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Interview
22.06.2021

Angela Merkels Doppelgängerin: "Ist sie das wirklich?"

Roter Blazer, schwarze Hose und Bernsteinkette: Mehr braucht Ursula Wanecki nicht, um in die Rolle von Angela Merkel zu schlüpfen.
Foto: Oliver Berg, dpa

Ursula Wanecki ist die wohl bekannteste Merkel-Doppelgängerin. Ein Gespräch über die perfekte Illusion, skurrile Verwechslungen und darüber, was Merkel von ihr hält.

Frau Wanecki, wann haben Sie gemerkt, dass Sie aussehen wie die Bundeskanzlerin?

Ursula Wanecki: Das hat schleichend begonnen. Auf Hochzeiten und Geburtstagen sagten Menschen, dass ich Ähnlichkeiten mit Angela Merkel habe. Oder mein Enkel, der sagte als Kleinkind oft: „Die Oma ist im Fernsehen“. Auch auf der Straße wurde ich ein paar Mal angesprochen, überwiegend von Jugendlichen. Der entscheidende Moment war, als ich mich an Karneval als Kanzlerin verkleidete. Das kam sehr gut an. 2013 habe ich mich dann bei einer Werbeagentur beworben und gleich einen ersten Auftrag bekommen.

Hat es Vor- oder gar Nachteile, von vielen für die Bundeskanzlerin gehalten zu werden?

Wanecki: Vorteile habe ich nicht, weil ich sie nicht suche. Negativbeispiele gibt es aber schon ein paar. Mit der Flüchtlingskrise 2015 und der damit einhergehenden angespannten Stimmung habe ich Ängste bekommen. Am Bahnhof hielt ich mich zum Beispiel immer von den Gleisen fern, damit mich niemand vor einen Zug schubsen kann. Es laufen genug Bekloppte auf der Welt herum. Grundsätzlich reagieren die meisten Menschen aber sehr positiv.

"Ich habe mit den Doubles von Trump, Putin und Thunberg gedreht"

Seit nunmehr zehn Jahren arbeiten Sie als Merkel-Double. Sie sind viel herumgekommen in dieser Zeit...

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Wanecki: Ich habe für Stefan Raab gearbeitet, immer wieder für die heute-show und andere Fernsehsendungen. Ich hatte viele Auftritte und besuchte viele Veranstaltungen. In Friedrichshafen zum Beispiel war ich im Jahr 2019 Gast bei der 40-Jahr-Feier eines Klinikums. Die echte Bundeskanzlerin hatte keine Zeit, darum habe ich sie staatsmännisch vertreten. Samt Bodyguards und schwarzer Limousine. In Österreich habe ich mal einen Film gedreht – zusammen mit den Doubles von Wladimir Putin, Greta Thunberg und Donald Trump. Das war sehr lustig. Nach den Drehs haben Putin, Thunberg und ich uns immer in der Hotel-Lobby getroffen. Die anderen Gäste konnten ihren Augen nicht trauen.

Wo war Trump?

Wanecki: Trump wollte nicht mit uns feiern. Er blieb in seinem Hotelzimmer (lacht).

Gab es im Laufer der Jahre Aufträge, die Sie nicht annehmen wollten?

Wanecki: Mir war immer wichtig, zu wissen, welche politischen Orientierung diejenigen haben, die mich buchen. Ich will keine Extreme. Auch Anfragen von Parteien habe ich nie angenommen. Dadurch, dass ich die Bundeskanzlerin sehr schätze und sie für eine große Politikerin und Demokratin halte, habe ich außerdem immer auch darauf geachtet, sie nicht lächerlich zu machen.

Die Hände vor den Bauch: Ursula Wanecki in bekannter Merkel-Pose
Foto: Oliver Berg, dpa

"Die Leute sollen sich fragen: Ist sie das wirklich?"

Wie gehen Sie vor, wenn Sie in Ihre Rolle schlüpfen?

Wanecki: Wichtig ist der Schockeffekt. Die Leute sollen sich fragen: Ist sie das wirklich? Irgendwann merken sie natürlich, dass das ja gar nicht die Kanzlerin ist. Aber da ist es schon zu spät, der Effekt war da. Ich muss da wirklich nicht viel tun. Ich schlüpfe in meinen roten Blazer, meine schwarze Hose, ziehe meine Bernsteinkette an und wenn ich aus dem Haus gehe, bin ich Frau Merkel. Meine Gestik stimmt, meine Mimik, ganz automatisch. Ich musste das gar nicht einstudieren.

Das klingt, als gäbe es natürliche Parallelen zwischen ihnen und Angela Merkel.

Wanecki: Ja. Ähnlichkeiten zwischen uns beiden sehe ich vor allem beim Thema Pflichtbewusstsein. Und genau wie Frau Merkel lasse ich mir bei Entscheidungen Zeit, bin bis ins Detail informiert und habe immer auch Alternativen parat.

Sind Sie ein politischer Mensch?

Wanecki: Durch meine Arbeit als Double habe ich sehr an politischer Kompetenz dazugewonnen und mich auch intellektuell weitergebildet. Ich habe mich mit der Politik auseinandergesetzt, Parteiprogramme und den Terminkalender von Frau Merkel studiert. Für meine Auftritte war ich immer sehr gut vorbereitet. Die Leute sollten im Gespräch sehen, dass ich nicht nur eine dümmliche Kopie bin. Ich wollte nie nur laufen und winken, sondern staatsmännisch auftreten. Aber über Politik wollte ich mich nie äußern, davor habe ich großen Respekt.

"Die Kanzlerin zu doublen, war mein Lebensabenteuer"

Sind Sie Angela Merkel je persönlich begegnet?

Wanecki: 2013 war sie auf Wahlkampftour in Olpe im Sauerland. Da stand ich fünf Meter vor unserer Bundeskanzlerin. Aber ich hatte ein Kopftuch umgewickelt. Ich war damals in der Region schon sehr bekannt. Ich wollte nicht, dass jemand auf mich aufmerksam wird. Ich wollte keine unangenehme Situation riskieren, denn es war eine Veranstaltung von Frau Merkel, nicht von mir.

Hat die Bundeskanzlerin Ihnen einmal Rückmeldung zu Ihrer Leistung als Doppelgängerin gegeben?

Wanecki: Vor einem Monat. Ich hatte mir einen sehr schönen Bildband von Daniel Biskup über Frau Merkel gekauft und an das Bundeskanzleramt geschickt. Den hat die Kanzlerin mir signiert samt Empfehlungsschreiben zurückgesendet. So etwas macht sie sonst nie. Das ist vielleicht ein kleines Zeichen dafür, dass sie meine Leistung wohl nicht ganz so schlimm fand. Eine solche Anerkennung am Ende meiner Karriere zu bekommen, das hat mich riesig gefreut.

Angela Merkel wird bei der Bundestagswahl im September nicht erneut als Kanzlerkandidatin antreten. Auch Sie als ihre Doppelgängerin haben angekündigt, fortan kürzertreten zu wollen.

Wanecki: Ich double unsere Kanzlerin ja schon eine ganze Weile. Das ist meine Berufung gewesen, mein Lebensabenteuer. Aber ich werde in diesem Jahr 65. Auch in meinem richtigen Job in einem Büro gehe ich bald in Rente. Irgendwann ist es auch genug. Bei mir im Ort bleibe ich wohl immer „die Angie“. Aber ich will so langsam ein bisschen runterfahren. Das wünsche ich unserer Bundeskanzlerin im Übrigen auch (lacht).

Annalena Baerbock, Armin Laschet oder Olaf Scholz: Was würden Sie einem Menschen raten, der große Ähnlichkeit mit dem nächsten Kanzler, der nächsten Kanzlerin, aufweist? Lohnt eine Karriere als Doppelgänger?

Wanecki: Ich wurde am Anfang meiner Double-Karriere in kaltes Wasser geworfen. Gott sei Dank ist alles gut gegangen. Ich hatte das Glück, auf nette und ehrliche Menschen zu treffen. Ein Double kann da auch schlechte Erfahrungen machen. Wer das passende Aussehen und Lust auf diese besondere Aufgabe hat, sollte es einfach ausprobieren. Aber ganz ehrlich: Unsere Bundeskanzlerin ist einmalig.

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