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Interview

22.03.2020

Moritz A. Sachs: Ich war in der „Lindenstraße“ Klausi Beimer

Der Mann, der erst Klausi und dann Klaus Beimer war: Schauspieler Moritz A. Sachs.
Bild: Christoph Hardt, Imago Images

Exklusiv Am kommenden Sonntag läuft die letzte Folge der berühmten Fernsehserie. Ein Gespräch über große Momente, den Schweinekopf von Onkel Franz und das Leben danach.

Herr Sachs, was machen Sie am kommenden Sonntag, wenn die letzte Folge der „Lindenstraße“ ausgestrahlt wird?

Moritz A. Sachs: Wir wollten die letzte Folge mit dem Team und vielen Ehemaligen schon am Samstag gucken. Das hat sich mit Corona erledigt. Ich werde am Sonntag daheim eine Flasche Schampus aufmachen und früh ins Bett gehen, weil ich am nächsten Tag zur Arbeit muss.

Sie waren in der Serie 35 Jahre lang Klaus Beimer. Wie sieht Ihr Leben nach der „Lindenstraße“ aus?

Moritz A. Sachs: Ich war in der „Lindenstraße“ Klausi Beimer

Sachs: Momentan mache ich für die „Lindenstraße“ gefühlt mehr als je zuvor. Außerdem habe ich mein Buch „Ich war Klaus Beimer – mein Leben in der Lindenstraße“ fertig gestellt. Deswegen standen viele Pressetermine an. Der Dreh ist vorbei und mein regelmäßiges Einkommen ist weg, aber ansonsten wirkt es, als wäre alles beim Alten. Aber das wird sich mit Ausstrahlungsende ändern. Wie es dann weitergehen wird, kann ich noch gar nicht sagen. Beruflich wird sich wenig ändern, denn meine Hauptarbeitszeit lag nie bei der „Lindenstraße“. Künftig muss ich halt nicht mehr nachfragen, welche anderen Jobs ich annehmen kann. Aktuell muss man allerdings festhalten, dass es mir wegen der Corona-Krise nicht anders geht als den meisten Kreativen. Veranstaltungen sind abgesagt, Lesungen, PR-Termine, Auftritte. Was das für uns heißen mag, ist nicht abzusehen.

Klausi Beimer wird also endlich erwachsen!

Sachs (lacht): Auch das. Aber vor allem wird sich emotional etwas ändern. Denn ich habe in der „Lindenstraßen“-Produktion viele Freunde. Da wird wohl nach und nach viel auseinandergehen. Und ich weiß jetzt schon, dass ich unser Team sehr vermissen werde. Das geht uns übrigens allen so. Ich hoffe, dass mir einige erhalten bleiben. Aber das alltägliche Feierabendbier nach dem Dreh, das ist passé. Ich wüsste nicht, wo ich noch mal 35 Jahre drehen sollte.

Wie haben Sie die Nachricht vom Ende aufgenommen?

Sachs: Ach, am ersten Tag war kaum Zeit, das aufzunehmen. Ich habe es dann von einem Kollegen erfahren, der mich anrief und sagte: „Schau in deine Mails. In zwei Stunden findet eine Besprechung statt, in der das Ende der Lindenstraße bekannt gegeben wird.“

Und wie haben Sie reagiert?

Sachs: Ich war völlig überrascht und dachte mir: Oha! Ich habe sofort die Produktion angerufen, habe aber keinen erreicht, weil alle Telefone logischerweise besetzt waren. Dann bin ich zur Produktion gefahren. Ich musste mich ja informieren, damit ich mich in der Öffentlichkeit korrekt äußern kann und keinen Plunder erzähle. Von mittags, 13 Uhr, bis abends um 21 Uhr habe ich durchgehend telefoniert. Danach habe ich mich zum Team gesellt, und wir sind im Innenhof der Produktion in Köln bis in die Morgenstunden zusammengesessen und haben gefeiert. Solchen Nachrichten kann man nur mit einer Party begegnen.

Haben Sie denn vom Ende gar nichts geahnt, gab es da keine internen Infos?

Sachs: Dass es irgendwann mal ein Ende haben könnte, war immer klar. Aber zu diesem Zeitpunkt hatten wir nicht damit gerechnet. Wir hatten gerade das 30-jährige Jubiläum hinter uns, waren in einer langen Verlängerungsphase der Serie. Das war für uns eigentlich das Signal: Man setzt weiterhin auf das Format. Deswegen kam es schon unvorbereitet.

Sie haben gesagt, das Aus zu diesem Zeitpunkt sei besonders bitter. Gerade jetzt gebe es so viele Themen, die die Serie auf bissige Weise umsetzen könnte – Rechtspopulismus oder Klimaschutz, nun auch noch ein Virus.

Sachs: Wohl wahr. Die „Lindenstraße“ war ja immer am Puls der Zeit. Wir haben auch immer etwas Kommentierendes oder Provozierendes gehabt. In der „Lindenstraße“ konnten Themen durch die unterschiedlichen Perspektiven der Darsteller auch von zwei oder drei Seiten beleuchtet werden. Das war die Stärke der Serie. Nehmen wir das Corona-Virus. Helga Beimer wäre mit Hamstereinkäufen und einem Mundschutz durchs Haus gelaufen und ihr Sohn Klaus hätte sie mit den Worten gemaßregelt: „Mam, was soll denn der Quatsch! Du bist fast 80. Bleib zuhause, ich gehe für dich einkaufen!“ Gerade in Zeiten, in denen sich viele nur mehr in ihren Internet-Blasen bewegen, wäre so ein Format, in dem alles vorkommt, wichtig. Dieses Durchblättern, von allem ein bisschen bekommen, das geht heute so ein wenig unter.

Konnte man als Schauspieler allein von der „Lindenstraße“ leben? Was bekam man denn so pro Folge?

Sachs: Darüber sprechen wir nicht. Aber so viel kann ich verraten: Wir sind alle nicht reich geworden. Aber wir konnten gut davon leben. Das war natürlich von der Anzahl der Drehtage abhängig.

Es heißt, sie haben einen Anschlussjob als Regieassistent gefunden.

Sachs: Meine erste Regieassistenz habe ich 2002 gemacht. Dann bin ich in die Produktionsleitung von Theatern und im Fernsehen gewechselt. Eigentlich wollte ich ja in Richtung Regie. Aber vor allem Bürotätigkeiten ließen sich zeitlich besser arrangieren. Ich habe auch Festivals organisiert, Videos produziert und Theater gespielt. Auch die Arbeit als Regieassistent hinter der Kamera habe ich immer sehr genossen, ich freue mich darauf, nun wieder loszulegen.

Sie sind mit sieben Jahren zur „Lindenstraße“ gekommen. Wie ist das passiert?

Sachs: Es gab damals Fotografen, die haben in ganz Deutschland nach Kindern gesucht, die für Werbung passen würden. Irgendwann kam eine Fotografin auch auf meine Mutter zu und fragte: Kann ich das süße Kind da hinten mal ablichten? Das war übrigens nicht ich, sondern meine Schwester. Sie wollte dann aber auch noch mich ablichten. Das Casting zur „Lindenstraße“ kam dann zwei Jahre später. Da bin ich aber gar nicht hingegangen, weil ein Freund Kindergeburtstag feierte. Das war wichtiger.

Und dann?

Sachs: Bei diesem Casting wurde kein Kind genommen, und dann riefen die eben nochmals bei uns an und fragten, ob ich nicht zum Einzelcasting kommen wolle, denn aufgrund der Fotos glaubten die, es könnte passen. Und tatsächlich klappte es. Ich fing mit 30 Drehtagen im Jahr an, später waren es dann 50, nachmittags nach der Schule. Maximale Anwesenheitszeit vier bis fünf Stunden. Das hielt sich vom Arbeitsaufwand in Grenzen. Was mein Leben mehr beeinflusst hat, war die enorme Öffentlichkeit, die mit der „Lindenstraße“ einherging und alles über den Haufen warf.

Wie war das?

Sachs: Das kann man sich heute nicht mehr vorstellen. Heute ist ja die „Lindenstraße“ eine von vielen Serien. Damals aber hatte sie Alleinstellungscharakter. Da waren bis zu zwölf Millionen Zuschauer, das kann man sich heute fast nur noch bei Endspielen von Fußballgroßereignissen vorstellen.

Haben Sie mal Ihren Bekanntheitsgrad recherchiert? Mutter Beimer liegt doch sicher bei fast 100 Prozent?

Sachs: Die meisten, die Mutter Beimer kennen, werden mich ebenfalls kennen. Mein echter Name kam jedoch erst mit dem RTL-Tanzformat „Let’s dance“ mehr in Umlauf. Es gab mal eine Umfrage für eine Zeitschrift über die Beliebtheit von Seriencharakteren in Deutschland. Da lag ich auf Platz acht, einen Platz vor Vater Beimer.

Schauspieler Moritz A. Sachs und seine Serien-Mutter Marie-Luise Marjan.
Bild: Henning Kaiser, dpa

Ist es für Sie ein Glück, Klaus Beimer gespielt zu haben?

Sachs: Klar gibt es heute Rollen, bei denen mein Bekanntheitsgrad kontraproduktiv ist. Bei einigen Rollen wollen Regisseure keinen, der dann so heraussticht, weil er mal Klaus Beimer war. Aber welcher Schauspieler wünscht sich nicht, eine Rolle zu verkörpern, mit der er für immer verbunden wird? Das ist eine feine Sache. Aber es hat, wie gesagt, auch Nachteile.

Weil man auf den Charakter dann festgelegt wird?

Sachs: Theoretisch nicht. Um das zu vermeiden, müsste man jetzt etwas machen, was ganz anders funktioniert als meine „Lindenstraßen“-Rolle. Auf der anderen Seite ist ein Image durchaus richtig. Schauspieler werden oft so besetzt, wie der Zuschauer es gewohnt ist.

Zu wem haben Sie ein besseres Verhältnis: zu Ihrer eigenen Mutter oder zu Serien-Mama Beimer?

Sachs: Das ist eine lustige Frage. Ich habe ein sehr gutes und inniges Verhältnis zu meinen Eltern. Aber auch mit Marie-Luise (Marjan, d. Red.) habe ich ein inniges und sehr familiäres Verhältnis.

Hätten Sie gerne mal mit einer anderen Rolle in der „Lindenstraße“ getauscht?

Sachs: Nein. Aber ich war immer froh, wenn Klaus eine neue Facette bekam. Das war aufregend.

Sehen Sie die Chance für ein Comeback der „Lindenstraße“? Ist doch blöd, eine so bekannte Fernsehmarke sterben zu lassen.

Sachs: Die meisten Kulissen sind abgebaut, das Team ist auseinander, die Presseabteilung und das Archiv werden die letzten sein, die dann im Mai gehen. Wenn die erst mal alle weg sind, wird es schwer, sie wieder zu reaktivieren. Aber selbst, wenn es klappen würde, bliebe die Frage: Braucht es das wirklich? Ich würde erst einmal eine Weile warten. Was gut funktionieren könnte, sind, mit ein paar Jahren Abstand, Sonderproduktionen, beispielsweise über eineinhalb Stunden. Das kann ich mir schon vorstellen.

Die Beimers aus der „Lindenstraße“ im Jahr 1984: Helga Beimer (Marie-Luise Marjan, hinten rechts) mit ihrem ersten Mann Hans (Joachim Hermann Luger) und den Kindern (von links) Marion (Ina Bleiweiß), Benny (Christian Kahrmann) und Klausi (Moritz A. Sachs).
Bild: WDR, dpa

Haben Sie ein „Lindenstraßen“-Andenken mit nach Hause genommen?

Sachs: Ich habe mir den Schweinekopf von Onkel Franz mitgenommen. Nein! Spaß! (er lacht) Tatsächlich habe ich einige Möbelstücke aus dem Nachlass herausgekauft. So steht Angelinas Sofa jetzt bei mir herum oder der Schreibtisch von Marcella, in dem sogar noch Szenenfotos in der Schublade waren. Wir hatten nämlich eine kleine Wohnung einzurichten und die ist tatsächlich nur mit „Lindenstraßen“-Möbeln bestückt. Die will ich an Kollegen vermieten, wenn sie in Köln arbeiten.

Ein Museum?

Sachs: Na ja, das nicht. Aber, im Ernst: Es gibt einige Museen, wie das Haus der Geschichte in Bonn, die Kinemathek in Berlin oder das Technik-Museum in Speyer, die Innenkulissen der „Lindenstraße“ übernehmen werden. Nach Speyer geht beispielsweise die Kulisse des „Akropolis“ und in das Haus der Geschichte die Küche Beimer.

Was bleibt sonst von dieser Zeit?

Sachs: Dass ich mit 41 schon eine Biografie schreiben kann und es nun mit einer von außen aufgestülpten Midlife-Crisis zu tun habe. Was bleibt? Es war eine tolle Zeit. Aber es tauchen auch Fragen auf. Wie wäre mein Leben ohne die „Lindenstraße“ verlaufen? Letztendlich ist es aber müßig, darüber zu grübeln. Jetzt bin ich erst mal gespannt, was kommt.

Zur Person: Moritz Alexander Sachs wurde 1978 in Köln geboren. Neben der Schauspielerei studierte er Jura. Seit 2009 veranstaltet er in seiner Heimatstadt ein Internationales Kurzfilmfestival.

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