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27.12.2017

#MeToo darf nicht zur Hexenjagd werden

#MeToo ist längst eine Massenbewegung, die sich dem Kampf gegen sexuelle Übergriffe verschrieben hat.
Bild: Damian Dovarganes, dpa

Es ist gut, dass das Thema sexuelle Übergriffe auf Frauen durch die #MeToo-Bewegung verstärkt ins Bewusstsein gerückt ist. Nun aber droht Gefahr auf einer ganz anderen Ebene.

Gut ein Vierteljahr ist es jetzt her, dass die massiven Vorwürfe gegen den einstmals mächtigen US-Filmproduzenten Harvey Weinstein der Weltöffentlichkeit publik wurden. Die Veröffentlichungen der New York Times und des New Yorkers haben seitdem eine Lawine losgetreten, die immer noch zu Tal rast und es ist noch längst nicht absehbar, wann sie ins Stoppen kommt. Eine Lawine, die absolut berechtigt ist. Die aber auch Kollateralschäden anrichtet, die ebenfalls diskutiert werden müssen. Weil sie alles andere als ungefährlich sind.

Macht man sich die Mühe, sich näher mit den System Weinstein zu befassen, kann einem schnell übel werden. Über 80 Frauen haben inzwischen öffentlich kundgetan, von dem Filmmogul sexuell belästigt oder genötigt worden zu sein. Weinstein nutzte es aus, darüber befinden zu können, ob jemand eine bedeutende Filmrolle bekommt. Und dafür forderte er sexuelle Zuwendungen. Stichwort: Besetzungscouch. Ebenso offenkundig war es wohl, dass ein ganzer Mitarbeiterstab damit befasst war, entsprechende Zweier-Treffen zu arrangieren. Rechtsanwaltskanzleien und sogar ehemalige Mitarbeiter des israelischen Geheimdienstes Mossad wurden beauftragt, Frauen auszuforschen, um mit diesem Wissen Opfer unter Druck zu setzen und die Spuren der Schweinereien zu verdecken.

Die Schattenseite der #MeToo-Bewegung

Alles erfundene Geschichten? Nein! Weinstein, der ja dann aus seiner eigenen Firma „The Weinstein Company“ hinausgeworfen wurde, entschuldigte sich und betonte, er wolle seine „Dämonen“ in den Griff bekommen. Die Lawine rollte weiter zu Tal, als die Schauspielerin Alyssa Milano ab Mitte Oktober Frauen dazu aufrief,  mit dem Zeichen #MeToo (sinngemäß: „Mir ist es auch passiert“) in sozialen Netzwerken anzuklagen, wenn auch sie Ziel von sexuellen Nötigungen, Belästigungen bis hin zu Vergewaltigungen geworden sind. Hunderttausende Frauen meldeten sich, unter ihnen viele Prominente wie etwa die Sängerinnen Björk, Sheryl Crow oder Lady Gaga.

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Im Zuge dieser #MeToo-Botschaften wurden auch zig Namen verdächtigter Täter genannt – unter ihnen: die Filmemacher Ben Affleck, Oliver Stone und Lars von Trier, Ex-Fifa-Boss Sepp Blatter, Ex-US-Präsident George Bush sen., die Sängerin Mariah Carey, die Schauspieler Dustin Hoffman, Val Kilmer, Kevin Spacey, John Travolta und Charlie Sheen – oder „Kiss“-Bassist Gene Simmons. Jeden Tag neue Enthüllungen. Sollte man aber nicht vielleicht besser sagen: Verdächtigungen? Und: Besteht nicht die Möglichkeit, dass sich in diesen „Enthüllungen“ so manche üble Nachreden verbergen, in denen sexuelle Übergriffe nur erfunden wurden? Aus welchen Gründen auch immer?

Es ist völlig unstrittig, dass Männer überall auf der Welt Frauen belästigen, attackieren, vergewaltigen, grausam töten. Und dass das definitiv öfter vorkommt als anders herum. Es vergeht kaum eine Woche, in denen die Nachrichtenticker dieser Welt nicht von solchen Fällen berichten – beispielsweise aus Indien oder Afrika oder eben auch aus Deutschland. Die absolut berechtigte #MeToo-Debatte sollte aber nicht dazu führen, dass mit ihr nun eine viel beachtete Plattform entstanden ist, auf der zum Teil die Unschuldsvermutung und die juristische Einzelfallbetrachtung – zwei wichtige Prinzipien der Rechtsstaatlichkeit und zugleich Errungenschaften fortgeschrittener Zivilisationen – außer Kraft gesetzt werden.

Die Folgen von #MeToo in Schweden

In Schweden ist inzwischen eine Atmosphäre entstanden, in der nur der Ruch, die #MeToo-Debatte kritisch zu sehen, zu gesellschaftlichem Tod führen kann. Zahlreiche Männer in allen möglichen Branchen wurden gefeuert, nachdem führende Zeitungen sie namentlich in Artikeln nannten. In denen Frauen sie anonym sexueller, teils Jahrzehnte zurückliegender Übergriffe bezichtigten. Ein Kolumnist der schwedischen Zeitung Aftonbladet namens Staffan Heimerson kritisierte daraufhin, dass führende Landesmedien das Prinzip der Unschuldsvermutung bis hin zu einer rechtskräftigen Verurteilung durch ein Gericht zeitweise völlig aufgehoben hätten. Er schrieb von einer „Hexenjagd mit Zügen von Stalins Säuberungsaktionen“. Das Ergebnis: Auch Heimerson wurde gefeuert.

Eine solche, letztlich völlig vergiftete gesellschaftliche Atmosphäre wie in Schweden darf nicht das Ziel der #MeToo-Debatte sein. Ihr Ziel muss lauten: Die vielen von ihrer Männlichkeit besoffenen Männer müssen lernen, erst einmal nachzudenken, bevor sie ohne Einverständnis ihre Hände ausstrecken. Kommt es aber zum Übergriff, dann ist der Staatsanwalt zuständig.

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