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München

16.09.2020

Mutmaßlicher Doping-Doktor vor Gericht: Skandal im Profisport

Mark S. – hier zwischen seinen Anwälten – gibt sich zum Prozessauftakt betont lässig.
Bild: Peter Kneffel, dpa

Plus Am Mittwoch begann der Prozess gegen Mark S. Er soll die zentrale Figur in einem Netzwerk gewesen sein. Der Skandal könnte den Profisport massiv erschüttern.

Mark S. will sich nicht verstecken. Anstatt sich wie andere Angeklagte einen Ordner vors Gesicht zu halten, unterhält sich der 42-Jährige betont lässig mit seinen Anwälten, grinst in seine Maske, hat die Hände in den Taschen seiner weißen Hose. Weiß, so wie Ärzte sie tragen. Ärzte wie Mark S., der in Erfurt praktizierte. Am Mittwoch steht er vorm Oberlandesgericht in München – angeklagt als zentrale Figur im größten Dopingskandal, den Deutschland in den vergangenen Jahrzehnten hatte. 145 Seiten Anklageschrift, mehr als 30 geladene Zeugen und 26 geplante Verhandlungstage veranschaulichen die Dimensionen.

Mark S. stammt aus Halle (Saale), in den Gerichtssaal kommt er direkt aus der Untersuchungshaft in Hof. Der Sportmediziner soll spätestens seit Ende 2011 ein ausgeklügeltes Dopingsystem entwickelt, betrieben und perfektioniert haben – groß genug, um auf der ganzen Welt flexibel operieren zu können. Klein genug, um den Kreis der Eingeweihten überschaubar zu halten. Neben und hinter ihm sitzen vier Mitangeklagte, die mutmaßlichen Komplizen: Dirk Q., Diana S., Sven M. – und Ansgar S., sein Vater.

Sportmediziner Mark S. gibt sich betont lässig

Der Prozess, der in München verhandelt wird, weil dort die ermittelnde Schwerpunkt-Staatsanwaltschaft sitzt, beginnt mit einem Störfeuer der Verteidigung. Die Anwälte der Angeklagten werfen Staatsanwalt Kai Gräber vor, er habe die Anklageschrift bewusst mit nicht strafrelevanten Fällen aufgebläht, um so eine „medienwirksame Vorverurteilung des Angeklagten“ zu erreichen. Gräber entgegnet, die Fälle seien für ein ganzheitliches Bild erforderlich, die Vorsitzende Richterin Marion Tischler stimmt ihm zu. Also beginnt Gräber um 11.42 Uhr, die Anklage zu verlesen. Er liest schnell und braucht dennoch mehr als eineinhalb Stunden, bis er am Ende angelangt ist.

Nach seinen Schilderungen war das Dopingnetzwerk von Mark S. vor allem auf Winter- und Radsportler ausgerichtet. S. organisierte demnach für die Athleten Entnahme, Austausch, Behandlung, Lagerung und Wiederzufuhr von Blut. Darüber hinaus soll er Arzneimittel, insbesondere Wachstumshormone, an die Athleten weitergegeben und deren Behandlungspläne so aufgestellt haben, dass verbotene Substanzen bei Kontrollen unentdeckt blieben. Laut Anklage ging es Mark S. darum, sich „eine fortlaufende Einnahmequelle von einiger Dauer und einigem Umfang zu verschaffen“. Den Mitangeklagten wird vorgeworfen, ihn unterstützt zu haben.

Das Dopingnetzwerk von Mark S. war vor allem auf den Rad- und Wintersport spezialisiert.
Bild: Arno Burgi, dpa (Symbolfoto)

Dopinggeschäft als lukrative Nebentätigkeit

Die Athleten, bislang wurden 23 aus acht Ländern im Zuge der Ermittlungen gegen Mark S. des Blutdopings überführt, genossen bei ihm eine Rundum-Betreuung. Doping-Behandlungen fanden vor, während und nach Wettkämpfen statt. In Hotels, Privatwohnungen, auf Autobahnraststätten. Die Wettbewerbe, die dadurch manipuliert werden sollten oder wurden: die Tour de France und der Giro d’Italia im Radsport, Weltmeisterschaften, Olympische Spiele. Unter anderem. Für Mark S. war das lukrativ: Dem Vernehmungsprotokoll zufolge, aus dem die ARD-Dopingredaktion um den Journalisten Hajo Seppelt zitiert hat, bezifferte S. einen Grundbetrag für seine Dienste auf 5000 Euro. Pro Saison und Sportler hätten die Blutabnahmen 3000 bis 3500 Euro gekostet. Großveranstaltungen wie Olympische Spiele seien gesondert abgerechnet worden.

Insgesamt geht es um weit mehr als 100 Blutdoping-Fälle. 2018 erreichte das Netzwerk den Höhepunkt seiner Aktivitäten. Besonders perfide geplant waren offenbar die Olympischen Winterspiele in Pyeongchang. Mehrere Athleten, die vom Netzwerk betreut wurden, sollten dort an den Start gehen – darunter die österreichischen Ski-Langläufer Dominik Baldauf und Max Hauke. Der Mitangeklagte Dirk Q. flog vor Eröffnung der Spiele nach Südkorea, um Material wie leere Blutbeutel für das Blutdoping zu transportieren. Unterdessen wurden den Athleten vor ihrem Abflug zwei Beutel Blut transfundiert, um dieses im eigenen Körper nach Südkorea zu „schmuggeln“. Dort angekommen, wurde es ihnen wieder entnommen und sollte ihnen erst vor den Wettkämpfen erneut zugeführt werden. Baldauf wurde im Teamsprint 13., Hauke kam im Einzel über 15 Kilometer auf Platz 29.

So funktionierte das Doping-Netzwerk laut Anklage

Das System von Mark S., ehemals Teamarzt der Profi-Radteams Gerolsteiner und Milram, funktionierte. Unangreifbar war es nicht. Denn da war eine Variable, die es nicht ausschalten konnte: den Menschen. Der, der wohl alles zum Einsturz brachte, war Johannes Dürr.

Der österreichische Ski-Langläufer packte in einem Buch und in Gesprächen mit der ARD-Dopingredaktion aus – es folgte die spektakuläre „Operation Aderlass“. Im Februar 2019, während der Nordischen Ski-WM in Seefeld, verhafteten Fahnder fünf Sportler. Einer von ihnen: Max Hauke. Er wurde bei einer Bluttransfusion erwischt, die Nadel noch im Arm. Kurz nach dem Zugriff kursierte ein Video davon im Internet, durchgesickert war es über einen beteiligten Beamten.

Ex-Langläufer Johannes Dürr wurde wegen Doping zu einer Bewährungsstrafe verurteilt..
Bild: Expa/Johann Groder/APA/dpa

Parallel zur Aktion in Österreich klickten die Handschellen bei Mark S. in Erfurt. Die Polizei hob in der Stadt in Thüringen ein Dopinglabor aus und fand Blutkonserven sowie eine Zentrifuge. Das Dopingimperium war gefallen. Unter anderem Max Hauke wurde, im Januar 2020, zu einer Bewährungsstrafe verurteilt. Jetzt ist Mark S. an der Reihe – und das Interesse enorm: 180 Journalisten kündigten sich für den Prozessauftakt an, einige kampierten vorm Oberlandesgericht in der Nymphenburger Straße. Wegen der Corona-Bestimmungen dürfen am Mittwoch nur sechs Berichterstatter in Saal 201, dazu sieben Zuschauer.

Auch eine gefährliche Körperverletzung steht im Raum

Als der Staatsanwalt in seiner Anklageschrift die Vorwürfe gegenüber S. rekapituliert, reagiert der unterschiedlich: Mal hört er konzentriert zu und macht Notizen, mal blickt er geistesabwesend in den Raum, mal lächelt er süffisant oder unterhält sich mit seinem Rechtsanwalt Alexander Dann. Er lässt sich nicht anmerken, dass er seit seiner Festnahme am 27. Februar 2019 in Untersuchungshaft sitzt. Seine Verteidiger haben wegen der langen Dauer mehrfach Verfassungsbeschwerden eingelegt. Tatsächlich ist es außergewöhnlich, dass ein Beschuldigter so lange in U-Haft sitzt – es sei denn, wichtige Gründe sprechen gegen eine vorzeitige Freilassung. Diese liegen im Fall von Mark S. offenbar vor: Verdunklungsgefahr und eine absehbare, hohe Haftstrafe. Denn Mark S. wird nicht nur vorgeworfen, gegen das Arzneimittel- und Antidopinggesetz verstoßen zu haben. Der Anklage zufolge traf er am 13. September 2017 Mountainbikerin Christina Kollmann-Forstner. Mit im Gepäck: ein neuartiges Präparat, rote Blutkörperchen in Form von trockenen Plättchen. Dieses hatte S. von Dario N. erhalten, einem kroatischen Leichtathletiktrainer und weiteren Doping-Hintermann, der im Januar dieses Jahres verhaftet wurde.

Wie das Präparat zusammengesetzt ist, wie es wirkt, welche Nebenwirkungen es hat? Wusste Mark S. am 13. September 2017 laut Anklage nicht. Trotzdem habe er gegenüber der Athletin behauptet, das Mittel sei an mehreren Personen getestet worden. Er habe es in einer Flüssigkeit aufgelöst und ihr diese injiziert. Nach einer halben Stunde verschlechterte sich der Zustand der Frau. Sie fror, bekam Durchblutungsstörungen, war wie weggetreten. Ihr Zustand verbesserte sich erst, nachdem sie das Präparat ausgeschieden hatte. Bleibende Schäden hinterließ es nicht. Mark S. brachte das eine Anklage wegen gefährlicher Körperverletzung ein.

Mark S. behandelte auch die Mountainbikerin Christina Kollmann-Forstner - mit schweren Folgen.
Bild: Tobias Hase, dpa (Symbolfoto)

Wird Mark S. Namen prominenter Sportler oder Funktionäre nennen?

Nun ist der Anwalt des Angeklagten Dirk Q., Peter Helkenberg, dran. Er erhebt in seiner Eröffnungserklärung heftige Vorwürfe gegen die Münchner Staatsanwaltschaft. Es gebe Hinweise auf eine unzulässige Verquickung von staatlichen Behörden und privaten Unternehmen bei Ermittlungen. Möglicherweise seien Beweismittel unrechtmäßig gewonnen worden. Staatsanwalt Gräber widerspricht ihm scharf.

Am Ende des ersten Prozesstages am frühen Abend bleiben Fragen offen, natürlich. Wie wurden die Athleten an Mark S. vermittelt? Waren weitere, möglicherweise prominente Sportler, Ärzte oder Funktionäre am Doping-Netzwerk beteiligt? Mark S. selbst spricht am Mittwoch nur kurz, als ihn die Richterin zu Beginn um Bestätigung seiner Personalien bittet. Mit Spannung erwarten Beobachter, was er noch alles aussagen wird. In Vernehmungen soll er Namen preisgegeben haben, darunter den eines ehemaligen österreichischen Langlauftrainers. Mark S. will sich äußern, das kündigen seine Anwälte an. Ihn erwartet vermutlich eine Gefängnisstrafe zwischen vier und sechs Jahren – ein vollumfängliches Geständnis vorausgesetzt.

Der Prozess und das Urteil könnten ein Signal sein - gegen Doping.

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