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Porträt
17.09.2016

Bestürzend schön: Nick Cave verwandelt große Gefühle in Kunst

Nick Cave
Foto: Carl Court, afp

Wie soll man mit dem plötzlichen Tod seines 15-jährigen Sohnes umgehen? Der Künstler Nick Cave hat getan, was er als Schmerzensmann ohnehin am besten kann.

Es gibt so manchen großen Song der Popmusik, der sich aus einem eigentlich unüberwindlich scheinenden persönlichen Verlust speist. Herbert Grönemeyers „Mensch“ etwa, als kurz nacheinander sein Bruder und seine Frau gestorben waren. Oder Eric Claptons „Tears in Heaven“, nachdem er seinen kleinen Sohn begraben musste. In diese Reihe gehört nun auch der Australier Nick Cave. 15 Jahre war Arthur alt, einer seiner beiden Zwillingssöhne, als er im Juli 2015 bei einem tragischen Unfall von einer Klippe in den Tod stürzte.

"Push the Sky Away": Traumwandlerisch schön

Nick Cave, den seine vielen Fans ohnehin seit mehr als zwei Jahrzehnten dafür lieben, dass er von Angst und Wut bis zu Erlösung und Traurigkeit große Gefühle in Kunst verwandelt, arbeitete zu dieser Zeit am Nachfolger zu einem Meisterwerk. Mit „Push the Sky Away“ hatte er 2013 ein traumwandlerisch schönes und sein bislang erfolgreichstes Album veröffentlicht. Mit seiner Kultband, den Bad Seeds, die sich in der Urbesetzung mit Blixa Bargeld an der Gitarre dereinst in der düsteren, drogenaffinen Szene des Berlins der Achtziger gefunden hatte. Vom „Weeping Song“ bis „Where the Wild Roses Grow“ mit Kylie Minogue, von „Stagger Lee“ bis „Red Right Hand“ – es gibt eine Menge gerade in ihrer Eigenwilligkeit hinreißende Songs, die sie geschaffen haben. Mördern, dem Teufel und Lazarus kann man darin begegnen – aber immer wieder auch der Schönheit der Liebe. Und wenn Nick Cave noch mehr Wut will, spielte er mit seinem Zweitprojekt „Grinderman“, schreibt außerdem Bücher, Drehbücher, dichtet… Vor zwei Jahren war diesem kunstvoll düsteren Kauz in Schwarz im Dokumentarfilm „20000 Days on Earth“ bei seinem merkwürdigen Schreiten durchs Leben näherzukommen.

Aber dann? Nach einem solchen Schicksalsschlag, erlitten mit seiner zweiten Frau Susie Bick, an der plötzlich schicksalsbehafteten Küste Südenglands lebend? Es gibt einen neuen Film, der dieses Dann zeigt. Er heißt „One More Time with Feeling“ und lief letzte Woche einmalig und nur in ausgesuchten Kinos. Es ist die Trauerarbeit des Nick Cave. Seine Frau zeigt etwa ein Bild, das der junge Arthur gemalt hat. Von ebenjenem Leuchtturm, bei dem er dann in den Tod stürzte. Aber vor allem sieht man den bald 59-jährigen Sänger selbst an der nun völlig veränderten Arbeit mit den Bad Seeds. An einem Album, das „The Skeleton Tree“ heißt, jetzt erschienen ist und den Schmerz in Sprachbilder und Musik gießt. Unendlich traurig, mal auch bestürzend schön (im Titelsong etwa), manchmal nur in Motiven stammelnd, suchend, keine Harmonien findend (etwa in „Jesus Alone“), denn: „You fell from sky …“

Nick Cave, der Geschichtenerzähler

Warum macht ein Mensch so was? Ist es nicht befremdlich, dass er seine private Trauer auch noch ausstellt? Nick Cave musste, wie er wohl immer schon musste: rein in das Gefühl und raus damit. Mit 19 hat er seinen Vater bei einem Autounfall verloren – es war der Beginn seiner Geschichte als großer Geschichtenerzähler. Wolfgang Schütz

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