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Tourismus

06.06.2018

Deutsche Urlauber haben die Türkei wiederentdeckt - und wie!

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Als wäre nichts gewesen: Nach zwei Jahren der Krise sind die Urlauberstrände in der Türkei - hier Alanya - wieder voll.
Bild: Jochen Tack, Imago

Zwei Jahre lang haben Reisende das zuvor so beliebte Land am Mittelmeer verschmäht. Jetzt kehren sie zurück. Spielen Terror und Erdogan keine Rolle mehr?

Vor der Blauen Moschee in Istanbul gibt es ein neues Fotomotiv. Touristen posieren mit großer Begeisterung vor den Panzerwagen der Polizei, die sich auf dem Hippodrom, der Pferderennbahn des antiken Konstantinopel, platziert haben. Wurde früher die Sicherheit in der Altstadt doch ziemlich zurückhaltend gehandhabt, um Besucher nicht abzuschrecken, gilt seit dem tödlichen Bombenanschlag auf eine deutsche Touristengruppe im Januar 2016 das Gegenteil. Polizisten patrouillieren nun paarweise auf dem Hippodrom, an den Zugängen wachen uniformierte Sicherheitskräfte mit Maschinenpistolen. Das Konzept geht auf. Erstmals seit zweieinhalb Jahren warten wieder Besucherschlangen vor der weltberühmten Hagia Sophia, und vor der Stadtmauer der Millionenmetropole stauen sich die Reisebusse. Die Touristen sind zurück in Istanbul – und nicht nur dort. Eine Entwicklung, die in ihrer Ausprägung doch erstaunlich ist.

Das Geschäft gehe wieder viel besser, freuen sich zwei Fremdenführer vor der Hagia Sophia. Es gebe „mindestens doppelt so viele Touristen wie im letzten Jahr, vielleicht sogar mehr“, sagt Reiseführer Ramazan. Die türkische Statistik bestätigt seine Schätzung nicht ganz, aber immerhin: Die Zahl der Besucher in Istanbul, dem beliebtesten Reiseziel der Türkei, ist im ersten Quartal um stolze 58,5 Prozent gegenüber dem Vorjahreszeitraum gestiegen – vorneweg die deutschen Besucher, deren Zahl sogar um zwei Drittel zulegte. Mit mehr als einer Viertelmillion Gäste allein in den ersten drei Monaten des Jahres verteidigen die Deutschen damit ihre Spitzenstellung als größte Besuchergruppe. Trotz eines Zwischentiefs nach dem Anschlag auf dem Hippodrom mit zwölf Toten. Trotz der vielen Nachrichten um die willkürliche Verhaftung von Bundesbürgern im vergangenen Jahr.

Eine sagt: In Paris bin ich auch nicht sicherer als hier

Gerade der Schock über das Istanbuler Terrorjahr 2016, das im Januar mit dem Attentat auf dem Hippodrom begann und in der Silvesternacht mit einer Massenerschießung in einem Nachtklub endete, scheint bei Touristen aus aller Welt überwunden zu sein. „In Paris bin ich auch nicht sicherer als hier“, sagt eine französische Urlauberin, die sich gerade den Fahrpreis für ein Taxi zwischen der Hagia Sophia und ihrem Hotel ausrechnen lässt. „Die Welt hat sich an den Terror gewöhnt“, meint auch Ramazan, der Reiseführer. „Die Leute lassen sich davon nicht mehr abschrecken.“

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Das spüren auch die Hotels in der Stadt, die nach dem Terrorjahr einen beispiellosen Kahlschlag erlebten – eine Saison praktisch ohne westliche Touristen. Viele kleinere Herbergen mussten aufgeben. Die Hotels, die überlebt haben, können sich jetzt freuen. „Für die gesamte Sommersaison ausgebucht“, hat der Manager eines Boutiquehotels schon vor Wochen verkündet. Dabei handelt es sich noch vorwiegend um Einzelreisende, merkt ein türkischer Tourismus-Fachmann an, der auf den lukrativen Markt für Geschäftsreisende spezialisiert ist. Denn: Solange die Reisehinweise für die Türkei von den USA und Deutschland so kritisch formuliert sind, bleibt der Kongress- und Konferenztourismus weiter aus.

Auch den privaten Tourismus bremst das noch etwas. Ein paar junge Inder, die sich nach 30-stündiger Anreise erschöpft ihre Zimmerschlüssel holen, erzählen, einer ihrer Freunde habe sich geweigert, nach Istanbul mitzufahren, nachdem er die Reisehinweise der US-Regierung gelesen hat. Die breite Masse dagegen sieht das inzwischen wieder deutlich entspannter.

Die Politik von Präsident Erdogan spielt in den Überlegungen von Urlaubern kaum noch eine Rolle. Am 24. Juni will er wiedergewählt werden.
Bild: Adem Altan, afp

Auch, was den Badeurlaub an den Mittelmeer-Stränden betrifft. In einigen Regionen etwa entlang der Ägäis ist der Ansturm der Urlauber wieder so groß, dass es Ärger gibt. Im südwesttürkischen Marmaris, als Magnet für britische Billigurlauber bekannt, musste die Verwaltung gerade gegen Exzesse bei Tagesfahrten mit Ausflugsbooten einschreiten. Die Techno-Musik an Bord der bei jungen und trinkfreudigen Besuchern beliebten Schiffe schallte so laut über das Wasser, dass den Urlaubern am Strand Hören und Sehen verging. Zudem trieb der Schaum von den Schaumpartys an Land und verdarb dort vielen Besuchern die Urlaubsfreude. Lärm und Schaum sind deshalb ab sofort verboten.

Auch in Antalya sind die Strände voll. Allein im Mai kamen mehr als 1,6 Millionen Urlauber in die Stadt am Mittelmeer – ein neuer Rekord für diesen Monat. Wie in Istanbul sind auch dort wieder erheblich mehr Deutsche anzutreffen als in den vergangenen Jahren. Knapp 600.000 Bundesbürger wurden seit Jahresbeginn in der Urlauber-Hochburg gezählt, mehr als 50 Prozent mehr als im Vorjahreszeitraum. Größte Urlaubergruppe in Antalya sind allerdings die Russen mit 2,9 Millionen Besuchern.

Antalya erwarte bei der Besucherzahl einen zweistelligen Anstieg, sagt Osman Ayik, Vorsitzender des Hotelverbandes Türofed. Darauf deute unter anderem die starke Zunahme der Frühbuchungen hin – was von deutscher Seite bestätigt wird. Der Deutsche Reiseverband (DRV) verzeichnet gegenüber dem Vorjahr sogar eine Verdopplung der Türkei-Vorausbuchungen für den Sommer. Der weltweit führende Touristikkonzern Tui hat erst am Montag die Flugkapazitäten nach Antalya um weitere 20.000 Plätze aufgestockt.

Die Reise-Expertin spricht von einem „Comeback der Türkei“

DRV-Sprecherin Kerstin Heinen sagt: „Das ist das Comeback der Türkei, wobei die Zahlen noch weit unter den Höchstwerten von 2015 liegen.“ Sie führt es unter anderem darauf zurück, dass das Preis-Leistungs-Verhältnis im vom All-inclusive-Charakter dominierten Reiseland gerade für Familien attraktiv sei. „Dort haben sie eine hohe Preissicherheit“, sagt Heinen.

Man darf nicht vergessen: In der Türkei selbst steigen die Preise derzeit massiv; im Mai lag die Inflationsrate bei zwölf Prozent. Dies trifft jedoch in erster Linie die Türken selbst, aber nicht Urlauber, wenn sie von Deutschland aus pauschal gebucht haben. Hinzu kommt: Viele Hotels haben ihre Preise in den Krisenjahren 2016 und 2017 ohnehin teils massiv gesenkt.

Und der Sicherheitsaspekt, die autokratische Politik von Präsident Recep Tayyip Erdogan, der am 24. Juni wiedergewählt werden will – hält das niemanden vom Reisen ab? „Jeder weiß“, sagt Heinen, „dass es eine 100-prozentige Sicherheit nicht gibt, und die Menschen möchten in ihrem Urlaub verreisen.“ So einfach ist das also. Stellt sich noch die Frage, ob der Aufschwung so weitergeht. „Ja, solange die Urlauber in ihrer Entscheidung für die Türkei nicht verunsichert werden.“

Osman Ayik, der Tourismus-Funktionär, setzt gerade auf die Rückkehr der Deutschen. Selbst in den schlimmsten Zeiten der deutsch-türkischen Spannungen in den vergangenen Jahren sei die Zahl der Besucher aus der Bundesrepublik nicht unter drei Millionen gesunken. Seit März legen auch wieder die großen Kreuzfahrtschiffe an türkischen Häfen an.

In Antalya wird es nicht nur deshalb eng, weil Deutsche und andere Europäer wieder Mut gefasst haben. Die Gegend um die Stadt ist seit dem Abschluss des Atomabkommens mit Teheran im Jahr 2015 zu einem beliebten Ferienziel für Iraner geworden, die das Ende der internationalen Isolierung ihres Landes für Ferien an türkischen Stränden nutzen. Seit Aufhebung der Sanktionen gegen ihr Land haben sie mehr Geld in der Tasche und brauchen für die Türkei kein Visum. Zeitweise haben Hotels in Antalya sogar eigens iranische DJs eingeflogen, um das Publikum aus dem östlichen Nachbarland angemessen unterhalten zu können. Ob der Boom im Iran-Geschäft anhält, ist angesichts der neuen amerikanischen Sanktionen gegen den Iran aber ungewiss.

Der Optimismus der Tourismusbranche in Antalya ist dennoch ungebrochen. Insgesamt erwartet die Stadt in diesem Jahr rund 14 Millionen Urlauber. Das wären so viele wie nie zuvor und mehr als doppelt so viele wie im Krisenjahr 2016.

Bunter und vielfältiger ist die Besucherschar auch in Istanbul geworden. Zwar führen die Deutschen noch immer die Besucherzahlen an, doch dicht gefolgt werden sie inzwischen von den Iranern. Weit abgeschlagen folgen Russen, Iraker und Saudis, bevor auf Platz sechs mit Großbritannien das nächste westliche Land auftaucht – ein krasser Kontrast zu früheren Jahren, in denen europäische Besucher den Tourismus in Istanbul dominierten.

Und wenn erst mal der neue Flughafen öffnet...

Der Unterschied zu früher ist auf dem Istiklal-Boulevard zu sehen und zu hören. Das ist die Flaniermeile der Stadt, auf der heute mehr Arabisch und Persisch zu hören ist als Deutsch und Englisch. Die Vergnügungsviertel entlang des Boulevards haben gelitten, seit dort vor fünf Jahren die Gezi-Proteste niedergeschlagen wurden und vor zwei Jahren ein Selbstmordattentäter seine Bombe zündete. Die einheimischen Besucher haben sich aus dem Zentrum in ihre Stadtviertel zurückgezogen, wo neue Vergnügungsviertel aufblühen: in Kadiköy, in Besiktas oder Arnavutköy. Die verbliebenen Kneipen im Zentrum finden trotzdem noch genug Zulauf. So hat die Live-Musik-Kneipe „James Joyce“ am Istiklal-Boulevard gerade erst ein zweites Lokal am Taksim-Platz eröffnet, um die steigende Nachfrage zu bedienen.

Das dürfte erst der Anfang sein, hoffen Reiseführer Ramazan und sein Kollege vor der Hagia Sophia. Wenn im Oktober der neue Großflughafen eröffnet, der schrittweise auf 150 Millionen Passagiere im Jahr ausgebaut werden soll, würden die fetten Jahre anbrechen, glaubt Ramazan. „Wenn dann nur jeder hundertste Passagier in die Stadt fährt, um die Hagia Sophia anzusehen…“

Auch außerhalb Istanbuls schöpft die Branche neue Hoffnung. Während Städtereisende nach Istanbul kommen und sonnenhungrige Europäer die Strände an den Südküsten der Türkei stürmen, richtet sich das Interesse von Besuchern aus den heißen arabischen Ländern auf die kühle Schwarzmeerküste des Landes. In den kommenden Tagen sollen erstmals Direktflüge aus Bahrain, Jordanien und Kuwait in die Stadt Trabzon beginnen.

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