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Frankreich

22.10.2020

Mord an Samuel Paty: Lehrer, die neue Zielscheibe des Terrors?

Ein Polizist bewacht die Oper von Montpellier, wo ein Plakat an den Lehrer Samuel Paty erinnert.
Bild: Pascal Guyot, afp/dpa

Plus Nach dem grausamen Mord an Lehrer Samuel Paty haben Pädagogen an den französischen Schulen Angst. Aber wollen sich auch nicht unterkriegen lassen.

Vor ein paar Tagen hatte Pape Byram, Sechstklässler einer Mittelschule in Conflans-Sainte-Honorine, einen großen Fernsehauftritt. Auf die Frage von Journalisten, wie er sich gefühlt habe, als er vom grausamen Tod seines Lehrers Samuel Paty erfuhr, sagte der Junge in die Kamera, er habe geweint. „Es ist schrecklich, dass man ermordet werden kann, nur weil man eine Karikatur zeigt.“ Paty sei ein lustiger, engagierter Lehrer gewesen, der nicht einfach nur seinen Unterricht abspulte. Er finde es wichtig, so Pape Byram, nach den Herbstferien Anfang November zurück in die Schule zu kommen. „Wir müssen weiter lernen, sonst glauben die Terroristen, sie haben gewonnen.“

Auf dem Nachhauseweg angegriffen und enthauptet

Der bestialische Mord an dem 47-jährigen Lehrer für Geschichte und Erdkunde am vergangenen Freitag in Conflans-Sainte-Honorine, einem ruhigen Städtchen rund 30 Kilometer nordwestlich von Paris, hat Frankreich zutiefst geschockt. Ein 18-jähriger gebürtiger Tschetschene hatte Samuel Paty auf dem Nachhauseweg aufgelauert, ihn mit einem Messer angegriffen und enthauptet. Anfang Oktober hatte dieser in einer Unterrichtsstunde über Meinungsfreiheit Karikaturen des Propheten Mohammed gezeigt. Kurz bevor ihn die Polizei erschoss, schrie der Täter „Allahu Akbar“, „Gott ist groß“. Sein Opfer hatte der Mörder, der als Kind mit seiner Familie nach Frankreich gekommen und als politischer Flüchtling anerkannt war, nicht persönlich gekannt. Er lebte im fast 90 Kilometer vom Tatort entfernten Evreux.

Die Bedrohung ist mitten unter uns. Dieser Gedanke ist seit dem Mord an dem Lehrer zurück in den Gedanken der Franzosen. Das Attentat auf die Satirezeitschrift Charlie Hebdo mit 12 Todesopfern, die Terrorserien 2015 in Paris’ Ausgehviertel, in der Konzerthalle Bataclan: Immer waren Terroristen beteiligt, die ihr Leben zum großen Teil in Frankreich verbracht hatten. Wie bekommt man das Problem an der Wurzel zu fassen – die Bedrohung durch Extremisten aus dem Inneren heraus? Diese Frage stellt Frankreich vor ein Rätsel.

Tausende gingen in den vergangenen Tagen in Frankreich auf die Straße, um Samuel Paty zu gedenken.
Bild: Kiran Ridley, Getty Images

Patys Mörder hatte ebenso wie die meisten anderen Urheber der Attentate der letzten Jahre französische Schulen besucht, war Teil der Gesellschaft – und stand doch außerhalb. Der 18-Jährige war den Behörden als gewaltbereit, aber nicht wegen religiöser Radikalisierung, bekannt.

Der Täter kannte Samuel Paty aus dem Netz

Er gab Schülern rund 350 Euro, damit sie ihm den Lehrer zeigten, auf den er es abgesehen hatte. Von Paty hatte er über soziale Netzwerke erfahren, wo massiv Stimmung gegen den Lehrer gemacht worden war. Unter anderem, weil er allen muslimischen Schülern angeboten hatte, das Klassenzimmer zu verlassen, bevor er die Mohammed-Karikaturen zeigte – eine Geste des Respekts. Doch Brahim C., der Vater einer 13-jährigen Schülerin, die entgegen ihrer Behauptungen in der fraglichen Stunde gar nicht anwesend war, machte daraus eine angebliche Aufforderung an die Muslime, hinauszugehen. Er stellte wütende Videos ins Internet. Gemeinsam mit Abdelhakim Sefrioui, einem einschlägig bekannten Salafisten, forderte er die Entlassung Patys.

Kurz vor der Tat stand der Attentäter in Telefonkontakt mit Brahim C. Ganz frisch ist gegen den Vater ein Ermittlungsverfahren eingeleitet worden – ebenso wie gegen Sefrioui, zwei Schüler, die das Geld angenommen hatten, und drei Freunde des Täters, die ihn bei Waffenkäufen begleitet oder nach Conflans-Sainte-Honorine gefahren hatten.

180 Gefährder sitzen in Frankreich n Haft

Innenminister Gérald Darmanin versichert jetzt, es werde „keine Minute der Verschnaufpause für die Feinde der Republik“ geben. 231 Gefährder ausländischer Herkunft, von denen 180 im Gefängnis sitzen, will er ausweisen lassen. Mehreren als radikal eingestuften Verbänden und Organisationen droht das Verbot, eine Moschee im Pariser Vorort Pantin, die das Video von Brahim C. im Internet verbreitet hatte, wird vorübergehend geschlossen.

Erst Anfang Oktober hatte Präsident Emmanuel Macron seine Strategie für einen „aufgeklärten Islam Frankreichs“ vorgestellt – mit Maßnahmen wie der Ausbildung von eigenen Imamen im Land und einer strikten Einschränkung von Fernunterricht, um gegen die Praxis der privaten Koranschulen vorzugehen. Nach der Enthauptung Patys hat er „sehr schnell konkrete Taten“ versprochen. Der Kampf gegen Hassbotschaften im Internet etwa soll verschärft werden.

Erst Anfang Oktober hatte Präsident Emmanuel Macron seine Strategie für einen „aufgeklärten Islam Frankreichs“ vorgestellt.
Bild: Ludovic Marin, AFP/AP/dpa

Noch im Sommer hatte der französische Verfassungsrat einen Gesetzesentwurf kassiert, der die Internetkonzerne zur raschen Löschung von Hassbotschaften, kinderpornografischen und terroristischen Inhalten zwingen sollte. Nun wird ein neuer Anlauf diskutiert. Die beigeordnete Ministerin im Innenministerium, Marlène Schiappa, ist sich sicher: „Die islamistische Ideologie verbreitet sich heute stark über die sozialen Netzwerke. Sie haben eine ganze Generation junger Leute, die sich zu Hause radikalisiert haben, in ihrem Zimmer, vor einem Handy- oder Computer-Bildschirm.“ Große Internet-Konzerne sollten das Problem ernster nehmen, forderte sie.

Die Fundamente der Republik im Visier

Nicht wenige stellen sich die Frage, ob man das französische Problem des Terrors in den eigenen Reihen mit diesem Aktivismus lösen kann. Und vor allem die Lehrer fühlen sich jetzt bedroht. „Nachdem sie Juden, Journalisten, Karikaturisten, Passanten auf der Straße, junge Leute im Bataclan getötet haben, töten sie jetzt Lehrer“, sagte Richard Malka, Anwalt der Satirezeitschrift Charlie Hebdo, in der die Mohammed-Karikaturen zunächst erschienen waren. Im Visier stünden die Fundamente der Republik: die Meinungsfreiheit, die Schule, die in Frankreich so hochgehaltene Laizität, also die Trennung von Staat und Kirche und die Verbannung des Religiösen ins Private.

Seit Jahren schlage er Alarm, klagte Iannis Roeder, Historiker, Lehrer und Mitglied des französischen Weisen-Rates zur Laizität. „Die Lehrer stehen an vorderster Front. Ich habe es befürchtet, dass sie eines Tages zur Zielscheibe werden.“ Einer Umfrage zufolge sagten 29 Prozent der französischen Muslime und sogar 45 Prozent der unter 25-Jährigen, der islamische Glaube sei unvereinbar mit der Republik – deren Werte an den Schulen gelehrt werden. Nach dem Anschlag auf Charlie Hebdo verweigerten manche muslimischen Schüler die Schweigeminute für die Opfer, weil sie sich von den Mohammed-Karikaturen beleidigt fühlten.

Die offizielle Linie der meisten muslimischen Vertreter in Frankreich ist aber eine andere. Sie verurteilen die Gewalttaten. „Gegenüber denen, die in den Karikaturen des Propheten einen Grund für dieses schändliche Verbrechen suchen, bekräftigen wir, dass nichts, absolut gar nichts den Mord an einem Menschen rechtfertigt“, erklärte der Rat der Muslime.

Der Innenminister spaltet die Gesellschaft

Die Gefahr einer pauschalen Vorverurteilung ihrer Religionsgemeinschaft besteht in der Tat. Wo handelt es sich um eine legitime und friedliche Ausübung einer Religion, wo beginnt die unerwünschte Abschottung einzelner Gruppen? Innenminister Darmanin, der selbst einen algerischen Großvater hat und nach ihm mit zweitem Namen Moussa heißt, aber als innenpolitischer Hardliner gilt, entzweite nun in einer Fernsehshow die Geister. Er sei seit jeher „schockiert“ gewesen, wenn er in einem Supermarkt Extra-Regale für diese oder jene Gemeinschaft sehe, vom Halal-Fleisch bis zu koscheren Produkten: „Warum muss es spezielle Regale dafür geben?“ Eine Welle der Kritik, die aufbrandete, wehrte Darmanin ab mit den Worten, es habe sich um seine persönliche Meinung gehandelt und ein Gesetz gegen Halal-Regale sei nicht in Arbeit.

"Je suis Charlie": Gedenken an die Opfer der Pariser Anschläge.
Bild: Fred Scheiber, dpa (Archiv)

Doch in der Tat steigt die Ablehnung der fünf bis sechs Millionen Muslime im Land gerade auch mit der seit Jahren wachsenden Bedrohung durch religiöse Fanatiker. Seit 2015 starben in Frankreich 267 Menschen durch die Hand von Extremisten. Ende September verletzte ein pakistanischer Flüchtling zwei Personen vor dem ehemaligen Redaktionsgebäude von Charlie Hebdo mit einem Fleischermesser schwer. Die Zeitung hatte zum Auftakt des Prozesses um die Anschläge vom Januar 2015, der derzeit stattfindet, erneut Karikaturen veröffentlicht.

Konservative in Frankreich wollen Verschärfung des Asylrechts

Eine lautstarke Debatte über eine von Flüchtlingen ausgehende Gefahr gibt es in Frankreich dennoch nicht, auch wenn die konservativen Republikaner eine Verschärfung des Asylrechts vorschlagen und Rechtspopulistin Marine Le Pen eine „Kriegsgesetzgebung gegen den Islamismus“ forderte: Bereits der Radikalisierung Verdächtige sollten ohne Gerichtsurteil ausgewiesen oder eingesperrt werden. Linkspopulist Jean-Luc Mélenchon sagte, es gebe „ein Problem mit der tschetschenischen Gemeinschaft in Frankreich“, der Patys Mörder angehörte. Im Sommer war es in Dijon zu Bandenkriegen gekommen, im Mai 2018 ging ein 20-jähriger Tschetschene mit dem Messer auf Passanten in Paris los, tötete einen und verletzte mehrere. Vertreter des Nationalen Hofs für Asylrecht warnen aber vor vorschnellen Urteilen, auch in Bezug auf Patys Mörder: „Wer weiß mit neun Jahren, dass er Terrorist wird? Die Eltern haben Asylrecht erhalten und sie haben kein Verbrechen begangen.“

Riesige Solidarität mit Samuel Paty

Bei den jüngsten Demonstrationen in französischen Städten recken Teilnehmer Mohammed-Karikaturen in die Höhe. Sie wollen ihre Solidarität und Furchtlosigkeit ausdrücken. Andere, wie Nathalie, die in einer Schule in der Pariser Vorstadt Chelles unterrichtet, sagt aber: „Mir ist bewusst geworden, dass wir sterben können, indem wir unseren Beruf ausüben.“ Ein Zusammenschluss von Lehrern schrieb in einem offenen Brief, etwas stehe für sie trotz des Mordes an ihrem Kollegen außer Frage: „Wie vorher werden wir Bücher lesen, die Vorurteile verurteilen (…). Wie vorher werden wir das Recht eines jeden hochhalten, zu sein, was er ist, sein Recht zu glauben oder nicht zu glauben.“

Sie möchten vor allem eins: weitermachen mit dem Unterricht und der Erziehung der Schüler zu offenen, toleranten Menschen. Vielleicht ist das ja die Lösung, um die Gefahr im Herzen des Landes irgendwann besiegt zu haben.

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