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Morandi-Brücke

14.08.2019

Ein Jahr nach der Brückenkatastrophe: Genua, die verletzte Stadt

Eine Schweigeminute um 11.36 Uhr. Heute vor einem Jahr war die Morandi-Brücke in die Tiefe gestürzt - mit ihr Fahrzeuge und deren Insassen.
Video: dpa

Vor einem Jahr stürzte die Morandi-Brücke in Genua ein. 43 Menschen starben. Viele Bewohner sind noch immer verunsichert. Und was ist aus der neuen Brücke geworden?

Der 14. August 2018 war ein regnerischer Tag in Genua. Ein starkes Sommergewitter zog über die Stadt in Ligurien, Blitze schlugen ein. Um kurz nach halb zwölf gingen die ersten verzweifelten Anrufe in der Notrufzentrale ein. Auf Videos von Überwachungskameras ist zu sehen, wie erst einer der Betonpfeiler nachgibt und dann ein mehr als 200 Meter langes Stück der Autobahnbrücke in die Tiefe reißt. Mehr als ein Dutzend Fahrzeuge stürzte in das Polcevera-Tal. In Erinnerung ist noch der auf tausenden Fotos festgehaltene grüne Lkw, der erst kurz vor der Abbruchkante zum Stehen kam. 43 Menschen riss die Brücke in den Tod.

Barbara Bianco erzählt von jenem Morgen. Ihr Mann Andrea machte sich morgens gegen 11.20 Uhr auf den Weg in die Arbeit. „Das letzte Bild, das ich von ihm habe, ist, wie er im Regen zum Auto geht, mit einem Lächeln und ohne Regenschirm. Den mochte er nicht“, erzählte Bianco im italienischen Fernsehen. Ihr Mann fuhr gerade über die Morandi-Brücke, als diese um 11.36 Uhr einstürzte. „Es war ein furchtbares Jahr“, sagte Bianco, die sich im Komitee der Familienangehörigen der Opfer engagiert. Ihr Schmerz werde mit der Zeit eher stärker als schwächer. Was bleibt, ist auch die eine große Frage: „Wie kann im Jahr 2018 eine Brücke einstürzen und 43 Menschen in den Tod reißen?“

Der Verkehr in Genua ist seit der Morandi-Katastrophe ein Desaster

Die Frage ist bis heute offen. „Ein angekündigtes Desaster“ nannte der Corriere della Sera, Italiens renommierteste Tageszeitung, den Brückeneinsturz von vor einem Jahr, der weiterhin schwere Folgen für Genua und seine Bewohner hat. Das Viadukt war eine der wichtigsten Verkehrsadern der Hafenstadt und Verband den Westteil mit dem Osten Genuas. Hunderte Millionen Euro wirtschaftlicher Schäden errechneten die Unternehmerverbände, der Tourismus ging zurück. Der bereits intensive Verkehr Genuas ist seit der Katastrophe ein Desaster, Pendler stehen täglich stundenlang im Stau. Mit der Zahl der Autos auf den ungeeigneten Umgehungsstraßen stiegen auch Frust und Wut.

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Die Katastrophe verursachte auch psychologische Spätfolgen. Nicht nur bei den direkt Betroffenen, Angehörigen und Überlebenden. Etwa 1000 scheinbar unbeteiligte Bürger sollen sich nach Angaben des Gesundheitsamts der Stadt Genua im vergangenen Jahr in Folge der Katastrophe an Therapeuten oder Psychologen gewendet haben. Ihre Symptome reichen von Ängsten über Depressionen bis hin zu Ess-, Schlafstörungen und Alkoholismus. Abteilungsleiter Marco Vaggi sagte der Zeitung La Repubblica: „Immer noch kommen Personen mit verschiedenen psychologischen oder psychiatrischen Störungen in unsere Sprechzimmer.“ Sie sagten, sie würden ihr Stadtviertel nicht mehr erkennen, ihre Firma sei in der Krise oder behaupten, sie hielten das Warten im Stau nicht mehr aus.

Wer ist verantwortlich für den Einsturz der Morandi-Brücke in Genua?

Die Ursachen für den Einsturz sind Gegenstand staatsanwaltlicher Ermittlungen. Ermittelt wird gegen mehr als 70 Personen, die ihre Sorgfaltspflicht verletzt haben könnten. Offenbar waren Ingenieuren und Kontrolleuren die statischen Probleme des Viadukts bekannt. Für Ende August waren Stabilisierungsarbeiten an zwei Betonpfeilern geplant, zu denen es nie kam. Sachverständigen zufolge waren einige der stählernen Tragseile der Brücke vom Rost zerfressen und instabil geworden. Das 1967 fertiggestellte Morandi-Viadukt war offenbar baufällig. Die Staatsanwaltschaft ermittelt auch gegen die von der Familie Benetton kontrollierte Autobahn-Betreibergesellschaft und prüft mögliche Nachlässigkeiten bei der Wartung der Brücke.

An diesem Mittwoch zur Gedenkfeier werden 450 Angehörige der Opfer erwartet, auch die Politik hat sich angekündigt. Staatspräsident Sergio Mattarella, Noch-Ministerpräsident Giuseppe Conte, die ehemaligen Koalitionspartner und Minister Matteo Salvini und Luigi Di Maio. In einem Jahr sei die Brücke wieder aufgebaut, hieß es. Nun soll das vom Genueser Star-Architekt Renzo Piano entworfene neue Viadukt im Frühjahr 2020 stehen. Eintausend Jahre werde sie stehen, versprach Piano. Die Genueser interessiert vor allem die Gegenwart.

Um 11.36 Uhr wird es eine Schweigeminute geben. Anschließend läuten die Kirchenglocken der Stadt, Schiffshupen im Hafen sollen ertönen. Schließlich wollen Angehörige und Betroffene 43 rote Rosen in den Polcevera-Fluss werfen. Als Andenken an die Toten.

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Bild: Antonio Calanni
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