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Royale Hochzeit

17.05.2018

Harry und Meghan - ein modernes britisches Märchen

Im November haben sich Harry und Meghan Markle verlobt. Am Samstag findet die Hochzeit statt
Bild: Anwar Hussein, dpa

Auf diesen Tag haben die Briten gewartet. Eine Geschichte über den Liebling der Royals, eine Braut, die der Monarchie guttun wird, und eine ganz andere Trauung.

Man darf sich vorstellen, wie sie im Palast mit den Augen gerollt haben, als sie im Sommer 2016 von Harrys Plänen erfuhren: Eine Frau werde ihn während seiner Botswana-Reise begleiten. Schon wieder eine andere, dürften sie gefeixt haben. So jedenfalls ist der Tratsch aus dem Angestelltenkreis überliefert. Immerhin handelte es sich bei dieser Meghan Markle, die in Großbritannien lediglich Fans von US-Anwaltsserien kannten, bereits um den vierten weiblichen Gast in nur sieben Trips, den der royale Langzeit-Junggeselle in die einsame Wildnis eingeladen hatte.

Nur, dieses Mal sollte Afrika tatsächlich seinen Zauber erfüllen – tausende Kilometer entfernt von der aufdringlichen Boulevardpresse genoss das Paar exotische Safaris, Nächte unter dem Sternenhimmel und die traute Zweisamkeit. In Botswana begann die Liebesgeschichte zwischen Seiner Königlichen Hoheit, Prinz Henry Charles Albert David von Wales, und der Schauspielerin Rachel Meghan Markle. Erst einmal hatten sie sich zuvor bei einem Date in London getroffen, doch er habe sofort gewusst, dass diese Frau die Eine, die Richtige sei, wird der Prinz später berichten. Ein bisschen klingt das wie im Märchen.

Zum ersten Mal können die Gäste auch per E-Mail auf die Einladung antworten

Am Samstag nun geben sich die beiden in Windsor das Ja-Wort, es ist die royale Hochzeit des Jahres. Die Einladungen sind auf edlem englischen Papier verfasst, in schönster Schreibschrift, versehen mit dem königlichen Logo in Gold. Ein bisschen Tradition bleibt eben Tradition. Gleichzeitig aber wird vieles anders sein. Nicht nur, dass die beiden bewusst Konventionen übergehen und sich eine „Volkshochzeit“ wünschen, der statt Politiker lieber normale, sich der Gemeinschaft verdient gemachte Bürger beiwohnen werden. Mehr noch: Die Gäste können ihre Zusage sowohl klassisch per Post an den Buckingham-Palast senden oder per E-Mail antworten. Das gab es noch nie bei der Familie Windsor, wie Beobachter unentwegt betonen.

Windsor bereitet sich auf die Royal-Hochzeit vor - mit allem, was es zu verkaufen gibt.
Bild: Kirsty Wigglesworth, dpa

Mancher mag die Nase rümpfen über so viel Detailversessenheit. Aber es zeigt, wie der 33-jährige Harry und die 36 Jahre alte Meghan Markle versuchen, einen neuen Stil ins altehrwürdige Adelshaus zu tragen. Dazu gehört nicht nur das unaufhörliche Händchenhalten in der Öffentlichkeit – eine höchst unbritische Eigenart, denn Gefühle zeigt man öffentlich nur für Pferde und Hunde –, sondern unter anderem die äußerst frühe Verkündung von Tortenbäckerin und Blumendekoristin.

Kommt Meghans Vater oder kommt er nicht?

Um 12 Uhr schließt das Paar am Samstag in der St.-Georgs-Kapelle auf Schloss Windsor den Bund fürs Leben. 600 Gäste sind geladen, auf dem Gelände verfolgen zudem 2640 Menschen die Trauung via Bildschirm. Ob die Braut von ihrem Vater, dem Beleuchtungstechniker Thomas Markle, zum Altar geführt wird, das scheint immer unwahrscheinlicher. Seit Tagen überschlägt sich die Boulevardpresse mit Meldungen, ob er nun kommt oder nicht. Gestern nun berichtete das Promi-Portal TMZ, nach einem Herzinfarkt müsse er operiert werden und könne nicht nach London reisen. Den Hang zur Inszenierung jedenfalls dürfte Meghan von ihm geerbt haben.

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9 Bilder
Meghan Markle: Das ist Prinz Harrys Verlobte
Bild: Danny Lawson, PA Wire/dpa

Nach der Zeremonie wollen Harry und Meghan in einer offenen Kutsche durch Windsor fahren, gezogen von Pferden, die Namen tragen wie Milford Haven, Storm, Plymouth und Tyrone und der Rasse Windsor Grey entstammen. Ja, es sind solche Dinge, die derzeit regelmäßig vom Palast verkündet und begierig von den Klatschblättern aufgesogen werden. So durfte man auch erfahren, dass am Abend bei der von Prinz Charles gegebenen und – so wird ausdrücklich betont – bezahlten Feier auf Wunsch des Paares nur 200 Gäste teilnehmen.

Noch wird geputzt und geräumt, gefeilt und geschliffen in der Kapelle. Weniger Pomp soll es geben als bei der Hochzeit von Prinz William und Herzogin Kate 2011 in der Londoner Westminster Abbey. Trotzdem werden mehr als 5000 Medienvertreter aus der ganzen Welt vor Ort sein und zehntausende Besucher im kleinen Städtchen erwartet.

„Diese Hochzeit ist gut fürs Geschäft“, sagt der Souvenir-Verkäufer

Nur wenige Meter von Schloss Windsor entfernt, auf der anderen Seite der hohen Mauer, bringt Derek Prime gerade den Bestseller an den Touristen: eine Tasse mit dem Konterfei des Brautpaars. „Diese Hochzeit ist sehr gut fürs Geschäft“, sagt der 74-Jährige, der in all den Jahrzehnten, in denen er hier Souvenirs verkauft, sowohl Königin Elizabeth II. als auch ihre Mutter, Queen Mum, zum Schwatz getroffen hat. Im Schaufenster hängen Harry-und-Meghan-Flaggen und kitschige Geschirrhandtücher. Das Paar strahlt von Schwarzteebeutel-Büchsen und Postkarten, am Eingang empfängt ein lebensgroßer Papp-Harry neben einer lachenden Papp-Meghan. Windsor ist im Hochzeitsfieber. Und auch Royalist Prime freut sich in britischem Understatement über das Glück der beiden und über sein eigenes, weil die Trauung in Windsor stattfindet. „Wir bekommen sonst ja eher die Beerdigungen ab“, sagt er.

Tassen mit Harry und Meghan verkaufen sich am besten, aber es gibt auch Geschirrtücher, Fingerhüte und Kondome. 
Bild: Silvia Kusidlo, dpa

Prime erzählt gern Geschichten. In diesen Tagen enden die meisten mit dem Satz: „Lasst uns hoffen, dass die Ehe hält.“ Er verweist auf die alten Zeiten. Vor 82 Jahren brachte eine geschiedene US-Amerikanerin die Monarchie zum Wanken, als sich Wallis Simpson in König Edward VIII. verliebte. Er dankte ihretwegen ab. Sein jüngerer Bruder George bestieg den Thron, der Vater von Elizabeth II., die ohne den Skandal nie Königin geworden wäre. So schließt sich der Kreis.

Anders als Wallis Simpson empfing das britische Volk Meghan Markle mit offenen Armen. Sie sei innerhalb von kürzester Zeit zu einem „nationalen Symbol“ aufgestiegen, loben die Medien. Wie ihre künftige Schwägerin, Herzogin Catherine, wird sie bereits als Stil-ikone gefeiert. Was immer die modebewusste 36-Jährige trägt, ist kurz darauf ausverkauft. Der Glamour Hollywoods weht plötzlich durch Belfast, Brixton und Birmingham. Werden Meghan und Harry das verstaubte Königshaus modernisieren? Immerhin, sie ist US-Amerikanerin, Schauspielerin, bürgerlich und geschieden, drei Jahre älter als der Prinz, Tochter einer afroamerikanischen Mutter und eines weißen Vaters. Dass die Queen ihr Einverständnis zur Ehe gab, liegt laut Beobachtern daran, dass Harry mittlerweile in der Thronfolge auf Rang sechs gerückt ist – nach seinem Vater Charles, seinem Bruder William und dessen drei Kindern.

...ebenso wie Fähnchen mit dem Union Jack.
Bild: Daniel Leal-Olivas, ANIEL LEAL-OLIVAS

Der Biograf sagt, Meghan sei ein Geschenk für die royale Familie

Andererseits aber sende die Vermählung auch eine Botschaft an den Rest des Landes aus: dass die Monarchie heute als weitaus multiethnischere und multikulturellere Institution betrachtet wird, die eine ebensolche Gesellschaft widerspiegele, sagt Andrew Morton, der pünktlich zur Hochzeit eine Biografie über Meghan Markle veröffentlicht hat. Morton, berüchtigt wegen seiner Biografie über Lady Diana und deren Ehe mit Prinz Charles, könnte beinahe als Markle-Fanclub-Vorsitzender durchgehen, so gerät er ins Schwärmen. Nicht nur einen Teamplayer habe sich Harry da geangelt, was in der Firma Windsor als bedeutsame Eigenschaft gilt. Sie sei „eine starke Persönlichkeit und ein Geschenk für die royale Familie“. Die kameraerfahrene Kalifornierin bringt Millionen Fans vom US-amerikanischen Markt in die Ehe ein. Morton zufolge aber viel wichtiger: Markle könne den Royals eine neue Perspektive eröffnen, nicht zuletzt, weil sie auf eine Karriere zurückblickt als Schauspielerin, Bloggerin, Aktivistin und Feministin. So organisierte sie mit zehn Jahren eine Demonstration gegen den ersten Golfkrieg, beschwerte sich als Teenager bei einem Putzunternehmen so vehement über dessen sexistische Werbung, dass dieses seine Kampagne änderte, und trat schon als Jugendliche einer feministischen Lobbygruppe bei. Sie setzte sich gegen Rassismus und für Frauenrechte ein, polterte gegen US-Präsident Donald Trump und warb für die Demokratin Hilary Clinton. Ihre politischen Ansichten dürfte sie in Zukunft besser für sich behalten, die Leidenschaft für wohltätige Zwecke wird ihr aber in ihrem neuen Job im Dienst der Krone zugutekommen.

Der Prinz hat es zum Posterboy der Royals geschafft

Harry wiederum hat sich in den vergangenen Jahren gewandelt – vom Party-Prinzen zum Posterboy der Royals. Lange Zeit verziehen ihm die Briten so ziemlich alles: Sauftouren, Fotos im Nazi-Kostüm oder Rangeleien mit Fotografen. Zu tief hatte sich das Bild des Zwölf-jährigen ins kollektive Gedächtnis eingebrannt, der mit gesenktem Haupt hinter dem Sarg seiner Mutter gehen musste. Harry trat in die Armee ein, war zwei Mal als Hubschrauberpilot in Afghanistan im Einsatz. „Die Armee hat einen Mann aus ihm gemacht“, sagt Harry-Biografin Penny Junior. Zudem engagiert er sich für wohltätige Zwecke, unterstützt Kriegsveteranen sowie HIV-infizierte Kinder und kämpft mit seinem Bruder Prinz William gegen das Stigma psychisch Kranker – ohne Berührungsängste, dafür mit großer Empathie. Viele erinnert er an Lady Di, auch mit seiner Offenheit, über eigene Probleme zu sprechen. Im vergangenen Jahr räumte er ein, er sei „oft sehr nahe an einem völligen Zusammenbruch“ gewesen. Erst mit 28 Jahren holte er sich psychologische Hilfe. Das Leben als Mitglied der königlichen Familie habe ihn bedrückt, er habe gar mit dem Gedanken gespielt, der Welt hinter den dicken Palastmauern den Rücken zu kehren. Er blieb aus Loyalität zu seiner Großmutter, begann aber, sich seine eigene Nische zu suchen.

London hat sich bereits herausgeputzt.
Bild: TOLGA AKMEN, afp

„Wir leben in einer Welt der Veränderungen und großen Herausforderungen“, sagt der Königshaus-Experte Andrew Morton und verweist auf den anstehenden Brexit, die Umwälzungen, die auf das Land zukommen, und die Queen, die immer älter wird. Die Monarchie sei nie notwendiger für das moderne Großbritannien gewesen als heute, sagt Morton, Meghan und Harry hätten darin „eine sehr große Rolle zu erfüllen“. Das Paar wird seinen eigenen Weg gehen – zwischen Tradition und Moderne.

Der „verlorene Sohn“, wie ihn eine Biografin kürzlich nannte, hat sein Liebesglück gefunden. Und die Nation könnte kaum „more delighted“, entzückter, über das Happy End zwischen dem Prinzen und seiner Prinzessin sein. Irgendwie wirkt eben doch alles wie im Märchen. Das britische Königshaus übertrifft sich mal wieder selbst.

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