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Pandemie

06.05.2020

Ach, Freunde! Wie Corona unsere Beziehungen verändert

Was wäre wir ohne die Menschen, die uns in- und auswendig kennen? Mit denen man sich, selbst in Corona-Zeiten, auf ein Glas Sekt und einen Ratsch treffen kann – wenn auch mit Abstand.
Bild: Daniel Biskup (Symbolfoto)

Plus Endlich darf man die Familie wieder sehen. Aber was ist mit gemeinsamen Grillabenden? Freundschaften sind anders – mit digitalen Treffen und langen Telefonaten.

Freunde sind kein Klopapier. Oder, anderer Vergleich, keine Hefe. Man kann sie nicht hamstern. Wäre das anders, hätte man im Februar oder Anfang März noch einmal jeden Abend sich treffen, ausgehen, reden müssen. Und sich umarmen. Schnell noch alles wegfeiern, was geht. Oder noch gemeinsam in Urlaub fahren. Aber wie gesagt…

Seit fast sieben Wochen herrscht in Deutschland neue Normalität. Eine, die sich jeden Tag ändern kann, wenn irgendwo ein Ministerpräsident vor die Kamera tritt. In Bayern also seit Mittwoch erlaubt: Besuche bei der engen Familie oder einer Person außerhalb des eigenen Hausstands, also einem Freund. Ob zur neuen Normalität aber auch bald gehören wird, mit Freunden zum Beispiel abends am Tisch zusammenzusitzen, weiß man nicht. Weiß niemand, also auch nicht Christian Drosten, Virologe an der Charité in Berlin, gefühlt schon ein guter Bekannter. Aber wenn man ihn zuletzt richtig interpretiert hat, wird es mit den Freunden am Tisch noch dauern. Nicht gefeiert jedenfalls seitdem: drei Geburtstage, und den einen gleich ganz vergessen, weil man sich all die Jahre offenbar auf die Einladung verlassen hat. Gestrichen alles, was im Kalender stand und sich nach Geselligkeit anhört, angefangen von A wie Andrea, Abendessen, bis Z, wobei einen Freund mit Z haben wenige. Gestrichen also: Alltagsrelevantes, Lebensrelevantes. Wie mit einem Federstrich. Vor einem Jahr, ach was, noch im Dezember, bevor die ersten Bilder aus Wuhan kamen, hätten bei dieser Vorstellung alle den Kopf geschüttelt. Gedacht, jetzt aber mal halblang...

Im Schnitt haben die Deutsche 3,3 Freunde

Als das Allensbach Institut im vergangenen Jahr fragte, was den Menschen denn am wichtigsten sei, sagten die allermeisten: ihre Freunde. Mehr als 85 Prozent. Die Deutschen lieben ihre Freunde, schrieb daraufhin das Institut, und das klang plötzlich so, als sei das etwas Besonderes. Etwas ganz Typisches im Vergleich zu anderen Ländern. Jaja, die Deutschen, die mit ihrer Ordnung, ihrer Pünktlichkeit und ihren Freunden. Aber gut, in der Umfrage kamen die Familie und glückliche Partnerschaften tatsächlich erst an Platz zwei und drei. In einer anderen Umfrage wurde ermittelt, dass die Deutschen im Schnitt 3,3 Freunde haben, mit denen sie durchschnittlich 8,9 Stunden pro Woche verbringen. Also nicht mit jedem, sondern insgesamt. Das ist ein ganzer Arbeitstag. Was machen die Deutschen aber mit diesem Tag seit sieben Wochen? Und mit ihren Freunden? Und wie geht es ihnen eigentlich damit? Gewöhnen sie sich etwa schon daran? Neue Fragen in der neuen Normalität.

 

Als die Krise begann, kam gerade ein kleines Buch auf den Markt: „Freunde, was uns verbindet.“ Manchmal hat man als Autor diese Art von Glück, wenn man es in diesem Fall so nennen mag, dass ein lang geplantes Buch genau in die richtige Zeit hineinfällt. Und so schrieb auch die Mitarbeiterin des Verlags in einer Mail noch dazu: „Gerade in der aktuellen Situation sind soziale Kontakte und Freundschaften ja ein wichtiges Thema.“ Man kann das Buch jedenfalls sehr gut an jeden verschenken, nach dem man Sehnsucht hat. Heike Faller schreibt darin von Freundschaften, wie sie entstehen, was sie ausmacht, warum sie zerbrechen, wie lange sie halten können und vor allem, was man mit Freunden alles so unternimmt: Um Mitternacht Schwimmen gehen, dann ist man meist noch ziemlich jung, auf dem Sofa sitzen und noch ein Glas Wein einschenken, dann vermutlich schon etwas älter. Dazu hat Valerio Vidali Bilder gezeichnet. Es ist das zweite Buch, das die beiden zusammen machen, vermutlich sind sie mittlerweile Freunde. Es ist ein Buch aus der alten Normalität, man sieht Freunde beim Feiern, Singen, Spielen, im Auto, auf dem Auto, auf dem Schlauchboot, im Meer. Fast nie Mindestabstand. Aber nie sieht man Freunde vor dem Bildschirm sitzen.

Die neue Normalität: Zoom-Meeting statt Zusammensitzen

So aber sahen die letzten Wochen in der neuen Normalität aus: Zoom-Meeting oder Facetime oder wie auch immer statt Zusammensitzen. Für diejenigen, die das mögen. Für die anderen? Spaziergehen. Was aber auch nicht jeder mag. All das aber ist besser als nichts. Also, auf ein Glas Wein mit R. und S. und K. am Sonntagabend, wobei R. sich meist zwei Gläser Aperol Spritz mixt und vor dem Bildschirm platziert, sehr wenig Alkohol, wie sie sagt, damit sie während des Gesprächs nicht aufstehen muss. Es ist meist sehr sehr lustig. Jeder in seiner Kachel, wenn einer beziehungsweise eine spricht, wird die Kachel größer. Manchmal sind die Kacheln überfordert: wenn zwei oder drei gleichzeitig sprechen. Dann zucken sie nervös.

Hätte man in der alten Normalität vorgeschlagen, sich doch einfach mal digital zu verabreden, die Freunde hätten vermutlich überlegt, ob man sich Sorgen machen müsse... Und jetzt? Geht plötzlich alles digital. Auch Kartenspielen, Serienschauen, Stricken, über Bücher sprechen, gemeinsames Angrillen. Ist man plötzlich heilfroh über diese Business-Tools, die nun Freundschafts-Tools geworden sind, einem tatsächlich so etwas wie Normalität bewahren. Wobei, was ist eigentlich normal?

Bevor nun Janosch Schobin zu Wort kommt, Freundschaftsforscher an der Universität Kassel, noch schnell zu einer anderen Umfrage. Nicht repräsentativ, einfach mal bei einigen Freunden angerufen. „Das Umarmen fehlt“, sagen D. und R. und B. und auch M.: „Ich hätte gar nicht gedacht, dass mir das so wichtig ist.“ Die ganz normale Nähe also. C. erzählt, dass er kaum mehr zum Telefonieren kommt vor lauter digitalen Treffen, diesen Abend Biertrinken mit den Berlinern... Es sind ja jetzt immer alle zu Hause. R. sagt: „Ich träume von einer Gartenparty.“ T. wiederum: „Ich vermisse gar nichts.“

Jetzt aber zu Schobin. So viel journalistisches Interesse für sein Fachgebiet wie derzeit kennt der Wissenschaftler normal aus der Zeit vor Weihnachten, dann geht es vor allem um die Einsamkeit und wie man damit so über die Feiertage zurechtkommt. Nun also die Corona-Einsamkeit. Alle auf Abstand. Sie trifft jene am meisten, die auch ansonsten nicht mittendrin stehen, sagt Schobin, die sich die nötige Portion Nähe im Alltag nebenbei holen, die in der Gruppe eher so mitlaufen. Und natürlich die, die gerade existenzielle Sorgen haben, für die eine Welt zusammenbricht. Wenn man also gar nicht genug gute Freunde haben kann. Das Geld werde gerade mit der Gießkanne verteilt, heißt im Moment oft, auch das stimmt so natürlich nicht. Was die Härten der Krise betrifft, stimmt das Bild von der Gießkanne schon dreimal nicht. „Ich weiß, anderen geht es schlechter“, sagt B., „da käme ich mir blöd vor zu jammern.“

Corona und Freunde - das ist ein bisschen wie Intervallfasten

Es ist eher so: Wenn man ein bisschen länger spricht, fangen die Menschen an, auch ganz vorsichtig zu schwärmen. Von stundenlangen Telefonaten. Von verloren geglaubten Freunden, die sich wieder gemeldet haben. Von besseren Gesprächen. Die Buchautorin Heike Faller hat, wenige Wochen nachdem ihr Buch erschienen ist, über ihre Erfahrung mit Freundschaft während der Corona-Krise geschrieben. Man hätte nach diesem Buch einen Sehnsuchtsartikel erwarten können. Wurde es nicht. Faller, Zeit-Redakteurin, schrieb, wie erleichtert sie erst einmal gewesen sei, all die ja an sich schönen Termine aus dem Kalender zu streichen. Ausflug ins Wellenbad zum Beispiel. Und wie sehr sie es genieße, plötzlich endlos viel Zeit zu haben: „Für enge Freunde, für alte Freunde und für Menschen, mit denen ich mich verbunden fühle und mit denen ich sonst doch viel zu wenig rede.“

Die Corona-Zeit und Freunde, das ist ein bisschen wie beim Intervallfasten. Wo nach 16 Stunden ohne Essen plötzlich der Biss in den Apfel pures Glück ist, für andere der in die Leberkässemmel. Den Vergleich mit dem Fasten hat Trend – und Zukunftsforscher Matthias Horx benutzt in seiner Rückwärts-Prognose, in der er beschrieb, wie und worüber wir uns wundern werden, wenn die Krise überstanden ist – beim Blick auf diese Zeiten. „Paradoxerweise erzeugte die körperliche Distanz, die der Virus erzwang, gleichzeitig neue Nähe“, schreibt Horx: „Wir haben Menschen kennengelernt, die wir sonst nie kennengelernt hätten. Wir haben alte Freunde wieder häufiger kontaktiert, Bindungen verstärkt, die lose und locker geworden waren.“

Auch Janosch Schobin glaubt, dass die Corona-Zeit im Rückblick eher als freundschaftsintensive Zeit wahrgenommen werde. Vor allem bei jenen, die exklusive Zweierbeziehungen pflegen. Beste Freunde. Weil es in diesen Freundschaften vor allem auch um emotionale Unterstützung geht, ums Gespräch – „das kann ich am Telefon jetzt genauso führen.“ Wobei das Konzentrieren auf wenige enge Freundschaften auch mit sich bringe, dass die „Aufmerksamkeitskonkurrenz“ zunehme, sagt Schobin. Wenn die Menschen länger mit einzelnen und dafür weniger mit vielen kommunizieren, bedeutet das auch: Es bleibt nicht für alle ein bisschen was vom Freundschaftsplausch übrig.

Wenn man Schobin fragt, wen die Kontakt- und Ausgangsbeschränkungen am härtesten getroffen hat, dann sagt er: die Jugend. Weil da die Gruppe oft noch viel wichtiger ist, die eigene Performance, das Gesehenwerden, „sich als geschätzte Person zu erleben“. Und natürlich, weil man da auch noch um Mitternacht ins Schwimmbad gehen möchte. Was gar nicht zusammengeht: Corona und Erlebnishunger. Wenn man so jung ist, dass man noch gar keine alten Freunde haben kann ...

Und jetzt? Ist also alles fast schon wieder gut? Werden aus dem einen Freund, den man sehen darf, bald zwei? Und was, wenn doch nicht, wenn die zweite Welle kommt? „Die Menschen brauchen im Moment schon die Hoffnung auf ein baldiges Ende, dass es zu ertragen bleibt“, sagt Schobin. Bis zum Winter will keiner denken oder bis zum Herbst, über den Rilke schrieb: „Wer jetzt allein ist, wird es lange bleiben.“ Wie aber wird der Sommer? Mit Masken zur Grillparty, Ellenbogengruß vorm Kinoeingang, bevor man sich anderthalb Meter entfernt voneinander in die Sessel gleiten lässt, Geburtstagsfeste und auf jeder Bierbank sitzen nur zwei? Wer weiß. Louis Armstrong singt in „What a Wonderful World“ von Bäumen, Rosen, Babys und auch von Freunden. „I see friends shaking hands, saying how do you do, but they’re really saying I love you.“ Ach Freunde, alle zusammen, bis bald!

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