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Spektakulärer Prozess

09.11.2018

Mexikos Elite zittert: Packt Drogenboss "El Chapo" aus?

Drogenboss Joaquin Guzman Loera, bekannter als "El Chapo", wird zum Hochsicherheitsgefängnis Altiplano zurückgebracht, aus dem er geflohen war.
Bild:  Jose Mendez, dpa

Dem Boss des Sinaloa-Drogenkartells wird in den USA der Prozess gemacht. Unter schärfsten Sicherheitsvorkehrungen. Währenddessen geht das Töten in Mexiko weiter.

Ein Jury-Kandidat gab seinen Job als „Michael-Jackson-Imitator“ an. Er fiel durch. Ein anderer bat um ein Autogramm von „El Chapo“ – „Ich bin ein bisschen Fan“, sagte er. Auch er fiel durch. Drei Tage, an denen Staatsanwaltschaft und Verteidigung Dutzende Kandidaten befragten, hat es gedauert. Nun steht sie, die zwölfköpfige Jury – sieben Frauen, fünf Männer – für den Prozess gegen den Mexikaner Joaquín „El Chapo“ Guzmán in New York. Am Dienstag soll das Mammut-Verfahren gegen den einst mächtigsten Drogenboss der Welt mit den Eröffnungsplädoyers richtig losgehen.

Die strengen Sicherheitsvorkehrungen machen der Millionenmetropole New York schon jetzt zu schaffen. Der 61-jährige „El Chapo“ („der Kurze“) sitzt seit seiner Auslieferung an die USA im Januar 2017 in einem Hochsicherheitsgefängnis in New York. In einer 15 Quadratmeter großen, fensterlosen Zelle. In Mexiko waren ihm mehrfach spektakuläre Gefängnisausbrüche gelungen, in New York will man sich diese Blamage nicht geben. Das Problem: Das Gefängnis ist in Manhattan, das Gericht in Brooklyn. Vor Prozessbeginn musste für jeden Gerichtstermin zweimal die viel befahrene Brooklyn Bridge komplett gesperrt werden, ein Infrastruktur-Albtraum für New York. Nun überlegen die Behörden, „El Chapo“ während des Prozesses zumindest unter der Woche in einer Zelle in Brooklyn unterzubringen.

Der gefürchtete Drogenboss gab sich bislang unauffällig. Eine Bitte hatte er aber: Er wolle seine Frau Emma Coronel, mit der er siebenjährige Zwillinge hat, umarmen. Zuvor war ihm jeder physische Kontakt zu ihr verboten worden. Richter Brian Cogan lehnte die Bitte ab. Er habe Verständnis dafür, aber die Sicherheitsvorschriften ließen dies nicht zu. „El Chapo“ muss zu seiner eigenen Sicherheit eine kugelsichere Weste tragen. Ein Anschlag auf ihn erscheint als möglich. Schließlich dürfte er eine Menge unbequemer Details kennen, zum Beispiel über die Verstrickungen von Mexikos Elite ins Drogengeschäft. Ob er auspacken wird?

Drogen, Geld, Morde: Das droht "El Chapo" und ganz Mexiko

Die US-Justiz wirft ihm unter anderem Drogenhandel, Geldwäsche und das Führen einer kriminellen Organisation – des mexikanischen Drogenkartells Sinaloa – zwischen 1989 und 2014 vor. In dieser Zeit soll es unter seiner Führung fast 155 Tonnen Kokain und andere Drogen in die USA geschmuggelt haben. „El Chapo“ soll damit Milliarden verdient haben. Zudem soll er für bis zu 3000 Morde verantwortlich sein. Ihm droht lebenslange Haft. Die Todesstrafe ist nach einer Einigung zwischen Mexiko und den USA ausgeschlossen.

In Mexiko geht derweil das Drogengeschäft immer brutaler weiter. Guzmáns Sinaloa-Kartell, so Experten, ist in interne Bruderkriege verstrickt, während neue Kartelle wie „Jalisco Nueva Generación“ Boden gutmachen und um strategisch wichtige Hochburgen und Schmuggelrouten kämpfen. Das treibt die Gewalt in die Höhe. 2018 wird allem Anschein nach mit 22.000 Morden bis August ein neues, trauriges Rekordjahr werden. Der Drogenkrieg, den die Regierungen Lateinamerikas den Kartellen erklärt haben, ist gescheitert. Das erkannten die Staatschefs Lateinamerikas 2012 selbst auf einem Gipfel im kolumbianischen Cartagena.

Und die Verhaftung und Aburteilung von Drogenbossen, so der Politologe Guillermo Vasquez, heize die Gewaltspirale in Mexiko an, weil daraufhin Nachfolgekämpfe ausbrechen. Korruption unterhöhle den Rechtsstaat. Das Geld, das in den Drogenkrieg fließe, fehle bei sozialen Investitionen und Prävention, was perspektivlose Jugendliche erst recht in die Arme der Kartelle treibe. „Du kannst El Chapo festnehmen, aber solange es Nachfrage gibt, geht das Geschäft weiter“, sagte James Hunt von der US-Antidrogenbehörde DEA jüngst in einem Interview. „Wir müssen die Abhängigkeit bekämpfen.“ (mit dpa)

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