagt er einen Fluchtversuch, doch ohne Erfolg. Stattdessen wird ihm eingetrichtert, dass er umgebracht wird, sollte er noch einmal versuchen, zu entkommen. „Es war wie eine andere Welt“, sagt Minh später gegenüber dem Guardian. „Ich fühlte mich nicht einmal mehr wie ein Mensch. Ich habe sehr schnell verstanden, dass die Pflanzen wertvoller waren als mein Leben.“ Erst als die Polizei während einer Razzia die Cannabis-Farm entdeckt, ist sein Sklaven-Dasein vorüber. Trotzdem, ein Happy End gab es nicht sofort. Vielmehr sah sich der Jugendliche gefangen in einem Rechtssystem, das ihn nicht als Opfer, sondern als Kriminellen behandelte. Sein Kampf um Gerechtigkeit warf viele Fragen in Großbritannien auf, wie das Land mit Kindern umgeht, die auf die Insel geschleust und versklavt werden. Im Jahr 2015 wurde mit dem „Modern Slavery Act“ ein Gesetz geschaffen, das die Hürden für die Beschäftigung von Menschen aus bestimmten Ländern erhöht. Kritiker klagen jedoch, das Gesetz sehe zu wenig Opferschutz vor und helfe in erster Linie der Polizei.

Das Problem lautet: Da die ins Land geschmuggelten Menschen wüssten, dass sie sich illegal im Königreich befänden, hätten sie Angst vor der Polizei und es sei extrem unwahrscheinlich, dass sie ihre verzweifelte Lage meldeten. So heißt es in dem in diesem Jahr veröffentlichten Report „Precarious Journeys“. Manche würden nicht einmal erkennen, dass sie Opfer von Menschenhandel seien, da sie selbst entschieden hätten, nach Großbritannien zu reisen und Schleuser dafür bezahlten, den Trip zu organisieren und einen Job für sie zu finden. Die Kosten für eine Reise liegen dem Bericht zufolge zwischen umgerechnet 9000 und 36.000 Euro.

Warum zieht es so viele Vietnamesen nach Großbritannien?

Die Gründe, warum es so viele Menschen insbesondere aus Vietnam ausgerechnet nach Großbritannien zieht, sieht die Soziologin Tamsin Barber von der Oxford-Brookes-Universität zum einen darin, dass es bereits ein breites Netzwerk von Landsleuten gibt, die den Neuankömmlingen mit Unterkunft und Job helfen können. Zudem wissen die Menschen, dass sie im Königreich sehr wahrscheinlich Arbeit finden und Geld an ihre Familien in der Heimat schicken können. Auf der Insel herrsche eine hohe Nachfrage an gering qualifizierten Arbeitern, die dann in Restaurants, in Nagelstudios oder im illegalen Cannabis-Anbau tätig sind. Organisationen, die sich dem Kampf gegen moderne Sklaverei verschrieben haben, warnen seit Jahren vor dem wachsenden Problem, dass vietnamesische Kinder und junge Erwachsene ins Königreich geschleust werden.

Sollte oder wollte auch die 26-jährige Pham Thi Tra My, die vermutlich zu den 39 Toten gehört, in einem Nagelstudio arbeiten? Ihr Bruder erzählte einem BBC-Reporter, dass seine Schwester 30.000 Pfund (knapp 35.000 Euro) an Menschenschmuggler bezahlt habe, die ihr ein gutes Leben in England versprochen haben. Und dass bizarrerweise in jener Nacht das Geld an die Familie zurücküberwiesen wurde, als die ersten Nachrichten der Tragödie auftauchten. Warum? Von wem? Das ist bislang ungeklärt.

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