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Fall Emanuela Orlandi
04.03.2019

Vermisstenfall im Vatikan: Familie fordert Graböffnung

Im Fall eines vor 36 Jahren verschwundenen Mädchens haben Angehörige den Vatikan aufgefordert, ein Grab auf dem uralten deutschen Pilgerfriedhof beim Petersdom zu öffnen.
Foto: Jan Woitas, dpa

Liegt der Leichnam der seit 1983 vermissten Emanuela Orlandi auf dem teutonischen Friedhof? In einem mysteriösen Brief wird dies zumindest behauptet.

Das Grab eines deutschen Prinzen in Rom, der Fingerzeig eines marmornen Engels sowie Verdacht gegen hohe Verantwortliche im Vatikan. Das sind die Komponenten des neuesten Kapitels im Fall der verschwundenen Vatikanbürgerin Emanuela Orlandi. Am 22. Juni 1983 kehrte die damals 15-Jährige nicht mehr vom Besuch einer Musikschule im Stadtzentrum Roms zurück in den Vatikan. Orlandis Vater arbeitete dort als Angestellter, die Familie lebte innerhalb der Mauern des Kirchenstaats. Seither fordert die Familie Orlandi Klarheit über den Verbleib ihrer Tochter. Aber bisher musste sie eine Enttäuschung nach der anderen hinnehmen.

Einer der bekanntesten Kriminalfällt Italiens

Fest steht: Im Fall Orlandi, einem der bekanntesten Kriminalfälle in Italien, ist derzeit so viel Bewegung wie lange nicht. Im vergangenen Herbst wurde gemutmaßt, die sterblichen Überreste der Vatikanbürgerin könnten sich in einem Gräberfeld auf dem Gelände der italienischen Botschaft am Heiligen Stuhl in Rom befinden. Entsprechende Knochenreste konnten Orlandi aber letztlich nicht zugeordnet werden. Nun will die Familie Orlandi neue Hinweise auf den Verbleib des Leichnams von Emanuela bekommen haben. Kürzlich habe Laura Sgrò, die Anwältin der Familie, ein anonymes Schreiben erhalten. Das berichtete der Corriere della Sera am Montag.

In dem Brief war das Foto eines Grabmals mit einem Engel enthalten, das sich auf dem Campo Santo Teutonico, dem deutschen Friedhof im Vatikan, befindet. Der nur über den Vatikan zugängliche, aber auf extraterritorialem, also italienischem Gebiet liegende idyllische Friedhof samt Priesterseminar und Pfarrkirche ist so etwas wie das spirituelle Zentrum der deutschsprachigen Gemeinde in Rom und für alle deutschsprachigen Touristen begehbar. Das betreffende Grabmal ist das des 1896 gestorbenen Kurienkardinals Gustav Adolf zu Hohenlohe-Schillingsfürst, eines bedeutenden deutschen Prälaten in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Der marmorne Engel am Kopf des Grabsteins hält ein Dokument in den Händen, auf dem „Requiescat in pace“ (Ruhe in Frieden) geschrieben steht. „Sucht dort, wo der Engel hindeutet“, soll der anonyme Hinweisgeber der Orlandi-Anwältin mitgeteilt haben.

Die Familie der Vermissten, die heute 50 Jahre alt wäre, wurde aktiv. In einem Schreiben an Kardinalstaatssekretär Pietro Parolin, den zweiten Mann im Vatikan nach Papst Franziskus, wird dieser aufgefordert, das Grab von der Vatikangendarmerie untersuchen und gegebenenfalls öffnen zu lassen. Aus Nachforschungen habe sich ergeben, dass das Grab bereits einmal geöffnet worden sei. Wie es heißt, sei der Vatikan offenbar vor Monaten bereit gewesen, mit der Familie Orlandi zusammenzuarbeiten. Das soll der frühere Substitut im Staatssekretariat, Angelo Becciu, in Aussicht gestellt haben. Als die italienische Regierung allerdings bekräftigte, eine Untersuchungskommission zum Fall Orlandi einrichten zu wollen, bremste der Vatikan.

Nun fordert Anwältin Sgrò, dass eine Reihe von Vatikanprälaten zum Fall befragt werden soll, die Kenntnisse über Orlandis Verbleib haben könnten. Dazu zählen die Kardinäle Giovanni Battista Re, Angelo Sodano und Tarcisio Bertone, drei umstrittene Schlüsselfiguren in den Pontifikaten von Johannes Paul II. und Benedikt XVI. Ihre Befragung könnte auch Klarheit über eine ominöse Liste bringen, die die Zeitschrift L’Espresso im September 2017 veröffentlichte.

Vatikan bringt 250.000 Euro auf

Darin waren vom Vatikan aufgebrachte Kosten „über Aktivitäten, betreffend die Bürgerin Emanuela Orlandi“ aufgelistet, insgesamt rund 250.000 Euro. Wer wollte, konnte aus dem Dokument den Leidensweg Orlandis herauslesen. Kosten für die Unterbringung des Mädchens in London, „investigative Maßnahmen“, das „Legen einer falschen Fährte“ sowie die Rechnung einer Gynäkologin waren darin aufgeführt. „Verlegung in den Vatikanstaat“ lautete der letzte Posten aus dem Juli 1997.

Diese Fährte könnte sich mit einer Bestattung auf dem Campo Santo Teutonico decken, auch wenn es sich um extraterritoriales Gebiet handelt. Der Krimi um Emanuela Orlandi geht also weiter. Wie Anwältin Sgrò in ihrem Schreiben festhält, würden mehrere bislang unbekannte Personen regelmäßig Blumen auf dem Hohenlohe-Grabmal ablegen. Aber nicht etwa für den deutschen Prinzen, sondern für Emanuela Orlandi.

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