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Talkshows in der Kritik: Wir müssen reden - aber nicht so!

Kommentar Von Daniel Wirsching
27.09.2019

Der Abgesang auf die Talkshow ist längst angestimmt. Die Kritik ist groß, die Quoten bröckeln. Dabei gibt es einen Weg zur Rettung des Polit-Talks.

Ist die Talkshow am Ende?, fragte kürzlich Dirk Schümer, Redakteur für europäische Themen der Welt, in der Welt am Sonntag. In der Unterzeile seines Artikels wurde er Lesern als „Talkshow-Veteran“ vorgestellt. Der Begriff aus dem Militärischen war nicht ganz unpassend: Die öffentlich-rechtlichen Polit-Talks befinden sich seit Jahren in einer Art Kampfmodus. Sie müssen sich gegen Kritik von rechts wie links, aus Medienbranche und -wissenschaft verteidigen. Zudem haben sie gegen bröckelnde Einschaltquoten und Marktanteile anzukämpfen. Anstatt über gesellschaftspolitische Probleme diskutieren zu lassen und vielleicht zu Problemlösungen beizutragen, machen ihnen ihre selbst verschuldeten Probleme zu schaffen. Und eines dieser Probleme ist „Talkshow-Veteran“ Dirk Schümer (nicht persönlich nehmen!).

Schümer kann nun nichts dafür, dass er häufig eingeladen wird und eloquent und zugespitzt zu formulieren weiß. Aber er gehört zum immer gleichen Polit-Talk-Personal, das wie ein Wanderzirkus von Sendung zu Sendung zieht und erwartbare Positionen zum erwartbaren Themen-Einerlei vorführt.

Immer die gleichen Gäste, immer die gleichen Themen

Wenig überraschend diagnostizierte Schümer, dass aktuell eine „Talkshow-Phobie“ grassiere und dass die Kritik nichts Neues sei („Schon zu Zeiten von Erich Böhme und Sabine Christiansen ereiferten sich Kritiker…“). Er stapelte noch tiefer: Bei den Polit-Talks gehe es um „die Vermittlung gesellschaftlicher Themen im Boulevardformat“ – „Es sollen so viele Menschen wie möglich bei einigermaßen garantiertem Niveau Politikthemen lauschen und nicht abschalten.“

Was er als Beteiligter tun könne? Er habe sich vorgenommen, „so höflich und doch witzig wie möglich zu reagieren, ein paar Fakten zum Thema loszuwerden, mich dabei nicht durch einen Fauxpas zu blamieren und hoffentlich nicht allzu blasiert herüberzukommen“. Puh, wer so einen Freund hat, braucht keinen Feind mehr!

"Welt"-Journalist und Talkshow-Dauergast Dirk Schümer bei "Anne Will".
Foto: W. Borrs, NDR

Woran die Polit-Talks wirklich kranken, ist, dass sie ihre Zuschauer unterschätzen. Würden sie sie ernst nehmen, würden sie nicht nur ihren eigenen Ansprüchen gerecht (etwa: „Fragen, ohne vorzuführen ... – Talk auf Augenhöhe –, so sieht Frank Plasberg seinen Arbeitsauftrag bei ‚hart aber fair‘“). Sie würden das Format Polit-Talk auch retten können. Das nämlich verliert sich zusehends im Erwartbaren, im Immergleichen, im Austausch von Wortgeklingel. Es wird Tiefe vorgetäuscht, man bleibt aber an der Oberfläche und im Seichten: Show statt Talk (englisch für „Gespräch“, „Diskussion“, „Aussprache“). „Im Seichten kann man nicht ertrinken“, sagte der frühere RTL -Chef Helmut Thoma 1991. Die Polit-Talks widerlegen ihn. Und wenn sie nicht aufpassen, werden sie, wieder Thoma, endgültig zur Fernseh-„Tapete der Gegenwart“. Zum TV-Dekoelement.

Gut, dass es noch ausreichend Menschen gibt – selbst so junge wie Oliver Weber, Jahrgang 1997 –, die sich über Talkshows aufregen können. Denn am Ende wäre das Format tatsächlich, wenn es einer breiteren Öffentlichkeit egal wäre. Weber hat kürzlich einen Essay (Tropen Sachbuch, 155 Seiten, 12 Euro) publiziert mit dem Titel „Talkshows hassen. Ein letztes Krisengespräch“. Schon der Titel zeigt, dass hier einer regelmäßig Polit-Talks schaut und sich von ihnen etwas abgeschaut hat. Ein knalliger Titel ist immerhin Standard („Sind wir zu tolerant gegenüber dem Islam?“/„Maischberger“, „Flüchtlinge und Kriminalität – Die Diskussion!“/„Hart aber fair“).

Warum Autor Oliver Weber Talkshows hasst

Doch wer hasst, der liebte einst. Und man muss den Masterstudenten der Demokratiewissenschaft (ab Oktober in Regensburg) gründlich – oder wie Schümer fast bösartig – missverstehen, wenn man ihm unterstellt, er drücke eine „rührend anachronistische Sehnsucht nach TV-Heimeligkeit aus“, von der er lebensgeschichtlich nichts mitbekommen habe. Talkshow-Praxis übrigens: Wenn die Argumente ausgehen, einfach auf persönliche Herabsetzung umschalten!

Weber schreibt, er hasse Talkshows unter anderem dafür, weil sie ihr Potenzial nicht nutzen würden. Damit hat er einen Punkt. „Talkshows vermitteln ein Bild des Politischen, das nicht nur zynisch, verengt und erstarrt ist, sondern auch erschreckend lustlos, überraschungsarm und langweilig. Dass aus einer derart schiefen Darstellung von Politik Ressentiments entstehen, die viele Zuschauer zu misstrauischer Distanz zum politischen Betrieb bewegen, ist kaum verwunderlich“, führt er aus.

Politische Talkshows jedoch seien ein zentraler Ort des öffentlichen Gesprächs. In der Tat: Wo sonst wird auf derart großer Bühne über Politik gesprochen – und dies von Millionen Menschen wahrgenommen? In Bundestagsdebatten? In sozialen Netzwerken und ihren Filterblasen? Eben. Die Öffentlichkeit – auch die von Medien geschaffene – zerfällt in Teilöffentlichkeiten. Wo, wenn nicht in den Polit-Talks, finden diese Öffentlichkeiten überhaupt noch zusammen?

Dirk Schümer macht sich über derlei lustig. „Kann es im Zeitalter von Bloggern und Influencern wirklich noch darum gehen, die kaputte Streitkultur dieses vom Schicksal gestraften Deutschlands an ein paar Plaudersendungen im öffentlich-rechtlichen Abendprogramm festzumachen?“, greift er Talkshow-erprobt auf ein Totschlagargument zurück: Alles kaputt und unrettbar, lassen wir’s lieber!?

Dabei bräuchte es nicht einmal eine grundlegende Reform des Formats Polit-Talk. Die Moderatorinnen und Moderatoren verstehen durchaus ihr Handwerk. Sie sind allerdings eingezwängt in starre Konzepte, setzen im Kampf um Aufmerksamkeit (die Währung des digitalen Zeitalters) auf Showeffekte und/oder Streit, versuchen angestrengt Exklusivmeldungen zu produzieren und zittern vor schlechten Einschaltquoten.

Folgt man dem Tübinger Medienwissenschaftler Bernhard Pörksen, befinden wir uns im Übergang von der „Mediendemokratie alten Typs“ hin zur „Empörungsdemokratie des digitalen Zeitalters“. Die großen Polit-Talks folgen mit ihren nach Extrempositionen zusammengecasteten und zugleich auf (politische) „Ausgewogenheit“ bedachten Runden der Logik und den Mechanismen dieser Empörungsdemokratie.

Markus Lanz macht den derzeit besten Polit-Talk

Zu einem Teil erklärt das auch die Überpräsenz der AfD und ihrer Agenda in den Talks. Sowie ihr Versagen im Umgang mit Vertretern dieser Partei. Die können sich – siehe die „Hart aber fair“-Folge mit AfD-Politiker Junge – leicht als Opfer stilisieren. Weil schon aufgrund der Gästezusammensetzung schnell der Eindruck entstehen muss: alle gegen einen. Weil im Talkshow-Zirkus ein jeder seine Rolle zugewiesen bekommt und auszufüllen hat (Direktor, Dompteur, Akrobat, Clown). Weil schlicht keine Zeit für eine tiefer gehende inhaltliche Auseinandersetzung ist. Man hat da ja noch einen Einspieler vorbereitet...

Die Polit-Talks verheddern und erschöpfen sich dabei heillos in der Logik und den Mechanismen der Empörungsdemokratie. Mehr noch: Sie gestalten sie mit. Damit liegt der Schlüssel zu einer besseren Talkshow-Welt in der echten Diskussion, im echten Gespräch, im echten Meinungsaustausch.

ZDF-Talker Markus Lanz – macht derzeit den besten Polit-Talk, obwohl seine Sendung diesen Anspruch gar nicht hat.
Foto: M. Hertrich, ZDF

Talkshow-Macher wissen das, sie praktizieren es mitunter. Markus Lanz kann man mögen oder – frei nach Weber – hassen. Doch Lanz spricht mit jedem seiner Gäste (aus der Politik) ausführlich; er fragt beharrlich nach, um Hintergründe zu veranschaulichen und Beweggründe herauszuarbeiten. Am Ende seiner ZDF-Sendung steht oft ein Erkenntnisgewinn. Im Gegensatz zum Gros der Polit-Talks. „Markus Lanz“ ist in dieser Hinsicht der derzeit beste Polit-Talk, obwohl er gar nicht beansprucht, dies sein zu wollen. „Maischberger“ experimentierte ein paar Folgen lang mit einem neuen Konzept – am besten war die Sendung in dem Part, in dem bloß ein Gast interviewt wurde. Auf Phoenix gibt es regelmäßig Talks mit einem oder zwei Gästen. Sie sind regelmäßig erhellender als WillMaischbergerIllner, als hartaberfairmünchnerrundefaktist!.

Die "NDR Talk Show" oder "3nach9" werden ins Erste geholt

Der Erfolg der Freitags-Talkshows in den dritten Programmen, die auf eine jeweils jahrzehntelange Geschichte zurückblicken, beruht auch darauf, dass in ihnen Zeit für echte Gespräche ist. Dass sie mehr sind als das Abfragen und Abhaken von Positionen. Während Polit-Talks mit Zuschauerschwund zu kämpfen haben, werden die „NDR Talk Show“, der „Kölner Treff“, „3nach9“ und die neue RBB-Talkshow „Hier spricht Berlin“ ins Erste geholt – mit Erstausstrahlungen teils zusätzlich zu ihren Freitagsterminen und unter dem Etikett „TALK am Dienstag“. Zum Start lief am vergangenen Dienstag die „NDR Talk Show“. Insgesamt acht Sendetermine sind für dieses Jahr vorgesehen.

Ist die Talkshow am Ende? Keineswegs. Denn wir müssen reden – nur nicht aneinander vorbei.

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