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Corona-Pandemie

24.04.2020

Musikbranche in der Krise: Der Sommer der abgesagten Festivals

Mindestens bis zum 31. August sind Großveranstaltungen bundesweit verboten. Die laute Musikbranche verstummt.
Bild: mauritius Images

Plus Musiker leben von Konzerten, doch Corona macht ihnen einen Strich durch die Rechnung. Manche stehen vorm Aus. Andere versuchen zu retten, was zu retten ist.

So geht das nun seit Wochen, Absage reiht sich an Absage, Verschiebung an Verschiebung. Das Kaltenberger Ritterturnier in Geltendorf im Kreis Landsberg am Lech – verschoben auf Juli 2021. Wegen der Corona-Pandemie und dem Großveranstaltungsverbot, das bundesweit bis 31. August gilt. Das weithin bekannte Mittelalterfest fällt dem Virus damit ebenso zum Opfer wie alle anderen Festivals und Konzerte in diesen Krisenzeiten. Kein Wacken. Kein Rock am Ring. Kein Hurricane. Kein „Melt!“. Kein Tollwood. Kein Haldern Pop. Kein gar nichts.

Es sind schwierige Zeiten für Festivalbesucher und erst recht für Künstler. „Für uns ist die Absage sämtlicher Konzerte absolut existenzbedrohend“, sagt Castus, Sänger der Berliner Mittelalter-Rockband Corvus Corax, die europaweit zwischen Ende April und Ende August 24 Auftritte geplant hatte. Beim Kaltenberger Ritterturnier wäre sie eine der Hauptattraktionen gewesen. „Die Entscheidung, dass bis Ende August definitiv gar nichts passiert, war ein Riesenschock. Ich hätte heulen können wie ein Schlosshund“, sagt Castus, der eigentlich Karsten Liehm heißt.

Corvus Corax gibt es seit 1989, die Band finanziert sich so gut wie ausschließlich durch die Sommershows, im Winter arbeiten die Musiker an neuen Stücken und leben von den Rücklagen. „Wir werden in diesem Jahr höchstwahrscheinlich gar kein Geld verdienen“, sagt Sänger Castus. „Wir stehen vor dem Nichts.“ Die von Berlin gewährte Soforthilfe – 5000 Euro pro Mitglied, 9000 Euro für die Band als solche – reiche weder vorne noch hinten, erst recht nicht mit Familie und auf Dauer.

Musikbranche in der Krise: Der Sommer der abgesagten Festivals

Corvus Corax-Sänger Castus sagt: „Wir stehen vor dem Nichts“

Nicht ganz so dramatisch stellt Laith Al-Deen seine Lage dar. Der Mannheimer Popsänger ist seit 20 Jahren mit seinen gefälligen, radiotauglichen Songs ordentlich im Geschäft. „Mein Puffer hält nicht ewig und ich habe definitiv nicht ausgesorgt“, sagt der 48-Jährige, „doch noch bin ich einigermaßen guter Dinge.“ Al-Deen musste seine Frühjahrstournee in den Herbst verlegen, an dem seit Monaten geplanten Veröffentlichungstermin seines neuen Albums „Kein Tag Umsonst“ hält er vorerst fest. „Der 22. Mai ist mein Polarstern.“

Viel stärker als um sich selbst sorgt er sich um den „ganzen Apparat“, etwa um die Techniker, Beleuchter, Bühnenhelfer, Sicherheitsleute, Merchandising-Verkäufer. Und um die Konzertagenturen und -veranstalter, gerade die kleinen. „Viele Veranstalter haben nur eine Location. Die schaffen das vielleicht drei Monate, dann müssen sie die Segel streichen.“ Oder sie würden von den börsennotierten Konzernen wie CTS Eventim, Live Nation oder DEAG geschluckt, die zwar auch zu knabbern hätten, aber über völlig andere Finanzierungsmöglichkeiten verfügten.

Hat er recht? Ein Gespräch mit Marc Oßwald, Geschäftsführer von Vaddi Concerts in Freiburg. Oßwald war bis vor kurzem noch Chef des dortigen Zeltmusikfestivals; Vaddi Concerts gehört seit 2017 zum MDax-Konzern CTS Eventim. „Für unsere gesamte Branche wird die Situation von Tag zu Tag dramatischer“, sagt er. „Keiner von uns hat seit Anfang März noch etwas eingenommen. Und dass sich die Situation auf absehbare Zeit ändert, ist nicht realistisch.“ Sich Haut an Haut vor der Bühne zu tummeln, sei gerade schwierig, das Abstandsgebot sei sicher nicht für Rock- und Popshows gemacht. „Niemand kauft momentan Karten, und kein Veranstalter hält die Situation endlos durch.“

Gibt es trotz Corona keinen Hoffnungsschimmer?

Gibt es denn gar keinen Hoffnungsschimmer? Die gesetzliche Regelung, nach der die Veranstalter bis Ende 2021 gültige Gutscheine offerieren können, statt das Geld für die gekauften Tickets zurückzahlen zu müssen, hält Marc Oßwald immerhin für einen „Baustein, der unserer Branche hilft“. Noch schneller gehe den Kunsttreibenden die Luft aus, sagt er. „Ich kenne jede Menge dieser Soloselbstständigen, die sagen ‚Ich muss mir einen Job als Fahrer bei einem Paketdienst suchen, weil ich nicht mehr weiß, woher die Kohle kommen soll.‘“

Man kann es nicht anders sagen: Es herrscht Endzeitstimmung in der Branche.

Künstler spielen bereits mit dem Gedanken, in ihren erlernten Beruf zu wechseln. Die Berliner Liedermacherin Dota Kehr zum Beispiel. Die 40-Jährige ist Medizinerin, hat jedoch nie als Ärztin gearbeitet. „Als es in Berlin die Aufforderung an die medizinisch vorgebildete Bevölkerung gab, sich zu melden, habe ich das gemacht“, erzählt sie. Bisher sei aber noch keine Rückmeldung gekommen. Mitten in der Corona-Krise hat sie Anfang April ihr neues Album „Kaléko“ veröffentlicht, trotz allem. Oder gerade deshalb? „Viele Leute haben jetzt sehr viel Zeit“, antwortet sie.

Soll man wieder in den erlernten Beruf wechseln?

Mit der Album-Veröffentlichung ist Dota Kehr eine Ausnahme. Seit Wochen kommen kaum neue Tonträger auf den Markt. Vor allem die Superstars ducken sich weg. Die gesamte Musikindustrie ist leise geworden. Vom branchenüblichen Getöse rund um neue Songs und Alben – kaum noch etwas zu hören. Hastig und beinahe im Stundentakt werden seit Ende März die für dieses Frühjahr geplanten Veröffentlichungen quer durch alle Genres gestrichen. Neue Alben von Superstars wie Lady Gaga, Sam Smith, den Dixie Chicks, Alanis Morissette, Alicia Keys, Bon Jovi oder den Killers sollen erst später im Jahr erscheinen. In der Hoffnung, dass das Gröbste dann überstanden ist. Für den Spätsommer oder Herbst angesetzte Veröffentlichungen wie das neue Album von Adele werden wohl erst 2021 veröffentlicht.

Die Frage, warum gerade die internationalen Topstars die Veröffentlichung ihrer oft längst fertigen Alben verschieben, ist leicht zu beantworten: Ohne Tournee lohnt sich das Geschäft in aller Regel nicht. Platten sind meist nur eine Art Zugabe, insbesondere seitdem Musik überwiegend als Stream und nicht mehr in der klassischen Form als CD oder LP konsumiert wird. „Bis vor gut zehn Jahren konnte man vom Tonträgerverkauf leben“, erklärt Dota Kehr. Damit rechnet heute keiner mehr. Spotify, Apple und die übrigen Streaming-Anbieter haben das Geschäft mit Tonträgern praktisch zerstört. Oder freundlicher ausgedrückt: grundlegend verändert. „Als Folge davon sind jetzt alle krass vom Livespielen abhängig“, sagt die 40-Jährige.

Was sie damit meint, wird beim Blick auf die Zahlen deutlich. Grob überschlagen: Wird ein Song auf Spotify eine Million Mal angehört, verdient der Künstler daran 1000 Euro. Reich werden so die wenigsten. Das Durchschnitts-Nettoeinkommen der in der Künstlersozialkasse versicherten Künstlerinnen und Künstler – die von der bayerischen Regierung jetzt für drei Monate mit 1000 Euro monatlich unterstützt werden sollen – liegt bei ungefähr 13.000 Euro im Jahr.

Nicht jeder ist eben ein David Guetta. Der französische DJ-Superstar wird zwar auch spürbar weniger verdienen, dürfte aber angesichts sechsstelliger Abendgagen kaum Existenzängste haben. In der vergangenen Woche trat Guetta in Miami auf, wo er ein Anwesen besitzt. Menschen auf den umliegenden Balkonen tanzten zu seinem „Geister-Set“, das zudem per Livestream zu sehen war. Spenden waren willkommen.

Livemusik in großen Hallen oder Festivals fallen aus – deshalb sind nun Balkon- oder Wohnzimmerkonzerte angesagt. Das von Lady Gaga organisierte Online-Festival „One World: Together At Home“, das „Live Aid“ der Corona-Zeit, brachte 128 Millionen US-Dollar an Spenden ein und bot qualitativ höchst unterschiedliche Darbietungen. Die Rolling Stones waren unglaublich, Charlie Puth sang vor seinem ungemachten Bett, bei Billie Eilish indes gab es Probleme mit dem Mikrofon.

Corona-Krise: Online-Konzerte sind auch keine Lösung

„Online ist im Moment die einzige Möglichkeit, sich überhaupt zu präsentieren und wahrgenommen zu werden“, sagt Vincent Waizenegger, Sänger der Indie-Pop-Band Provinz aus Ravensburg. „Social Media ist wichtig, um nicht in Vergessenheit zu geraten.“ Auch seine Band wollte ein Konzert aus dem Proberaum streamen, die Internetverbindung war aber zu schlecht. Auch das schlägt auf die Stimmung. Vor zwei Monaten noch galt die Band als „neues großes Ding“ im deutschen Indie-Pop. Das Album „Wir bauten uns Amerika“ sollte im April erscheinen, fast der gesamte Frühling und Sommer war mit Konzert- und Festivalterminen gefüllt. „Wir waren voller Euphorie und hatten große Erwartungen“, sagt Vincent Waizenegger. „Jetzt ist alles weggebrochen.“

Aber die Corona-Krise macht eben auch erfinderisch. Neben im Internet übertragenen Wohnzimmerkonzerten lautet eine neue Idee: Live-Auftritte in Autokinos. Die Kölsch-Rocker Brings oder Schiller mit seiner elektronischen Musik setzen darauf. Bernd Belschner, Geschäftsführer des etablierten Karlsruher Kulturzentrums Tollhaus, kann dem dennoch nichts abgewinnen. „Ich finde das ein bisschen hilflos, wenn man versucht, mit einem veralteten System irgendwie noch ein bisschen Geld einzunehmen.“ Das Tollhaus, dessen öffentlichen Zuschüsse mit zehn Prozent des Jahresumsatzes gering sind, habe seine 24 Beschäftigten in Kurzarbeit geschickt, 30.000 Euro Landeshilfe erhalten und arbeite nun „bis auf Weiteres im Notfallmodus“. Um beim Publikum präsent zu bleiben, verschickt es „Tollhaus-Carepakete“ – mit Mundschutz und etwas zu lesen sowie einer Flasche Wein.

Auch eine Idee. Sänger Castus von der Berliner Mittelalter-Rockband Corvus Corax hatte eine andere. Statt im Juli auf dem Kaltenberger Ritterturnier aufzutreten, liest er jetzt aus dem „Dekameron“ vor, online. Und hofft, damit ein bisschen Geld zu verdienen. In dem Klassiker der Weltliteratur von Giovanni Boccaccio erzählen sich zehn Menschen zu Zeiten der Pest in Florenz gegenseitig wunderbar lebenspralle Geschichten. Am Ende der Pandemie in der Mitte des 14. Jahrhunderts waren schätzungsweise 25 Millionen Tote zu beklagen, ein Drittel der damaligen Bevölkerung Europas. Doch auch damals ging es weiter und es folgten bessere Zeiten. In seiner Jugend in der DDR, sagt Castus noch, habe er trotz Verbots auf den Straßen Ostberlins gespielt – mit einer selbst geschriebenen Erlaubnis und einer gefälschten Urkunde. „Wenn alle Stricke reißen, sehe ich mich wieder in alter Tradition als Straßenmusiker durch die Stadt ziehen.“

Über alle aktuellen Entwicklungen informieren wir Sie in unserem Liveblog.

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