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Ortsbesuch
17.07.2021

Nach der Flut gleicht Erftstadt in NRW einem Krisengebiet

Die Bundeswehr bergt die Fahrzeuge. Was mit den Insassen passierte, ist noch unklar.
Foto: Fabian Huber

Das Wasser fließt in Erftstadt und den anderen Überschwemmungsgebieten im Westen Deutschlands langsam ab. Verwüstung und Schlamm bleiben. Was sich dort abspielt.

Die gute Nachricht zuerst: Es hat über Nacht nicht geregnet im nordrhein-westfälischen Erftstadt, jenem Ort, der am Freitag noch so tragisch von den Hochwasserfluten im Westen Deutschlands heimgesucht worden war. Wassermassen hatten den Ortsteil Blessem unterspült. Es kam zu Erdrutschen. Die Äcker hier gleichen jetzt einer Kraterlandschaft. Aufnahmen einer steilen Abbruchkante gingen um die Welt.

Mindestens drei Wohnhäuser und der Teil einer historischen Burg sind im Wasserschlamm verschwunden. Mehr als 40 Meter eines Standstreifens der Autobahn A1, die Köln mit der Eiffel verbindet, sind in die Erft gestürzt. Auch ein Stück Lärmschutzwand ist weggebrochen.

Hochwasser: Erftstädter Ortsteil Blessem ist eine Sperrzone

Am Samstagmorgen hat sich die Lage in Erftstadt zumindest etwas beruhigt. Der Wasserpegel ist leicht zurückgegangen, bestätigt ein Sprecher des Rhein-Erft-Kreises. Sechs Helikopter und 35 Boote waren am Freitag im Einsatz, um die Menschen zu evakuieren. Taucher verschafften sich Zutritt zu eingeschlossenen Wohnungen. Insgesamt waren über Nacht 170 Anwohnerinnen und Anwohner aus ihren Häusern geholt worden. Blessem steht damit vollständig leer – eine Sperrzone.

Nach der Flut gleicht Erftstadt in NRW einem Krisengebiet
28 Bilder
So dramatisch ist die Hochwasserkatastrophe in NRW und Rheinland-Pfalz
Foto: Rhein-Erft-Kreis, dpa

Die Bereitschaftspolizei riegelt an diesem Morgen den Zugang ab. Fachleute der Bundeswehr prüfen das Gelände derzeit auf seine Sicherheit. Aus Häusern und einem Tagebauwerk sei Gas ausgedrungen, heißt es. Angestellte des Werks evaluieren die Lage.

Flutkatastrophe in Westen Deutschlands bewegt die ganze Welt

Auf einer Brücke der Bundesstraße 265 versammelt sich die Weltpresse. BBC ist da, CNN, die Associated Press, Medienleute aus den Niederlanden und Spanien. Die Fahrbahn liegt unter einer ölig-braunen Brühe. Lkw haben sich ineinander verkeilt wie Mikado-Stäbchen. Mit Winden und Kränen bergen Bundeswehr-Schwimmpanzer vom Typ Fuchs die Fahrzeuge. Als sie einen Laster wieder in die Waagerechte stemmen wollen, ächzt das Metall. Der Auflader bricht zur Seite weg.

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Die nächste Bergung: Ein Mercedes-Coupé unter einem Lastwagen. Ob sich darin noch Personen befinden, wissen die Einsatzkräfte zunächst nicht. Etwa 25 Fahrzeuge stehen hier noch unter Wasser. Wie viele Menschen den Fluten in Erftstadt zum Opfer gefallen sind, ist noch nicht klar. „Man räumt gerade auf und guckt, worauf man stößt“, sagt Elmar Mettke, Sprecher der Feuerwehr Erftstadt. Auf die Mauern des überschwemmten Friedhofs haben Menschen Kerzen gestellt. Der Zutritt ist verboten.

Erftstadt ist nach der Flut ein Krisengebiet

Deutschlandweit ist die Zahl der Todesopfer über Nacht auf 133 angestiegen. Die Lage ist unübersichtlich, die Geräuschkulisse in Erftstadt erinnert an ein Krisengebiet: ratternde Hubschrauberrotoren, heulende Sirenen, schreiende Soldaten. Straßensperren können sich stündlich ändern, in einigen Teilen Erftstadts gibt es noch keine Internetverbindung. In der neu gebauten Musikschule wird eilig ein Medienzentrum installiert.

Bundeswehr-Schwimmpanzer vom Typ Fuchs bergen die Fahrzeuge auf der Bundesstraße 265 bei Erftstadt.
Foto: Fabian Huber

Vor allem die Steinbachtalsperre weiter im Süden halten die Einsatzkräfte genau im Blick. Läuft sie über, würde das Wasser von der Swist in die Erft schwappen. „Wenn die Steinbachtalsperre bricht, haben wir ein echtes Problem. Dann haben wir anderthalb Stunden Reaktionszeit, bis die Welle kommt“, sagt Feuerwehrsprecher Mettke.

Am Freitag konnte eine Drohne zunächst keine kritischen Risse an der Anlage erkennen. Der zuständige Kreis Euskirchen schätzte den Zustand der Sperre am Freitagnachmittag aber weiterhin als kritisch ein.

„Einige haben sich geweigert, mitzugehen. Als die Erdrutsche anfingen, haben sie dann die Dramatik der Lage erkannt“, sagt ein Feuerwehrmann der Ortswehr in Blessem, der noch am Tag zuvor bei der Evakuierung beteiligt war. Die Abbruchkante sei im Laufe des Tages weiter nach vorne gewandert. Die Feuerwache stehe komplett unter Wasser.

„Bei uns hat mal die Müllkippe gebrannt. Aber sowas? Das kennt man ja nur aus Filmen“, sagt der Mann, klemmt seine Handflächen unter die Träger seiner Latzhose, zieht an seiner Zigarette und beobachtet die Bergungsarbeiten auf der B265. Er und seine Kollegen sind auf Bereitschaft. Es wird ein langer Tag. Für 12.30 Uhr haben NRW-Ministerpräsident Armin Laschet und Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier ihren Besuch in der Feuerwehrzentrale in Erftstadt angekündigt.

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