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Kroatien

21.08.2018

Diese Frau überlebte zehn Stunden im Meer: Wie schaffte sie das?

Kay Longstaff stürzte mehr als 90 Kilometer vor der Küste ins Meer.
Bild: Str, afp

Eine Britin stürzte ins Meer und überlebte. Wie das möglich ist und was man in so einer Situation tun sollte - ein Mediziner gibt Tipps.

Herr Jost, Sie sind stellvertretender Bundesarzt bei der Deutschen Lebens-Rettungs-Gesellschaft DLRG und selbst Wassersportler. Ist es tatsächlich möglich, dass jemand zehn Stunden im Meer überlebt – wie die 46-jährige Britin Kay Longstaff, die am Samstag vor der Küste Kroatiens vom Kreuzfahrtschiff „Norwegian Star“ gefallen ist?

Ulrich Jost: Ja, das ist möglich – aber man braucht sehr viel Glück dafür.

Welche Bedingungen müssen zusammenkommen, damit man lebend gerettet werden kann?

Jost: Erst einmal darf man sich beim Sturz von der Reling nicht so verletzen, dass man in seinen Kräften eingeschränkt ist. Die Frau ist – wie es heißt – aus dem siebten Stock des Kreuzfahrtschiffes gestürzt. Das bedeutet vermutlich um die 15 Meter tief. Die Wasseroberfläche ist dann extrem hart.

Die Britin stürzte von der "Norwegian Star" in 25 Grad warmes Wasser

Das Wasser im Adriatischen Meer ist mit etwa 25 Grad im Moment sehr warm. Hilft das?

Jost: Ja, sehr. Die Wassertemperatur spielt eine herausragende Rolle. Wenn Sie zum Beispiel leicht bekleidet in fünf Grad kaltes Wasser fallen, haben Sie eine Überlebenschance von weniger als einer halben Stunde, weil Sie so schnell unterkühlt sind.

Was ist mit dem Wellengang?

Jost: Die Wellen sind genauso entscheidend. Wenn es stürmisch ist, schluckt man Wasser, wird hin und her geworfen. Auch da hatte die Britin offenbar Glück. Denn die Adria wird zwar oft als Badewanne bezeichnet, aber auch sie kann sich zum stürmischen Meer aufpeitschen.

Die britische Touristin wurde nach zehn Stunden unversehrt geborgen und an Bord eines Schiffs der Kriegsmarine genommen.
Bild: Küstenwacht/Hafenamt Rijeka, dpa

Wie sollte man handeln, um möglichst lange an der Wasseroberfläche zu bleiben?

Jost: Man sollte seine Kräfte nicht mit Herumpaddeln und Schreien vergeuden, sondern sich einfach treiben lassen und auch mit den Beinen möglichst geringe Bewegungen machen.

Mediziner rät: Kleidung immer anlassen

In ihrer Verzweiflung könnten Hilfesuchende es für eine gute Idee halten, die schwere, nasse Kleidung loszuwerden. Sollte man das?

Jost: Nun ja, Bergschuhe würde ich schon auch versuchen, auszuziehen. Aber ansonsten gilt: Kleidung unbedingt anbehalten. Sie wärmt das Wasser am Körper auf, verringert die Unterkühlung und schützt vor schweren Verbrennungen.

Die Britin im aktuellen Fall erklärte bisher nicht, weshalb sie über die Schiffsreling gefallen ist. Ein Zeuge sagte, sie sei "allem Anschein nach betrunken" gewesen. Verliert man dann schneller die Kontrolle auf dem offenen Meer?

Jost: Ich möchte mich an den Spekulationen nicht beteiligen. Aber natürlich leidet die Körperkoordination, wenn man Alkohol getrunken hat. Doch am Ende sind die körperliche Fitness und die mentale Stärke entscheidend dafür, dass man überlebt.

Haben Sie in Ihrer langen Karriere als Arzt selbst erlebt, dass jemand derart lang im Wasser ausharrte?

Jost: Live erlebt habe ich, dass drei Taucher abgetrieben und zunächst vom begleitenden Boot nicht gefunden wurden. Nach acht Stunden wurden sie unversehrt entdeckt. Sie trugen allerdings Tarierwesten und Neoprenanzüge. Und ich weiß von einem Taucher, der unter ähnlichen Umständen 15 Stunden im Roten Meer getrieben hatte und schwerste Verbrennungen davontrug.

Zur Person Dr. Ulrich Jost arbeitet seit 1973 für die DLRG. Als stellv. Bundesarzt ist er zuständig für die medizinische Ausbildung der Retter.

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