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Interview

11.11.2019

Tom Neuwirth alias Conchita Wurst: "Ich bin mehr als nur die Frau mit Bart"

Tom Neuwirth alias Conchita Wurst (rechts) wird zusammen mit (von links) Bill Kaulitz, Heidi Klum und Gast-Star Olivia Jones in der Jury der neuen Show „Queen of Drags“ sitzen.
Foto: ProSieben/Martin Ehleben

Als Conchita Wurst hat Tom Neuwirth den Eurovision-Songcontest gewonnen. Warum er nun Überdruss gegenüber seiner selbst geschaffenen Kunstfigur verspürt.

Conchita Wurst, am 14. November startet Ihre neue TV-Show "Queen of Drags". Dort suchen Sie gemeinsam mit Heidi Klum und Bill Kaulitz die beste Drag Queen Deutschlands, Österreichs und der Schweiz – also Männer, die sich als weibliche Kunstfiguren zeigen. Wie wollen Sie eigentlich angesprochen werden – mit Conchita oder Ihrem richtigen Namen Tom bzw. Thomas Neuwirth?

Tom Neuwirth: Tom. Am Ende des Tages ist es aber wurst.

Man hört, Sie waren zuletzt von seiner eigenen Kunstfigur Conchita genervt und fühlen sich durch sie eingeengt. Was ist passiert?

Neuwirth: Der Eurovision Songcontest 2014, den ich damals gewann, war für mich eine Riesenchance. Danach wollte ich keinen Fehler machen. Ich habe den Experten in allen möglichen Bereichen, vom Styling bis hin zur Musik vertraut – nämlich, dass die schon wissen, was funktionieren würde. Und über all dies habe ich mich selbst etwas verloren. Ich war nur noch ausführendes Instrument. Eines Morgens bin ich aufgewacht und hatte das Gefühl, nicht mehr glücklich zu sein. Das war der Beginn, mich mit den Dingen tiefer auseinanderzusetzen. Ich merkte bald, dass der kreative Output wieder von mir kommen muss. Und so habe ich auch der Figur Conchita gegenüber einen gewissen Überdruss verspürt.

Sie haben gerade unter dem Namen "Wurst" Ihr neues Album "Truth Over Magnitude" vorgestellt und sich dabei musikalisch stark von Conchita abgegrenzt. Ist das eine Folge davon?

Neuwirth: Ich würde sagen, als ich damals als Conchita mit der Musik begonnen hatte, war diese auch authentisch. Ich habe Celine Dion geliebt und liebe sie heute noch. Ich wollte unbedingt die großen Balladen singen. Aber irgendwann war das getan und erledigt. Da ich privat viel elektronische Musik höre, habe ich mich gefragt: Lässt sich das auch auf die Bühne bringen. Und heute habe ich ein Team, das meine Geschichte und meine Welt wahnsinnig gut in Musik übersetzt. Und damit ist das neue Album so authentisch wie keines zuvor.

Sind Sie stolz drauf?

Neuwirth: Ja, wahnsinnig. Es ist auch ein Riesenunterschied zu früher, wenn ich das live performe. Plötzlich erzähle ich Geschichten und ich spüre die auch. Das kannte ich bisher nicht und es macht wahnsinnig viel Spaß.

Ziel ist mindestens, die Nummer eins in Österreich zu werden?

Neuwirth: (Lacht) Natürlich würde ich mich darüber freuen. Allerdings bin ich in der privilegierten Situation, dass ich das Album für mich machen kann. Diese Musik ist für mich so erfüllend, dass ein möglicher Erfolg eine Draufgabe wäre.

Sie sagten, als Conchita Wurst wollten Sie so sein wie Celine Dion. Wie wollen Sie denn jetzt sein? Einfach nur Tom?

Neuwirth: Es ist tatsächlich eine Weiterentwicklung. Der heutige Sound ist aus verschiedenen Zugängen zu meiner Geschichte entstanden. Es gibt diesmal kein richtiges Vorbild. Aber all das in Summe kommt Tom schon sehr nahe.

So eine Kunstfigur wie Conchita als Alter Ego ist praktisch, weil man sich prima dahinter verstecken kann, oder?

Neuwirth: Genau, absolut. Auch heute habe ich noch ein entsprechendes Bühnenoutfit, das mir eine gewisse Freiheit gibt, in die richtige Stimmung zu kommen und größer zu wirken als ich privat bin.

Wie kamen Sie eigentlich auf den Namen Conchita?

Neuwirth: Ich war das erste Mal ein Drag, als ich 14 Jahre war. In unregelmäßigen Abständen habe ich das immer wieder gemacht. 2011 ist einer meiner besten Freunde weggezogen. Ich dachte, das wäre ein Anlass, um wieder mal als Drag auszugehen. Und ich habe in dieser Nacht eine Freundin aus Kuba getroffen und sie gefragt, wie eine Frau heißen sollte, mit der jeder gerne ausgehen möchte. Da sagte sie: Conchita! Ich antwortete: Gut, dann heiße ich ab sofort so. Eine Wiener Burlesquetänzerin hat mich dann für ihre Revue engagiert. Aus Faulheit, weil ich mich nicht jede Woche rasieren wollte, habe ich den Bart stehen gelassen. Fertig. So ist damals eines zum anderen gekommen.

Dann war das alles gar nicht genau durchgeplant?

Neuwirth: Null!

Sie sagten mal, Sie seien viel mehr als nur die Frau mit Perücke. Wer ist denn Tom Neuwirth?

Neuwirth: Die Frage ist eher: Wer bin ich nicht? In meinem Kopf sind so viele Gedanken und so viele Welten. Somit bin ich natürlich mehr als nur die Frau mit Bart. Ich bin wie ich bin, war immer schon ein relativ wacher Mensch, der sich gerne vom Leben leiten lässt.

Was bedeutet Identität für Sie?

Neuwirth: Puh! Ich habe früher viel Zeit damit verbracht, den Leuten zu erklären, wieso ich etwas mache oder sage. Und wieso ich so aussehe wie ich aussehe. Heute sage ich nur mehr: Ich bin einfach ich.

Sie wurden vergangenes Jahr 30. Hatte dieser runde Geburtstag eine besondere Bedeutung für Sie?

Neuwirth: Ich habe damals vorher viel über mich nachgedacht. Da ist eine Menge mit mir passiert, gerade, was das Selbstbild anbelangt. Es geht auch darum, was man noch alles möchte. Mein Gefühl ist, dass ich ein Stück erwachsener geworden bin. Meinen 30. Geburtstag habe ich übrigens gefühlte vier Monate gefeiert. Der war also schon etwas Besonderes.

Wie geht es Ihnen, wenn Sie an Ihren Sieg beim Eurovision Song Contest (ESC) zurückdenken?

Neuwirth: Was da passiert ist, hat man Leben grundlegend verändert. Es hat dazu geführt, dass ich heute meinen Traum leben darf und meine Zeit mit dem verbringe, was ich am liebsten mache: Singen. Das macht unglaublich frei und glücklich. Es ist der Schlüssel dazu, ein großartiges Leben zu führen.

Was verstehen Sie unter einem großartigen Leben?

Neuwirth: Wenn man glücklich ist, zufrieden und eigentlich jeden Tag gute Laune hat. Wenn man von Menschen umgeben ist, die einem gut tun und man selbst diesen Menschen auch gut tut.

Haben Sie Angst davor, einmal nicht mehr erfolgreich zu sein?

Neuwirth: Nein (lacht lauthals). Mein Glück ist nicht von Erfolg abhängig. Glück muss man in sich tragen und darf es von nichts und niemanden abhängig machen.

Glamouröse Kostüme, faszinierende Verwandlungen und spektakuläre Shows, verspricht die neue Pro7-Reality Show "Queen of Drag". Ab dem 14. November um 20.15 Uhr werden Sie neben Heidi Klum und Bill Kaulitz zu sehen sein. Wie war das mit den beiden?

Neuwirth: Wunderbar. Ich freue mich sehr, wenn die Show gesendet wird. Wir hatten bei den Dreharbeiten in Los Angeles eine wirklich gute Zeit und haben unglaublich viel miteinander gelacht und geweint. Es würde mich total freuen, wenn sich das auch den Zuschauern zeigen wird. Wir haben wirklich eine Show auf die Beine gestellt, die sehr authentische Menschen zeigt mit all ihren Stärken und Schwächen. Es ist schön zu sehen, welchen Zusammenhalt diese Drag-Queens haben.

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