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Coronavirus

17.03.2020

Vom Armee-Einsatz bis Nichtstun: So kämpfen Länder gegen Corona

Soldaten der Schweizer Armee bringen einen Coronavirus-Patienten in die Notaufnahme des La Carita Krankenhauses.
Bild: Alessandro Crinari, keystone/dpa

Plus Im Kampf gegen Corona gehen die Staaten unterschiedlich vor. Warum Frankreich im Krieg ist, Spanien Drohnen einsetzt - und Großbritannien einfach nichts tut.

Frankreich: Ein Land in Corona-Quarantäne

Als sich Emmanuel Macron am Montagabend per Videoaufzeichnung mit ernster Miene an die Nation wandte, klang er martialisch: „Wir sind im Krieg.“ Insgesamt sechs Mal wiederholte Frankreichs Präsident diese Formel, um zu erklären, dass es mit dem Coronavirus einen „unsichtbaren, nicht greifbaren Feind“ zu bekämpfen gelte. Er forderte alle Franzosen zur Mithilfe auf, indem sie die neuen Regeln befolgen. Die Worte „Hausarrest“ oder „Quarantäne“ nahm er nicht in den Mund.

Über die bis dahin bereits geltende Schließung der Schulen, Kinderkrippen, Restaurants, Museen und Einkaufszentren hinaus kündigte Macron eine massive Einschränkung der Bewegungsfreiheit an. Mindestens zwei Wochen lang dürfen die Menschen nur noch das Haus verlassen, um das Notwendigste einzukaufen, zum Arzt zu gehen, ihren Hund auszuführen, alleine Sport zu treiben oder – wenn nicht vermeidbar – zu arbeiten, beispielsweise in Krankenhäusern, Apotheken oder Supermärkten. Stets müssen sie eine schriftliche Begründung bei sich tragen.

In Frankreich decken sich die Menschen mit Lebensmitteln ein.
Bild: Gao Jing/XinHua, dpa

Rund 100.000 Polizisten werden landesweit mobilisiert, um die Einhaltung dieser Regeln zu kontrollieren und bei Nichtbeachtung Bußgelder zwischen 38 und 135 Euro zu verteilen. Dennoch waren am Dienstag in Paris tagsüber noch etliche Menschen auf Märkten und in den Straßen unterwegs.

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Auch in Frankreich haben viele noch nicht realisiert, dass nun Ausnahmesituation herrscht. In Frankreich meldeten die Gesundheitsbehörden zum Wochenbeginn 6633 Coronavirus-Fälle. Bisher sind 148 Menschen an Covid-19 gestorben.

Schweiz: Die Armee kämpft an der Virus-Front

Die Schweiz verschärft den Kampf gegen die eskalierende Corona-Epidemie. Das Leben in der Eidgenossenschaft wird nach der Verhängung des Notstands und eines Versammlungsverbots noch weiter eingeschränkt. Die Armee rückte zu einem Großeinsatz aus. „Eine Mobilmachung dieser Größenordnung gab es seit dem Zweiten Weltkrieg nicht mehr“, sagte Verteidigungsministerin Viola Amherd.

Am Montagabend waren in der Schweiz 2330 Infektionen bestätigt. Allein am Sonntag stieg die Zahl um 800 an. Von den Erkrankten starben 14 Menschen. Die Regierung verbietet ab der Nacht auf Dienstag landesweit alle privaten und öffentlichen Veranstaltungen. Geschäfte, Läden, Märkte, Bars, Restaurants, Museen, Bibliotheken, Kinos, Sportzentren, Skistationen und Schwimmbäder müssen vorübergehend schließen.

Die schon am Freitag angekündigten Schulschließungen wurden bis zum 19. April verlängert. Offen bleiben Apotheken, Lebensmittelläden, Banken, Tankstellen, Postfilialen und Hotels.

Die Schweizer Armee wurde zusammengezogen, um in Spitälern zu helfen.
Bild: Urs Flueeler, Keystone/dpa

Es handele sich um eine „extreme Belastung für Wirtschaft und Bevölkerung“, unterstrich Bundespräsidentin Simonetta Sommaruga. Die Regierung werde den Opfern jedoch helfen.

Zudem erschwert der Bundesrat die Einreise in die Eidgenossenschaft. Die Grenzen der Schweiz zu Deutschland, Frankreich und Österreich sollen kontrolliert werden. Die Eidgenossen behalten sich das Recht vor, Ausländer abzuweisen. An der Grenze zu Italien, das von der Epidemie besonders hart getroffen ist, hatten die Eidgenossen schon rigorose Überwachungen eingeführt.

Osteuropa: Harte Einschnitte in den Alltag

Schulen und Kindertagesstätten sind in Polen seit Montag dicht. Museen, Theater und Kinos ebenso. Schon am Sonntag hatte die Regierung in Warschau die Schließung der Grenzen verfügt und umfangreiche Kontrollen angekündigt. Flug-, Bahn- und Schiffsverbindungen nach Polen wurden gekappt. Wegen der Corona-Epidemie kommt das öffentliche Leben im Land allmählich zum Erliegen. Aktuell sind 205 Infektionen und fünf Todesfälle zu beklagen.

Kilometerlang stauten sich die Lastwagen an der polnischen Grenze.
Bild: Patrick Pleul, dpa

Zwar trägt Präsident Andrzej Duda die harten Eingriffe in den Alltag mit. Doch die für den 10. Mai angesetzte Präsidentschaftswahl will er auf keinen Fall absagen. Kein Wunder, denn in den Umfragen liegt der nationalkonservative Amtsinhaber vorn. Die Opposition schäumt. Ökonomisch sind die Schäden bereits beträchtlich – dem dauerboomenden Wirtschaftswunderland des Ostens könnte die erste schwere Rezession seit über 20 Jahren bevorstehen.

Ähnlich verheerende Prognosen gibt es auch in vielen anderen osteuropäischen Staaten. Die Slowakei, das Land mit der weltweit höchsten Autoproduktion pro Kopf, dürfte unter den angekündigten Werksschließungen etwa von VW besonders stark leiden. Tschechien meldete die meisten bestätigten Corona-Fälle im östlichen Europa.

Schon jetzt fordert Ministerpräsident Andrej Babis von Brüssel, für eine schnelle ökonomische Wiederbelebung zu sorgen. Besonders hart treffen könnte es die Ukraine. Obwohl erst sieben Infektionen und ein Toter bestätigt sind, bleiben ab sofort Geschäfte und Restaurants sowie Schulen und Universitäten geschlossen. Alle U-Bahnen stehen still.

Italien: Das Warten auf die Trendwende

Am 21. Februar wurde in der südlichen Lombardei bei Lodi der erste Corona-Infektionsherd entdeckt. Stück für Stück führte Italiens Regierung Quarantänezonen ein, erst in einigen Gemeinden, dann in ganzen Regionen in Norditalien.

Seit dem 10. März ist das ganze Land Sperrgebiet. Die Menschen dürfen ihre Wohnung nur für die dringendsten Besorgungen, für unerlässliche Arbeit oder in Notfällen verlassen. Bislang sind etwa 28.000 Fälle von Ansteckungen mit Covid-19 bekannt. Mehr als 1800 Tote sind zu beklagen. Allerdings rechnen Experten damit, dass der Höhepunkt der Ansteckungswelle bald erreicht sein dürfte.

In Bergamo wird fast alle 30 Minuten eine Beerdigung abgehalten.
Bild: Claudio Furlan/LaPresse via ZUMA Press, dpa

Besonders betroffen ist die Lombardei, die mit offiziell mehr als 15 000 Infizierten das derzeitige Zentrum der Epidemie in Italien darstellt. Am Montag verabschiedete die Regierung ein Hilfspaket mit einem Volumen von 25 Milliarden Euro. 10.000 Hochschulabgänger im Fach Medizin sollen ohne Staatsprüfung als Ärzte zugelassen werden, wegen des Notstands.

Auf die pausenlose Einlieferung von Patienten mit schweren Lungenentzündungen wegen Covid-19 sind die Krankenhäuser nicht vorbereitet. In Rom und im Süden Italiens harren die meisten Menschen in ihren Wohnungen aus und fragen sich, wann die Epidemie auch ihr Umfeld erreicht.

Sorgen macht insbesondere, dass vor Beginn der Quarantäne im Norden 100.000 Menschen nach Süditalien flüchteten. Sie könnten eine Infektionswelle auslösen, der die Krankenhäuser im Mezzogiorno noch weniger gewachsen wären als die im Norden.

Österreich: Kanzler Kurz greift in der Corona-Krise durch

„Die Krankheit bringt Leid und vielen Menschen Tod.“ Die Worte, die Österreichs Kanzler Sebastian Kurz wählt, sind so pointiert wie brutal. Der 33-Jährige ist gerade dabei, harte Maßnahmen durchzusetzen. Mit Mahnungen und Warnungen wirbt er um Unterstützung und Verständnis in der Bevölkerung.

Wo andere Politiker sich bemühen, Worte abzuwägen, um keine Panik zu verursachen, greift Kurz zu scharfer Rhetorik und nimmt so manche Überspitzung nach kurzer Zeit wieder zurück. So zum Beispiel das Verbot spazieren zu gehen. Inzwischen ist zumindest das erlaubt, bevor jemandem „die Decke auf den Kopf fällt“. Hinzu kommt: Oft ist der Vollzug der Regeln lascher als die Rhetorik.

Tische und Stühle eines Cafés in der Wiener Innenstadt bleiben leer.
Bild: Helmut Fohringer/APA, dpa

Doch auch wenn nicht alles funktioniert, setzt Kurz strikt um, was seine Experten ihm raten. Zur Besonnenheit trägt der grüne Koalitionspartner bei, besonders Gesundheitsminister Rudolf Anschober. Liberale und Sozialdemokraten reihen sich ein ins „Team Österreich“. Nur die Rechtspopulisten stehen abseits.

Skigebiete, Restaurants, Bars und Geschäfte – bis auf wichtige Läden wie Supermärkte oder Apotheken – sind geschlossen. Die neun Millionen Einwohner sollen Häuser und Wohnungen nur noch aus triftigen Gründen verlassen, zum Beispiel zur Arbeit oder für dringende Besorgungen. Das Epidemiegesetz ermöglicht Durchgreifen bis ins letzte Alpental. Zuletzt wurde die Region Arlberg unter Quarantäne gestellt.

Österreich meldete am Dienstag 1132 bestätigte Coronavirus-Fälle. Bisher sind dort drei Menschen an den Folgen der Infektion gestorben. Das Land stellt für die Folgen der Pandemie vier Milliarden Euro bereit.

Spanien: Ausgangssperre werden per Drohne überwacht

Neben Italien leidet Spanien besonders stark unter den Folgen der Virus-Epidemie: Seit dem Wochenende gelten Ausnahmezustand und Ausgangssperre für das ganze Land. Im ganzen Land wurden Einzelhandelsgeschäfte, Gastronomiebetriebe und Sehenswürdigkeiten geschlossen.

Die Menschen dürfen nur aus „unvermeidlichen Gründen“ auf die Straße. Etwa um Lebensmittel einzukaufen oder zur Apotheke, zum Arzt und zur Arbeit zu gehen. Oder den Hund auszuführen. Andere Aktivitäten im Freien sind nicht mehr erlaubt. Zur Überwachung der Maßnahmen setzt die Polizei unter anderem sogar Drohnen ein.

Triste Stimmung an der Cala Millor an der Ostküste Mallorcas.
Bild: Bodo Marks, dpa

Seit Inkrafttreten der Ausgangssperre sind die Straßen in Madrid und ganz Spanien nahezu leer. Die Zahl der Menschen, die sich mit dem Virus Sars-CoV-2 infiziert haben, kletterte am Dienstag auf mehr als 11 000. Außerdem gab es bereits fast 500 Todesfälle. Das sind circa 150 mehr als am Vortag.

Auch auf den nicht zuletzt bei deutschen Touristen beliebten Balearen-Inseln Mallorca, Menorca, Ibiza und Formentera ist von ausgelassener Urlaubsstimmung längst keine Rede mehr. Insbesondere Mallorca versucht, seine Insellage zu nutzen, um den Coronavirus in den Griff zu bekommen. Der Flug- und Fährbetrieb soll weitgehend eingestellt werden. Ministerpräsidentin Francina Armengol forderte alle Urlauber auf, die Insel so schnell wie möglich zu verlassen.

In Zusammenarbeit mit Reiseveranstaltern und Airlines sollen in den nächsten Tagen die Rückflüge in die Heimat organisiert werden.

Großbritannien: Nur Appelle, keine Anordnungen

Leer geräumte Supermarktregale, abgesagte Veranstaltungen – während die Nervosität unter der britischen Bevölkerung zunimmt, widersetzte sich die Regierung in London in den vergangenen Tagen und Wochen dem Trend auf dem Kontinent, drastische Maßnahmen zu ergreifen. Doch nun scheint Premierminister Boris Johnson von seinem Sonderweg abzukommen, zumindest ein bisschen.

Am Montagabend forderte er seine Landsleute eindringlich auf, Abstand zu halten, von zu Hause aus zu arbeiten sowie unnötige soziale Kontakte zu vermeiden. Das klingt nach viel, ist aber wenig. Denn es handelte sich bei Johnsons Aufforderungen lediglich um eine „nachdrückliche Empfehlung“.

Die U-Bahn in London ist spärlich besetzt. Auch wenn Johnson beschwichtigt.
Bild: Martin Keene/PA Wire, dpa

Und so bleiben Schulen und Universitäten geöffnet und ob Pubs und Theater weiterhin Gäste empfangen, ist Sache der Betreiber. Der Ärger auf die Regierung, die an das Verantwortungsbewusstsein der Menschen appelliert anstatt hart durchzugreifen, wächst. Etliche Veranstalter haben deshalb eigenverantwortlich Events abgesagt.

Der Premier dagegen verwies stets auf die Experten, auf deren Rat die Regierung handelt. Der britischen Strategie zufolge sollte sich ein Großteil der jüngeren und gesunden Menschen sogar mit Covid-19 anstecken, um so eine Art Herdenimmunität gegen das neue Virus zu erreichen.

Die Risikogruppe, für die das Virus sogar tödlich sein kann, sollte derweil geschützt werden. Nun die halbe Kehrtwende, nachdem der Sonderweg für gescheitert betrachtet wird. Wie viele auf der Insel mit Corona wirklich infiziert sind, weiß man ohnehin nicht, denn getestet wird kaum. (ze, kpri, msb, biho, jmm, kröu, jdh)

Über alle Entwicklungen rund um das Coronavirus informieren wir Sie in unserem Live-Blog.

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