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Modebranche
15.11.2021

Sexistische Aussagen: Wolfgang Joop und die Schatten der Modewelt

Der Modedesigner Wolfgang Joop hat sich für frauenfeindliche Aussagen in einem Interview entschuldigt.
Foto: Gregor Fischer, dpa

Der Modedesigner empörte mit herabwürdigenden Aussagen über Models. Jetzt zeigt Wolfgang Joop Reue. Doch das Problem der Branche liegt tiefer.

Nostalgisch, zynisch, resigniert: All diese Eigenschaften kann man aus dem neuesten Interview des Modeschöpfers Wolfgang Joop herauslesen. Mit dem Spiegel hat er über seine Karriere geredet, über Jahrzehnte in der Modewelt, die er als einst „wunderbar frivol und frigide“ bezeichnet. Viele Leserinnen und Leser aber empfinden Joops Aussagen vor allem als sexistisch, frauenfeindlich, diskriminierend – sehen darin Berichte aus einer Welt, in der man „Models noch wie fleischliche Ware verschachert und missbraucht hat“, wie ein Nutzer auf der Plattform Twitter schreibt. Für Teile des Interviews hat der 76-jährige Joop sich jetzt entschuldigt.

Er lehne Gewalt und den Machtmissbrauch gegenüber Frauen und Models natürlich ab, betonte der Modedesigner am Sonntagabend bei Instagram und Facebook. Für die Wortwahl im Gespräch mit dem Nachrichtenmagazin wolle er sich bei all jenen entschuldigen, die dies verärgert oder verletzt habe, schrieb der Potsdamer in seinem Beitrag.

Joop: "Wirklich schön ist die Modewelt nur, wenn es auch die Sünde gibt"

Im Interview hatte Joop gesagt, er habe bei Karl Lagerfelds Tod im Jahr 2019 geweint, weil damals eine Ära zu Ende gegangen sei. „Alles war käuflich“, sagte Joop über diese Zeit. „Die Agenturen gaben die Schlüssel zu den Zimmern der Models, die nicht so viel Geld brachten, an reiche Männer. Und wenn sich ein Mädchen beschwerte, hieß es: Wir können auch auf dich verzichten.“ Die Fragesteller des Spiegel merkten daraufhin an, dass das doch fürchterlich sei. Wiederum antwortete Joop: „Ja. Aber wirklich schön ist die Modewelt nur, wenn es auch die Sünde gibt.“

Der Modedesigner Wolfgang Joop hat sich von seiner Marke "Wunderwelt" getrennt.
Foto: Gregor Fischer/dpa

In seiner Entschuldigung erklärte der Designer, er habe mit drastischen Worten „auf die Korruption und Frivolität der Siebziger und Achtziger Jahre der Branche“ hingewiesen. Deren Bestandteil sei „bedauerlicherweise auch der respektlose und missbräuchliche Umgang mit Models“ gewesen. Aber: „Meine Aussage bezüglich der Sünde in der Modewelt war im Kontext deplatziert“, schrieb der 76-Jährige. Der Bild sagte: „Die Models wollten Geld verdienen und dazugehören. Da war es doch besser, Kontakt mit reichen Männern zu haben, als an der Supermarktkasse sitzen zu müssen. Die Dinge, die ich da anspreche, sind nun mal passiert. Ich befürworte diese Vorfälle nicht!“

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Sexismus-Enthüllungen nach #MeToo auch in der Modebranche

Seit rund vier Jahren gibt es in der öffentlichen Debatte eine größere Sensibilität gegenüber Machtmissbrauch im Job. Im Oktober 2017 traten Enthüllungen über den Hollywood-Filmproduzenten Harvey Weinstein die #MeToo-Debatte über sexuelle Übergriffe und Sexismus los.

Für die Modebranche veröffentlichte die Zeitung New York Times im Jahr 2018 die Berichte dreier männlicher Models. Einer berichtet von ihm aufgezwungenen Berührungen mit der Hand bei einem Nackt-Shooting. Anfang dieses Jahres beschuldigten männliche und Transmodels einen angesagten New Yorker Designer der sexuellen Belästigung. Und gegen den Agenturchef Gérald Marie, Ex-Mann des Supermodels Linda Evangelista, hat die Pariser Staatsanwaltschaft im September ein Ermittlungsverfahren eingeleitet. Der 71-Jährige soll über Jahrzehnte Frauen missbraucht und sexuell belästigt haben.

Gisele Bündchen, hier mit ihrem Ehemann Tom Brady, unterstützt eine Aufklärungsaktion.
Foto: David J. Phillip/AP/dpa

Durch die Enthüllungen hat sich die Modebranche zumindest um einige Schritte weiterentwickelt. Die Organisation Model Alliance, die sich seit 2012 für die Rechte von Models einsetzt, startete im Mai 2018 das Programm „Respect“, das die Aufmerksamkeit auf sexuellen Missbrauch in der Modeindustrie lenken will. Topstars wie Gisele Bündchen oder Milla Jovovich unterstützen es. Und bei der New York Fashion Week, einer der berühmtesten Modeschauen der Welt, gibt es heute eigene Privatumkleiden für die Models.

Wolfgang Joop bekam für seine Entschuldigung negative wie positive Reaktionen. Auf Instagram spricht eine Nutzerin von „menschlicher Größe“, andere unterstützen ihn mit den Worten, er sei bewusst missverstanden worden. Ein anderer Nutzer aber denkt einen Schritt weiter: „Wenn Sie tatsächlich davon wussten, dass Models sexuell belästigt wurden“, schreibt er, „Was genau haben Sie denn dagegen unternommen?“ (mit dpa)

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