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13.02.2020

Koordinatorin für Nacktszenen: Sie setzt sich für Schauspieler ein

Julia Effertz ist Schauspielerin ("Der Lack ist ab", Amazon) und Deutschlands erste Intimitätskoordinatorin.
Bild: Teresa Marenzi

Nacktheit bei Dreharbeiten ist gerade ein großes Thema in der Filmbranche. Auch dank Deutschlands erster Intimitätskoordinatorin Julia Effertz.

Den meisten Menschen ist es unangenehm, sich vor Wildfremden auszuziehen. Bei Schauspielern wird das jedoch als selbstverständlich vorausgesetzt: Sie sollen auf der Bühne oder am Filmset nackt agieren – und womöglich auch noch leidenschaftlichen Sex simulieren. Gerade bei Dreharbeiten sind solche Momente besonders heikel, und danach sind die Nacktszenen in der Welt.

Entscheidender ist allerdings ein anderer Aspekt: In der Vergangenheit ist es immer wieder zu Situationen gekommen, die gerade von jungen Darstellerinnen als unangemessen oder übergriffig empfunden wurden. Mal war es der Regisseur, der eine rote Linie überschritt, mal der männliche Spielpartner. Julia Effertz will dabei helfen, solche Vorfälle zu vermeiden. Die Schauspielerin ist Deutschlands erste Intimitätskoordinatorin. Die Bezeichnung klingt umständlich, ist aber eine exakte Tätigkeitsbeschreibung.

Effertz hat ihre Ausbildung bei Ita O’Brien absolviert, jener Britin, die 2017 Richtlinien für das Drehen intimer Filmszenen veröffentlichte – und damit offenbar eine große Nachfrage in der Filmbranche bedient. Seither wird sie bei Serien mit freizügigen Szenen – wie bei "Sex Education" auf Netflix – regelmäßig als "Intimacy Coordinator" engagiert.

Intimitätskoordinatorin Julia Effertz: Es können hässliche Dinge passieren

Ihr habe das sofort eingeleuchtet, sagt Effertz: "Es gibt Experten für Stunts, Zweikämpfe und Tänze. Nur bei intimen Szenen werden Schauspieler alleingelassen. Dadurch ist eine Grauzone entstanden, in der auch sehr hässliche Dinge passieren können." Intime Szenen, ergänzt sie, seien für fast alle Schauspieler unangenehm: "Es gibt ja die Vorstellung des entgrenzten Künstlers, der bereit ist, über eigene körperliche und emotionale Grenzen hinwegzugehen, aber das ist nicht mehr zeitgemäß. Schauspieler sind genauso verletzlich wie wir alle, und intime Szenen bergen ein erhöhtes Verletzungsrisiko."

An Bühnen und bei Dreharbeiten herrschen zudem traditionell hierarchische Verhältnisse: Der Regisseur hat stets das letzte Wort. Schauspielerinnen sind in der Vergangenheit oft genötigt worden, mehr von ihrem Körper preiszugeben, als vorher vereinbart war. Viele haben sich – Augen zu und durch – gefügt, um ihrer Karriere nicht zu schaden. Julia Effertz möchte allerdings vermeiden, dass bei dem Thema nur auf Frauen geschaut wird: "Für Männer ist das genauso wichtig." Sie weiß von Kollegen, denen es sehr zu schaffen gemacht habe, eine Vergewaltigungsszene zu spielen. Auch bei vermeintlich harmlosen Kuss-Szenen hält sie die Anwesenheit eines Intimitätskoordinators für wichtig, erst recht, wenn es sich bei den Darstellern um Teenager handele. "Der erste Kuss ihres Lebens, und das vor laufender Kamera und womöglich einem Dutzend Komparsen: Das bedarf erhöhter Fürsorge. Ein Kuss ist etwas sehr Persönliches, in diesem Moment ist man womöglich noch verletzlicher als bei einer Liebesszene."

Deutschlands erste Intimitätskoordinatorin: Was sie am Filmset genau tut

Effertz’ Argumente klingen derart einleuchtend, dass es fast verwundert, warum nicht schon längst jemand auf die Idee gekommen ist, diesen Beruf zu erfinden. "Man spart Zeit, die Szene sieht besser aus, und es kommt nicht zu Grenzüberschreitungen", sagt sie. Was sie am Filmset genau tut? Sie klärt mit den Kostümbildnern ab, dass Genitalabdeckungen und Bademäntel bereitliegen, und sorgt für die Einhaltung des "Closed Set": Außer Regie, Kamera, Ton, den beteiligten Schauspielern und ihr selbst ist also niemand beim Dreh dabei.

In den USA und Großbritannien gehört die Anwesenheit von Intimacy Coordinators bei entsprechenden Szenen inzwischen zum guten Ton. Dass das auch hierzulande nicht schlecht wäre, zeigt eine Statistik von Themis. Bei der 2018 gegründeten unabhängigen Vertrauensstelle gegen sexuelle Belästigung und Gewalt in der Medienbranche hat es in den letzten 13 Monaten rund 200 Beschwerden gegeben. Das Spektrum reicht laut Vorstandsmitglied Eva Hubert "von sexistischen Sprüchen bis zu massiven physischen Belästigungen der schlimmsten Art". Die meisten Beschwerden – circa 85 Prozent – stammten von Frauen.

Bleiben noch die Regisseure. Sie haben bei Dreharbeiten das letzte Wort – und müssen mit den Intimitätskoordinatoren zusammenarbeiten. Kilian Riedhof, für Filme wie "Homevideo", "Der Fall Barschel" und "Gladbeck" mit sämtlichen wichtigen TV-Preisen ausgezeichnet, kann sich das gut vorstellen: "Intime Szenen sind nicht so einfach zu filmen wie eine Unterhaltung in einem Café. Alle Beteiligten müssen sich mit Bereichen auseinandersetzen, die viel mit eigener Scham zu tun haben, und das ist immer potenziell heikel", sagt er. Er habe beste Erfahrungen damit gemacht, das Thema frühzeitig und ausführlich zu besprechen. Dazu sei Überwindung nötig, und meist begännen solche Gespräche auch erst mal ziemlich verkrampft, "aber es handelt sich ja nicht um Pornografie".

Ein Regisseur spricht von "um sich greifendem Puritanismus"

Es gehe, so Riedhof, vor allem darum, das Drama der Figuren und ihr Verhältnis zueinander zu beschreiben: "Lieben sich diese Menschen, ist der Sex einvernehmlich? Oder dominiert einer den anderen? Gerät die Begegnung außer Kontrolle?" Die Herausforderung bestehe darin, dafür den richtigen körperlichen Ausdruck zu finden, "und das muss vorher im Detail besprochen werden. In der Hitze des Gefechts ist für so etwas keine Zeit mehr". Er weiß von Schauspielerinnen, die bei anderen Projekten vom Regisseur ohne vorherige Absprache aufgefordert worden seien, oben ohne zu agieren. Gerade für junge Schauspielerinnen könne es sehr schwer sein, sich diesem Ansinnen zu widersetzen.

Regisseurin Sibylle Tafel wäre ebenfalls dankbar, wenn sie beim Drehen von erotischen Szenen Unterstützung bekäme, zumal viele Schauspieler bei Nacktszenen sehr nervös seien. "Lust zu zeigen, bedeutet massiven Kontrollverlust", erklärt sie. Ein Intimitätskoordinator sei ohne Frage eine große Hilfe, denn als Regisseur habe man unter Umständen einen Interessenskonflikt: "Was gut für den Film ist, muss sich nicht zwangsläufig gut für den Schauspieler anfühlen."

Konsens sind Intimitätskoordinatoren nicht. Ein Kollege Tafels, der nicht genannt werden möchte, würde die Anwesenheit eines solchen Beraters als "Eingriff in die Arbeitswelt" empfinden. Er hält die ganze Diskussion für ein Zeichen von "um sich greifendem Puritanismus".

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