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Katholische Kirche
26.02.2019

Ihm drohen 25 Jahre Haft: Der tiefe Fall von Kardinal George Pell

Kardinal George Pell, als Finanzchef die ehemalige Nummer drei im Vatikan, verlässt das Gericht in Melbourne – als verurteilter Sexualstraftäter.
Foto: Crosling, aap, dpa

Die ehemalige Nummer drei des Vatikans, Kardinal Pell aus Australien, soll zwei Chorknaben missbraucht haben. Er streitet die Taten ab.

Nur zwei Tage nach dem Ende eines Gipfeltreffens im Vatikan zum Thema sexueller Missbrauch von Minderjährigen wird die katholische Kirche erneut auf die Probe gestellt. Am Dienstag wurde in der australischen Stadt Melbourne bekannt, dass der 77 Jahre alte Kardinal George Pell bereits im Dezember wegen sexuellen Missbrauchs von zwei Chorknaben schuldig gesprochen wurde.

Die zwölfköpfige Jury sah es als erwiesen an, dass der einst mächtigste Prälat des Kontinents, der später unter Papst Franziskus im Vatikan Karriere machte, sich im Jahr 1996 an zwei Messdienern verging. Der Vatikan erklärte „höchsten Respekt“ für die australische Justiz. Pell dürfe in Erwartung eines definitiven Urteils keine öffentlichen Messen mehr feiern und keinen Kontakt mit Minderjährigen haben. „Wir warten nun auf das Urteil des Berufungsgerichts und erinnern daran, dass Kardinal Pell seine Unschuld erklärt hat“, sagte Vatikansprecher Alessandro Gisotti. Damit scheint sich Papst Franziskus in gewisser Weise weiterhin vor seinen ehemaligen engen Mitarbeiter zu stellen.

Kardinal Pell wurde schon im Dezember verurteilt

Pell war zwar im Dezember, einen Tag nach erstmaligem Bekanntwerden des Urteils gegen ihn, aus dem inzwischen nur noch sechsköpfigen Kardinalsgremium der Berater des Papstes entlassen worden. Als Chef des vatikanischen Finanzministeriums ist Pell nicht entlassen, sondern weiterhin nur beurlaubt.

Pell ist der bislang höchste wegen Kindesmissbrauchs gerichtlich verurteilte Prälat. Kurz vor der Vatikan-Konferenz zum Thema Kinderschutz hatte Franziskus den ehemaligen Erzbischof von Washington, Theodore McCarrick, in den Laienstand versetzt. Der 88-jährige McCarrick, dem unter anderem Straftaten gegen Minderjährige vorgeworfen werden, wurde nie gerichtlich belangt. Zum Ende der Konferenz am Sonntag kündigte Franziskus an, die Kirche werde jeden einzelnen Fall mit äußerster Ernsthaftigkeit verfolgen. Priester, die Kinder missbrauchen, nannte er „Werkzeug des Teufels“.

Nach Ansicht der zwölfköpfigen Melbourner Gerichtsjury soll der damals 55-jährige Pell einen der Jungen in der Sakristei der Kathedrale zum Oralsex gezwungen und gegen beide mehrfach sexuell übergriffig geworden sein. Eines der beiden Opfer starb im Jahr 2014 an einer Überdosis Heroin. Das Zweite äußerte sich am Dienstag schriftlich und erklärte: „Wie viele Überlebende habe ich Scham, Einsamkeit, Depressionen und Kämpfe erlebt. Wie bei vielen Überlebenden hat es Jahre gedauert, bis ich die Auswirkungen auf mein Leben verstanden habe.“ Der Fall sei für ihn noch nicht vorbei. Der Betroffene sagte erst 2015 gegen den Kardinal aus.

Katholische Kirche: Muss Pell noch länger in Haft?

Noch diese Woche will die Jury des County Court Victoria über das Strafmaß gegen Pell beraten. Ihm drohen nach australischem Recht bis zu 25 Jahre Gefängnis, manche Quellen sprechen gar von 50 Jahren. Pell beteuerte seine Unschuld, seine Anwälte kündigten Berufung an. Wegen einer Knieoperation ist Pell bis auf Weiteres auf Kaution frei.

Ursprünglich hatte die Staatsanwaltschaft ein zweites Verfahren gegen den Prälaten eingeleitet, in dem Vorwürfe gegen Pell aus den 1970er Jahren überprüft werden sollten. Dass dieses Verfahren nun eingestellt wurde, ist auch der Grund dafür, dass die fast drei Monate währende Berichtssperre über Pells Schuldspruch jetzt aufgehoben wurde. Dieses hatte garantieren sollen, dass die Berichterstattung der Medien die Jury nicht beeinflusst.

In Australien untersuchte eine richterliche Kommission fünf Jahre lang das Ausmaß sexuellen Missbrauchs in Institutionen, darunter auch in der katholischen Kirche des Landes. 1200 Betroffene sagten im Zeugenstand aus, insgesamt behaupteten in Australien über 4000 Menschen, im Zeitraum zwischen 1980 und 2015 Opfer sexuellen Missbrauchs durch Kleriker geworden zu sein. Auch Pell sagte damals per Videoschalte aus Rom vor der Kommission aus und betonte: „Ich kann das Geschehene nicht rückgängig machen.“ Vorwürfe gegen ihn persönlich wies er jedoch zurück. Der in der australischen katholischen Kirche beinahe übermächtige Pell war über die Jahre in seiner Heimat zu einer polarisierenden Hassfigur mutiert. Als er 2016 in Rom von der Kommission befragt wurde, protestierten Opfer vor Ort. Sie warfen Pell Kaltherzigkeit und Vertuschung vor.

Lesen Sie dazu die Reportage: Missbrauchsopfer reagieren erbost auf Abschlussrede des Papstes

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