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Corona-Pandemie

19.02.2021

Das neue Tübingen? Wie Böblingen sich frei testen will

Im Landkreis Böblingen können sich Menschen zwei Mal die Woche kostenlos auf das Coronavirus testen lassen.
Bild: Sebastian Gollnow, dpa

Plus Der Landkreis Böblingen sorgt bundesweit für Schlagzeilen. Jeder kann sich dort zwei Mal pro Woche kostenlos testen lassen. Wie funktioniert das?

Eigentlich taucht der Landkreis Böblingen selten in den überregionalen Medien auf. Den Menschen außerhalb Baden-Württembergs ist man hier vor allem als Daimler-Standort ein Begriff. In Sindelfingen, der größten Stadt des Landkreises, läuft mit der S-Klasse das Flaggschiff von Mercedes-Benz vom Band. Zurzeit macht jedoch ein anderes Modell aus der schwäbischen Provinz Schlagzeilen. Dabei geht es zwar auch um Geschwindigkeit und effektive Organisation, das sogenannte Böblinger Modell hat aber nichts mit Pferdestärken und Nobelkarossen zu tun. Vielmehr könnte die Schnelltest-Strategie ein weiterer Hoffnungsschimmer sein auf dem Weg heraus aus dem Corona-Lockdown.

Denn seit dem 8. Februar können sich alle Bürger im Landkreis, die älter als zwölf Jahre sind, bis zu zwei Mal pro Woche mit einem Schnelltest auf Corona untersuchen lassen - und zwar kostenlos. Landrat Roland Bernhard ist seit der Einführung dieses Pilotprojektes ein gefragter Mann. Eine Interviewanfrage nach der anderen flattert in sein Postfach. In Talkshows soll er sein Böblinger Modell erklären. Erst am Dienstagabend saß er bei Markus Lanz und ist damit auf bestem Wege, es den Nachbarn aus Tübingen gleichzutun, die schon seit mehreren Monaten mit ihre Pandemie-Strategie für Aufmerksamkeit sorgen.

"Böblinger Modell": Landrat Roland Bernhard wird viel zu Corona-Tests befragt

Bernhard ist überzeugt, das Böblinger Modell werde weitere Kreise ziehen. „Der Hunger nach Freiheit ist groß“, sagt er. Und um die zurückzubringen, brauche es kreativere und intelligentere Ansätze. Statt lediglich Menschen zu testen, die bereits Husten, Halsschmerzen und Fieber haben, will Bernhard die asymptomatischen Fälle herausfischen. So würden Infektionsketten nicht nur unterbrochen, sondern von vornherein unterbunden.

 

Ganz dem schwäbischen Erfindergeist entsprechend, steckt hinter dem Böblinger Modell ein ausgefuchstes Konzept: Wer sich testen lassen will, vereinbart online einen Termin in einem der fünf Testzentren im Kreis. Dort führt pharmazeutisches Personal die Abstriche durch und wird von ehrenamtlichen Helfern des Roten Kreuzes unterstützt. Innerhalb von maximal fünf Minuten soll der Abstrich vorgenommen worden sein und der Getestete kann nach Hause fahren. Keine langen Wartezeiten, kein Schlange stehen, keine unnötigen Begegnungen. Das ist der Plan. Die Tests sollen möglichst unkompliziert und bequem ablaufen. „Niedrigschwellig“ ist das Schlüsselwort, das Landrat Roland Bernhard immer wieder betont. 15 bis 30 Minuten später gibt es das Ergebnis per App bequem aufs Handy. „Die Nachfrage ist da“, sagt Bernhard. Allein in der ersten Woche haben sich 3100 der rund 400.000 Einwohner des Kreises der Prozedur unterzogen. 23 Menschen seien so in der ersten Woche positiv getestet worden, sagt Bernhard.

Im Landkreis Böblingen können sich Menschen zwei Mal die Woche kostenlos auf das Coronavirus testen lassen.
Bild: Sebastian Gollnow, dpa

Alle Testzentren sind außerdem mit einer Arztpraxis vernetzt. Wer ein positives Ergebnis erhält, dessen Probe wird dort noch einmal mit einem PCR-Test im Labor überprüft und dann dem Gesundheitsamt übermittelt, sofern sie positiv ist. Ein weiterer Abstrich ist laut Landratsamt nicht nötig. In den Praxen wird das Material aus dem Schnelltest verwendet, heißt es von einer Sprecherin.

Test-Strategie in Böblingen: Kooperation aus Apothekern und Lokalpolitik

Die Idee dazu hatte laut Bernhard der Apotheker Björn Schittenhelm. Der habe schon im vergangenen Jahr ein Testzentrum aufgebaut und stellte den Kontakt zu dem Unternehmen her, das die App "Doctor Box" anbietet, mit der in Böblingen gearbeitet wird. „Dann haben wir gesagt, das brauchen wir flächendeckend“, so Landrat Bernhard. Aus der Kooperation von Apothekern, Ärzten, ehrenamtlichen Helfern und Lokalpolitik entstand eine Test-Strategie, die wohl bislang deutschlandweit einmalig ist. Der Landkreis schuf in kurzer Zeit die Voraussetzungen, mietete Räume an, vergab Aufträge. Das operative Geschäft übernehmen die Apotheker. Etwa 18 Euro kostet jeder Test den Kreis. Die Beschaffung sei kein Problem, heißt es aus dem Landratsamt. Auf dem Markt seien ausreichend Tests vorhanden. Insgesamt kalkuliert man in Böblingen bis zum Projektende am 8. März mit Kosten von rund einer viertel Million Euro. „Das alles ist schon ein Aufwand“, gibt der Landrat zu. „Deshalb scheuen es viele“.

Doch die Arbeit könnte sich noch weiter auszahlen: Denn auch wenn von Seiten der Bundesregierung ab März Schnelltests in den Umlauf gebracht werden, braucht es eine verlässliche Struktur und geschultes Personal, glaubt Bernhard. „Es genügt nicht, einfach nur Schnelltests zur Verfügung zu stellen“. Die Teams aus den fünf Zentren im Kreise könnten auch ausrücken, um Besucher von Alten- und Pflegeheimen zu überprüfen oder um an Schulen Abstriche zu nehmen. „Die Bundeswehr haben wir nicht gebraucht“, hebt Bernhard hervor. Außerdem werden die Ergebnisse in Böblingen direkt an das Gesundheitsamt gemeldet. Positiv Getestete können der Quarantäne also nur schwer entgehen.

 

Und er sieht noch einen weiteren Vorteil an seinem Modell: Weil das Ergebnis in der App "Doctor Box" festgehalten werde, entstünde gleichzeitig soziale Kontrolle. Im Gegensatz zu Gurgeltests, die im privaten Bereich eingeführt werden könnten, sorgt die App für einen Nachweis. Wenn über weitere Lockerungen diskutiert wird, könnte das ein zentraler Baustein sein. Nach dem Motto: Ins Restaurant darf nur, wer einen negativen Test vorweisen kann.

Wie wirkt sich die Corona-Teststrategie in Böblingen auf die Zahl der Neuinfektionen aus?

Wie sich die Tests auf das Infektionsgeschehen ausgewirkt haben, kann man noch nicht fundiert beurteilen. Zu erwarten wäre, dass durch die vermehrten Tests die Inzidenzwerte erst einmal steigen. Eine Woche nach deren Einführung verzeichnete der Kreis aber zunächst einen Tiefstand bei der Inzidenz. Der Wert lag am 15. Februar bei 31,6. Seitdem steigt er aber kontinuierlich. Am Freitag, 19. Februar, liegt der Inzidenzwert wieder bei über 50. Landrat Bernhard sieht darin „kein besonderes Phänomen“. Er schreibt den erneuten Anstieg dem Infektionsgeschehen in zwei Altersheimen zu, die bei der Impfung erst sehr spät dran gewesen seien und bleibt dabei: „Testen ist der Schlüssel zur Freiheit“.

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