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Tourismus

31.07.2018

Toter Bär auf Spitzbergen: Ein Opfer des Tourismus?

Mitarbeiter des Kreuzfahrtschiffs MS Bremen erschossen diesen Bären, nachdem er einen Kollegen angegriffen hatte.
Bild: Gustav Busch Arntsen, Governor of Svalbard, AP, dpa

Ein Bär stirbt nach dem Angriff auf einen Kreuzfahrer. Die Wut im Internet ist riesig. Urlauber dringen heute immer weiter vor - mit teils dramatischen Folgen.

Die Menschen um ihn herum sind weg. Der Eisbär ist wieder allein am Strand des Arktis-Archipels Svalbard. Doch er hat nichts mehr davon. Er ist tot. Erschossen, nachdem er ein Crewmitglied des Kreuzfahrtschiffs MS Bremen angegriffen hatte. Der 42-Jährige ist inzwischen aus dem Krankenhaus im norwegischen Tromsø entlassen. Doch die Wut im Internet hält an. „Klimawandel reicht ja nicht, um den Eisbären zu töten. Tourismus erledigt den Rest“, schreibt eine Nutzerin auf Twitter. Eine andere fordert aggressiv: „Verpisst euch aus den Lebensräumen bedrohter Arten!“ Der englische Kabarettist Ricky Gervais kommentiert: „Lassen Sie uns einem Eisbären in seiner natürlichen Umgebung zu nahe kommen und ihn dann töten, wenn er uns zu nahe kommt. Idioten.“

Die Schutzorganisation Pro Wildlife will den Fall in Erinnerung halten, um Urlauber zu sensibilisieren. Sandra Altherr, Biologin und Mitbegründerin von Pro Wildlife, erklärt: „Es wird immer dann problematisch, wenn der Tourismus in letzte Rückzugsgebiete bedrohter Arten eindringt, wenn die Tiere kaum Ausweichmöglichkeiten haben und wenn der Tourismus nicht reguliert ist.“ Bei der Kreuzfahrt des Veranstalters Hapag Lloyd Cruises sollten die Touristen Polarbären nur vom Schiff aus beobachten. Der Mitarbeiter und seine Kollegen aus einem bei solchen Reisen gesetzlich vorgeschriebenen Eisbärenwächter-Team gingen an Land. „Da die Versuche der anderen Wächter, das Tier zu vertreiben, leider nicht erfolgreich waren, musste aus Gründen der Notwehr und um das Leben der angegriffenen Person zu schützen, eingegriffen werden“, schildert das Unternehmen.

Polarschiffe bringen Menschen zu den Eisbären

Dass Touristen und wilde Tierarten sich ins Gehege kommen, passiert immer wieder. Erst im April war ein Mann aus Konstanz bei einer Safari in Namibia von einem Leoparden in den Kopf gebissen worden. Weshalb genau sich das Tier gestört fühlte, ist nicht klar.

Die MS Bremen ist regelmäßig im Ewigen Eis unterwegs.
Bild: Hapag-Lloyd, dpa

Erwiesen jedoch ist, dass Urlauber häufiger in bisher unberührte Lebensräume vordringen denn je. Jürgen Schmude, Professor für Tourismusforschung an der Ludwig-Maximilians-Universität München, erklärt das mit zwei Prozessen: „Erstens verzeichnen wir viel mehr Urlauber – und die müssen ja irgendwo hin.“ Bis 2030 wächst ihm zufolge die Zahl der Reisen über die eigenen Landesgrenzen noch einmal um 50 Prozent. Zweitens stiegen mit der technischen Entwicklung auch die Möglichkeiten und die Erwartungen der Touristen. „Wir sind heute in der Lage, in Regionen vorzustoßen, die früher nicht erreichbar waren.“ Erst seit der Entwicklung von Polarschiffen können Kreuzfahrer eben auch den Lebensraum der Eisbären erkunden. Das Phänomen zeigt sich selbst vor unserer Haustür: „Auch in den Alpen ist kein Gipfel mehr unerreichbar. Paraglider etwa haben durch die technische Verbesserung viel mehr Möglichkeiten in der Luft.“ Auf Tiere in den Bergen aber wirke ein Gleitschirmflieger am Himmel genauso wie ein Raubvogel.

Nachfrage nach Reisen zu den Eisbären ist groß

Pro Wildlife bewertet es zwiegespalten, wenn Touristen in die Tiefen der Natur vordringen. Einerseits hätten viele Wildtiere ohnehin nur noch einen stark beschnittenen Lebensraum. Andererseits würden Tiere und Naturgebiete, mit denen Geld verdient wird, oft besser geschützt. „Bestes Beispiel ist Kenia, das mit seinen Nationalparks Urlauber aus aller Welt anzieht und entsprechend Geld in den Schutz der Parks investiert“, sagt Biologin Altherr. Geograf Schmude appelliert an den Verstand des Urlaubers. „Gäbe es keine Nachfrage, würden auch keine Fahrten etwa in die Arktis angeboten. Letztlich muss jeder Reisende selbst entscheiden, was für ihn in Ordnung ist und was nicht.“ Er selbst, sagt Schmude, würde nicht in ein Polar-Kreuzfahrtschiff steigen.

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