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"Ich liebe mein Kind, aber…"

08.05.2015

„Ich wurde wegen meiner Feigheit Mutter“

Mutter eines Grundschülers, 47, alleinerziehende Angestellte aus dem Großraum Augsburg.

Vorab meine Hochachtung dass Sie sich trauen, dieses Thema überhaupt auszusprechen und sogar eine Reportage darüber planen. Ich hoffe, dass es außer mir doch noch „ehrliche“ Mütter gibt, denn ich kenne leider keine einzige.

Ich bin 47 Jahre und habe ein siebenjähriges, aktives Kind. Ich wollte nie Kinder. Ich war glücklich in und mit meinem Leben, lebte lustig und fröhlich in meiner schönen, immer aufgeräumten Wohnung, hatte viele gleichgesinnte Freunde und Bekannte, eine Arbeit welche mir Spaß machte …..und genau darum wollte ich kein Kind weil ich mitbekam, dass Kind/Familie UND Beruf nicht funktioniert. Und nur Hausfrau und Mutter ist nichts für mich da ich meine Unabhängigkeit liebte und schätzte.

Dann wurde ich ungeplant schwanger. Doch ich war aufgeklärt und wusste, dass ich mit schlecht verhütetem Sex schwanger werden kann, aber dass es ausgerechnet mich trifft hätte ich ja nie gedacht. Ich bemerkte es sehr spät aber noch rechtzeitig für eine Abtreibung. Also zu Pro Familia diesen Abtreibungszettel holen – kein Problem. Aber ich wurde nicht vom gesalbten Gespräch verschont. Also wie schrecklich ja so eine Abtreibung ist und die ewigen Vorwürfe wenn ich ein Kind sehe … Solche Sätze bekam ich plötzlich von allen Seiten (keiner meiner Freunde oder Bekannte hatte selbst Kinder) zu hören und überall hörte und sah ich nur glückliche Mütter und Familien. Nachdem ich beim 3. Arzt in München wieder vom Wartezimmer verschwand (ich war zu feige für die Abtreibung), setzte ich all meine Hoffnung auf die Fruchtwasseruntersuchung (aufgrund des Alters war ich ja Risiko) – dass mir das Ergebnis meine Entscheidung abnimmt. Leider auch negativ. Also fügte ich mich dem Schicksal und wurde wegen meiner Feigheit Mutter.

Aber Sie wollen ja wissen warum ich es bereue und warum ich nie wieder ein Kind bekommen würde. Ich habe mein Leben in 3 Kategorien eingeteilt.

  1. Kategorie das Leben vor dem Muttersein
  2. Kategorie als Übergangsphase zur 3. Kategorie
  3. Kategorie = Kind ist ausgezogen und ich versuche wieder ein Leben zu leben

Es wird sehr viel schöngeredet. Ich glaubte anfangs ja auch daran, dass sich Muttersein und berufstätig toll kombinieren lässt. Ja vielleicht, wenn man ein Au Pair hat oder in einer sozialen Einrichtung beschäftigt ist - aber nicht wenn das Kind in eine normale Krippe geht und die Mutter in der Industrie angestellt ist. Krippenplatz wird einem ja zugesichert – aber trotzdem war es sehr aufregend einen zu bekommen, der auch örtlich passt. Da konnte ich nicht groß auf Qualität achten. Mir wäre ein kirchlicher oder privater viel lieber gewesen – aber da ich „Rabenmutter“  nach 14 Monaten wieder in die Arbeit musste und nur 30 Tage Urlaub habe, war ich auf eine städtische Betreuung angewiesen, weil diese „nur“ 20 Schließtage haben (zusätzlich zu den Streik- und Krankheitstagen) und länger als 14Uhr geöffnet sind.

Dank der normalen Krankheit eines Kleinkindes (sagte mir auch niemand, aber ich kenne kein Kind bei dem das nicht so war) schaffte ich in der Anfangszeit an manchen Monaten gerade eine siebentägige Anwesenheitszeit im Büro. Dass ich dadurch immer die „besten“ Aufträge und Projekte bekam ist auch verständlich. Jetzt, nach sechs Jahren, kämpfte ich mich langsam wieder zurück – aber es ist sehr hart und ich habe täglich die Sorge bevor mein Kind aufwacht ob er krank sein könnte und ich wieder mal ungeplant einen Tag frei nehmen muss.

Hier möchte ich anmerken, dass ich schon Verständnis für die Streiks der „Erzieherinnen“ habe. Aber muss es denn auf dem Rücken der eh schon Ärmsten, nämlich der Eltern ausgetragen werden? Allein letzte Woche musste ich wieder an zwei Nachmittagen meine mühsam aufgebaute Gleitzeit opfern, weil ich nicht wusste, wohin mit dem Kind nach der Schule. Und weitere Tage sollen ja folgen.

Ich fehle daher viel öfter als meine (männlichen) Kollegen und darf mir eigene Krankheitstage dadurch nicht erlauben – möchte ich wieder eine anspruchsvollere Tätigkeit er- und behalten. Und Deutschland spricht von der Frauenquote. Geht nur wenn die Frauen kinderlos sind – sonst sollen sie doch aufhören die Frauen unter Druck zu setzen dass sie neben der Familie auch noch erfolgreich im Beruf sein muss und natürlich immer gut und entspannt lächeln.

Zeit für eigenes Leben kenne ich kaum. Nach dem Büro und der Schule (ca. 16.45Uhr) muss ich mit ihm Hausaufgaben machen (klar werden die im Hort gemacht, allerdings liegt hier der Schwerpunkt auf „gemacht“ und das wie wird stark vernachlässigt. Aber der Hort ist – entgegen der Erfahrung mit Krippe und Kindergarten ein wahrer Traum, weil das Personal dort sehr stark motiviert ist)  und dann Lesen, Rechnen, Schreiben üben. Es schreit, ich schreie – dann gibt es Abendessen, Sandmännchen und schon ist halb 8 Uhr und somit Bettgehzeit. Eigentlich nur für das Kind, aber ich bin oft so platt dass ich mitgehe.

Sie denken, das Leben vor der Schulzeit war angenehmer? Gut, etwas schon, aber nicht wesentlich. Dafür benötigte ja das Kind mehr Hilfestellung (anziehen, Essen,....). Apropos Hort – hier hört die staatliche Zusicherung für einen Platz leider auf. Ist zwar logisch dass die Kinder welche in die Krippe gehen später auch einen Hortplatz benötigen, aber vielleicht kommt das ja noch irgendwann.

Aber was ist denn nun so das „Schlimme“ an einem Kind? Als Mutter fühle ich mich immer verletzlich und angreifbar. Ich kenne leider keine Mutter die ein „normales“ Kind hat, sprich ein Kind, das so wie meines mit sieben noch nicht schwimmen kann, nur Deutsch spricht (wo doch Fremdsprachen die Welt öffnen), schlampig schreibt, keine zwei Sportarten perfekt ausführt, sich laufend schmutzig macht, trotz Erziehung und gutem Vorleben schlechte Tischmanieren hat und das frech ist. Ich kenne keinen Bereich in welchem so viel verglichen und gelogen wird wie unter den Supermüttern und den daraus entstanden Kindern. Die Verantwortung und Sorge, dass aus ihm etwas wird. Es wird schon beim ersten Elternabend in der 1. Klasse das Thema Übertritt und Studienplatzvergabe angesprochen.

Ich habe immer Angst dass mir etwas passieren könnte. Hinter jedem Pickel sehe ich schon Hauptkrebs und jeder Pups ist Darmkrebs.

Die Abhängigkeit von den Einrichtungen wie Krippe, Kindergarten, Hort, Schule (Betreuung allgemein) empfinde ich als sehr schlimm. Meine permanent unaufgeräumte Wohnung (ich resignierte, weil ich sonst schon durchgedreht wäre) und mein leicht vernachlässigtes „Äußeres“ (z.B. musste ich meine für den Frisörbesuch erarbeitete Gleitzeit nun für den Streik opfern, leider hatte der Frisör keine Zeit und der Sohn hätte gestreikt wenn er zwei Stunden da sitzen hätte müssen) und die Zeit wo ich früher zur Kosmetik ging, opfere ich nun  Gemeinsamkeit mit dem Kind.

Die Angst vor der Zukunft für das Kind (wird es drogenabhängig, schafft es hoffentlich überhaupt einen Schulabschluss, wird es krank, wird es die richtigen Freunde finden......)

Das ständige Denken für zwei (klar kann es seine Jacke zu Hause vergessen, und wenn es friert dann sein Problem …. aber wer muss denn dann wieder zuhause bleiben, wenn das Kind krank ist???) Der fehlende Freundeskreis. Aus meinem alten Bekannten- und Freundeskreis ist mir genau eine Freundin geblieben. Allen anderen fehlte das Verständnis, wenn ich immer kurzfristig absagen musste oder einfach zu platt und müde für ein Treffen oder Telefonat war. Außerdem passten die Freizeitaktivitäten nicht mehr zusammen. Ist mit Kind (zumindest mit meinem) ein Ausflug in den Zoo für mich entspannter als ein Cafe auf dem Rathausplatz in München oder ein Theaterbesuch. Für neue Bekannte fehlt mir die Zeit und dann habe ich wieder das oben genannte Problem, dass ich mich mit den Supermüttern und Superkindern vergleichen müsste.

Außerdem sind die meist eine ganz andere Altersklasse und haben andere Sorgen.

Oder es sind Familien, und da ich alleinerziehend bin, haben viele Angst um ihre Männer beziehungsweise passe ich ja nicht in das heile Weltbild der super glücklichen Familie (bis sich der Papa –logischerweise - ne Geliebte nimmt und die Mama -logischerweise- vor lauter Frustfuttern immer dicker wird und auf Mutter-Kindkur geht).

Jetzt habe ich viel geschrieben. Ganz gerne höre ich den Satz „man muss als Mutter auch Frau bleiben und sich Freiräume schaffen“. Anfangs wollte ich ja noch lernen und fragte immer interessiert nach, wie das gehe – eine Antwort bekam ich leider nie. Ich möchte nicht den Eindruck erwecken, dass meine Probleme die typischen Probleme einer Alleinerziehenden sind – nein. Vielleicht kann man sich die eine oder andere Aufgabe teilen, vielleicht. Aber leider ist man ja heute als Frau gezwungen trotz Ehe/Partner zu arbeiten – und somit sehe ich kaum einen Unterschied zu  meiner Person. Natürlich liebe ich mein Kind, aber ich würde nie, nie, nie mehr eines wollen!

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