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Corona
24.11.2020

Italiens Schüler fordern: Lasst uns wieder in die Schule!

„Unwissenheit tötet mehr als Covid“ steht auf dem Zettel, den diese Schülerin an ihrem Laptop befestigt hat. Sie sitzt mit Klassenkameraden vor ihrem Gymnasium in Rom auf der Straße.
Foto: Johannes Neudecker, dpa

In vielen italienischen Städten sind die Schulen wieder dicht. Kinder protestieren gegen den Fernunterricht. Die zwölfjährige Anita ging als erste auf die Straße. Und sie könnte Erfolg haben.

Immerhin scheint dieser Tage die Sonne in Turin. Morgens gegen neun Uhr sind es jetzt acht Grad. Anita ist in eine warme Decke gehüllt, sie trägt weiße Handschuhe, eine dicke Jacke, Schal, Gesichtsmaske und Mütze. Jeden Morgen setzt sich die Zwölfjährige an ein kleines Tischchen vor ihre Schule, der Mittelschule Italo Calvino im Zentrum von Turin. Vor ihr ein Heft, daneben das Federmäppchen und ein Tablet. An diesem Tag sitzen drei Mädchen im Sicherheitsabstand nebeneinander, sie sind das Sinnbild einer neuen Protestwelle im Land. „Schools for Future“ – Schulen für die Zukunft – wird die Bewegung in Anlehnung an die Freitagsproteste der Klimaschützer um Greta Thunberg genannt.

Anita und ihre Freundinnen wollen eine Zukunft, die ihnen wegen der Corona-Pandemie derzeit vorenthalten wird. Die Oberschulen sind in vielen Landesteilen geschlossen. Es herrscht verkehrte Welt in Italien: Die Schülerinnen wollen in die Schule gehen, dürfen aber nicht.

Im Oktober schlossen Italiens Schulen ein zweites Mal

Im Zuge der ersten Pandemie-Welle ließ die Regierung die Schulen im März im ganzen Land schließen. Weil die großen Ferien bereits Ende Juni beginnen, endete das Schuljahr mit Fernunterricht. Die meisten der acht Millionen Schüler in Italien verfolgten monatelang ihre Lehrer und deren Unterricht über Computer, Tablets oder Mobiltelefone. Im Sommer schien Italien die Pandemie in den Griff zu bekommen. Die Schulen öffneten im September für Präsenzunterricht. Doch als die Ansteckungszahlen im Oktober wieder in die Höhe gingen, beschloss die Regierung nicht nur erneute Beschränkungen im öffentlichen Leben, sondern in einigen Landesteilen auch die Schließung der Schulen. Überall im Land protestieren Schüler dagegen.

„Wir wollen zurück in die Schule“, sagte Anita im italienischen TV-Kanal Rainews. „Das ist nicht extravagant, sondern ein Recht.“ Ihre Argumente lauten, dass die Schulen kein wesentlicher Ansteckungsherd seien, dass viele Schüler zuhause schwierigen Verhältnissen ausgesetzt seien, die Schule sei auch ein sicherer Ort für sie. Schließlich verfügten zahlreiche Familien gar nicht über entsprechende Geräte.

Nicht jeder Schüler hat zu Hause ein Tablet.
Foto: Ulrich Wagner

Im Frühjahr war von einem Viertel der italienischen Familien ohne internetfähige Geräte die Rede, heute teilt die Statistikbehörde mit, zwölf Prozent aller Kinder zwischen sechs und 17 Jahren hätten keinen Zugang zum Internet. Anitas Mutter Cristiana Perrone fügt hinzu: „Anita erzählt mir, dass sie sich nicht konzentrieren kann, drei bis vier Stunden vor dem Bildschirm sind einfach zu viel.“ Ihre Tochter und ihre Freundinnen seien keine Covid-Leugnerinnen, doch wenigstens die Schule könne wie in anderen Ländern im Präsenzunterricht funktionieren. Das würde auch berufstätige Eltern entlasten.

Giuseppe Conte, Ministerpräsident von Italien, macht den Schülern Hoffnung.
Foto: Mauro Scrobogna, LaPresse, AP, dpa

Bis zur fünften Klasse wird in besonders betroffenen Regionen Präsenzunterricht angeboten, ab Klasse sechs sowie an den Universitäten gibt es nur noch Online-Unterricht. Bildungsministerin Lucia Azzolina rief Anita in den ersten Tagen ihres Protests an und bedankte sich bei ihr. Sie werde alles tun, damit die Schulen bald wieder öffneten, berichtet Anitas Mutter über das Telefonat. In einem Zeitungsartikel schrieb die Ministerin an die Schüler: „Nicht ihr dürft es sein, die den höchsten Preis für diesen Notstand bezahlen.“ Auch Ministerpräsident Giuseppe Conte versicherte, die Schulen seien keine wesentlichen Ansteckungsherde. „Das Problem ist, was vor und nach der Schule passiert“, sagte er und meinte damit das Gedränge im öffentlichen Nahverkehr. „Das ist gefährlich.“

Inzwischen ist die dritte Woche Heim-Unterricht angebrochen. Der von Anita angestoßene Protest hat sich ausgeweitet – nach Mailand, Treviso, Rom. Und die Aussichten für die Protestierer sind gar nicht so schlecht. Angesichts des Rückgangs der Ansteckungen besteht in einigen Regionen eine konkrete Chance für die Rückkehr in die die Klassen.

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