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85 Jahre Donald Duck

09.06.2019

Die Ente in uns allen: Donald Duck hat Geburtstag!

Niemand konnte einst ahnen, dass der quakende Quälgeist aus dem Film von 1934 eine derartige Karriere machen würde. Und was Donald Duck nicht alles war!
Bild: Disney/Egmont Comic Collection

Der cholerische Erpel geht oft an die Decke. Seine Blutdruckwerte kennen wir nicht, Fakt aber ist: Donald Duck wird am Sonntag 85.

Für Hobby-Psychologen ist dieses gefiederte Wesen eine Fundgrube. Warum trägt Donald Duck einen Matrosenanzug? Weil er als Ente eine natürliche Beziehung zum Wasser hat? Weil er in einer frühkindlichen Phase stecken geblieben ist? Und wenn das so ist, hatten seine Eltern eine Schwäche fürs deutsche Kaiserreich, als großbürgerliche Knäblein sonntags so ausstaffiert wurden?

Nicht recht vorstellbar. Denn die offizielle Geburtsstunde von Donald Duck schlug am 9. Juni 1934, als ihm Walt Disney in „Wise Little Hen“ seinen ersten Kino-Auftritt verschaffte. Niemand konnte ahnen, dass der quakende und faule Quälgeist, der der Henne beim Maisanbau partout nicht helfen wollte, in der vermenschlichten Disney-Welt eine rasante Karriere machen würde. Seit Jahrzehnten ist Donald Duck die eindrucksvollste Figur in Entenhausen. 1937 erhielt der Erpel seine eigene Kurzfilmreihe. In nur zwei Jahrzehnten entstanden mehr als hundert Streifen.

Unvergessen: Seine sinnlosen Kämpfe gegen Backenhörnchen

Als Filmstar jedoch war Donald eindimensionaler als im gedruckten Comic-Heft. Immer wieder führte er übellaunig sinnlose Kämpfe gegen Backenhörnchen oder die nächtlichen Tücken eines tropfenden Wasserhahns. Seine wahren Qualitäten zeigte Donald als Comic-Held. Der legendäre Zeichner und Texter Carl Barks (1901–2000) trat 1943 in Donalds Leben und hat neben dem Zeichner der kurzen Zeitungs-Strips, Al Taliaferro, in längeren Geschichten den Entenhausen-Kosmos nachhaltig geprägt. Kein Wunder, dass dann die aus Italien stammenden Storys weder bei Studenten der 70er Jahre noch bei den esoterischen Donald-Spinnern Begeisterung hervorriefen.

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In Deutschland bildeten Barks und die Chefredakteurin der Micky Maus, Dr. Erika Fuchs, als Übersetzerin ein „Dream Team“. Mit Barks, der in Vicar und William Van Horn seine Nachfolger fand, wurde Donald zu dem ehrgeizigen Hysteriker, wie ihn die Entenhausen-Fans lieben. „Er organisiert seine Zerstörung, um sich selbst zu beweisen. Das ist seine Tragödie“, beschrieb Barks das Phänomen Donald Duck.

Die Kunsthistorikerin Erika Fuchs (1906–2005), die der Autor dieser Zeilen zweimal zum Kaffee in ihrem Haus in München besuchen durfte, erzählte gerne, dass sie Comics vom Ruf des Schunds befreien wollte und die Gespräche der Kinder in der Straßenbahn belauschte.

Donald ist Kult. Wie Dr. Erika Fuchs

Legendär: Donalds nimmermüdes Ringen um die Gunst der eitlen Vorstadtschönheit Daisy – um die ärgerlicherweise auch Glückspilz Gustav Gans wirbt. Pah!
Bild: Disney/Egmont Comic Collection

Dass Donald trotz sinkender Auflage so beliebt ist, liegt am Menschlichen, das uns mit dem Enterich verbindet. Wie unsereiner kämpft er mit den Widrigkeiten des Alltags. Müde kommt er oft von der Essigfabrik nach Hause, wo er den Rahm von den Fässern abschöpfen muss. Klassischer Fall für die Grundrente.

Legendär ist sein nimmermüdes Ringen um die Gunst der eitlen Vorstadtschönheit Daisy. Ebenso wie die entwürdigende Lohnarbeit, die er für den Kapitalisten Dagobert Duck verrichten muss. Obendrein wirbt auch noch Glückspilz Gustav Gans um Daisy. Wobei wir die Frage der offenbar sexlosen Enten-Fortpflanzung der prüden Daisy lieber nicht stellen wollen.

Donald ist Kult, Erika Fuchs ebenso. Schon wegen der Zitate aus der deutschen Klassik. Sie passte Shakespeare und vor allem Schiller dem Schülerleben an. Darum liest sich Wilhelm Tells Rütli-Schwur bei Donalds Neffen Tick, Trick und Track so: „Wir wollen sein ein einig Volk von Brüdern, in keiner Not uns waschen und Gefahr! Jetzt und immerdar.“ Ihr Onkel Donald recherchiert grübelnd im Club der toten Dichter: „Das Drama ,Wilhelm Tell‘ wurde vom verstorbenen Schiller verfasst. Der Erfinder des Senkbleis ist unbekannt.“

Donald Duck lässt sich gerne hochleben. Bis er mal wieder auf den Schnabel fällt

Cover des Jubiläumsbands „85 Jahre Donald Duck“
Bild: Disney/Egmont Comic Collection

Donald steht auf lokalen Ruhm. Er mag es, wenn Entenhausen ihn als Feuerwehrmann, Hauszerstörer und Schulpolizist hochleben lässt. Bis er in maßloser Selbstüberschätzung auf den Schnabel fällt. Für Abenteuer in aller Welt, oft gemeinsam mit Dagobert und den Neffen erlebt, ist Donald dennoch immer zu haben. Ob im Land der viereckigen Eier, beim Beschwören des Regengottes im Indianerland („Komm in poco de locho mit de Wassertanko“) – es sind diese Entdeckerreisen, die Donald wie seine Leser süchtig machen.

Die Egmont Comic Collection mit dem Jubiläumsband „85 Jahre Donald Duck“, der kürzlich erschienen ist, wartet mit überraschend guten Storys aus Entenhausen auf. Etwa mit der in Deutschland bislang unveröffentlichten Langfassung von Massimo De Vitas „Der Kochkunst-Journalist“. In der schrägen Geschichte „Der Sündenbock“ des Finnen Kari Korhonen heißt es am Ende: „Donald Duck. Freiberuflicher Sündenbock. Honorar nach Vereinbarung.“ Passt.

Walt Disney: 85 Jahre Donald Duck. Egmont Comic Collection, 160 Seiten, 20 Euro

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