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Wenn jeder nur für seine kleinen Freiheiten kämpft, verlieren wir alle

Kommentar Von Yannick Dillinger
05.01.2021

Wer im Freundeskreis Kontakte trotz Corona nicht reduziert, der gefährdet Leben - auch von Fremden. Es ist naiv zu glauben, man könne nur für sich und sein Umfeld Ausnahmen machen.

"Wir haben das zu Hause besprochen und eine private Entscheidung getroffen: Wir nehmen das Risiko in Kauf. Keiner macht dem anderen Vorwürfe. Es hat eh keiner Angst, sich anzustecken": Wie oft habe ich 2020 diese Worte gehört? Zehnmal? 15 Mal? 20 Mal? Im Gespräch mit Freunden, auch guten. Im Gespräch mit Bekannten, auch nahen. Vor Geburtstagen. Vor Weihnachten. Vor Silvester.

So verantwortungsbewusst und nachvollziehbar das zunächst klingen mag: Es ist unverantwortlich. In der Corona-Pandemie ist eine solche eben keine private Entscheidung. Das Ausnutzen individueller Freiheitsrechte beschränkt im Zweifelsfall das Recht des Anderen auf Unversehrtheit. Der Angstlose trifft den Angstvollen an der Wursttheke. Beim Arzt. Auf der Arbeit. Und er gefährdet das Leben des Anderen. Vielleicht nicht mutwillig, aber mindestens leichtfertig. Spätestens in diesen Momenten wird aus der privaten eine Entscheidung fürs Kollektiv. Wenn sich alle ihre kleinen Freiheiten gönnen, kriegen wir die Pandemie nicht eingedämmt.

Menschen warten in einer langen Schlange vor einem Bekleidungsgeschäft.
Bild: Fabian Sommer, dpa

Immanuel Kant hat die Überschrift über viele der aktuellen Diskussionen bereits vor mehr als 200 Jahren gesetzt: Die Freiheit des Einzelnen endet dort, wo die Freiheit des Anderen beginnt. Das Kollektiv besteht aus der Gesamtheit der Individuen. Jeder "Einzelne" ist auch der "Andere". In der Pandemie kann der Einzelne mit seiner eigenen Entscheidung dafür sorgen, dass der Andere keine eigene Entscheidung mehr treffen kann.

Corona-Pandemie: Welche Freiheit verteidigen wir eigentlich?

Die Freiheit ist ein hohes Gut, eines der höchsten. Deutschland ist ein freies Land. Hier darf jeder sagen, was er für richtig hält - auch öffentlich. Die Grenzen setzen nur Gesetze. Deutsche müssen sich Freiheit nicht verdienen, sie wird ihnen geschenkt. Zum Schutze des Kollektives müssen wir aktuell schmerzhafte Einschränkungen des individuellen Freiheitsrechts hinnehmen. Das tut weh und darf nur von begrenzter Dauer sein. Doch die Frage muss gestattet sein, von welcher Freiheit wir eigentlich sprechen, wenn wir darüber klagen: die Freiheit aller oder doch die Freiheit unserer selbst?

Corona: Es gibt keine absoluten Wahrheiten, aber die Pflicht zur Solidarität

Die Coronakrise ist eine existenzielle Herausforderung für das Individuum und für das Kollektiv. Alle Menschen sitzen im selben Boot. Allerdings ist der mentale Widerstand, gegen den es anzupaddeln gilt, individuell. Menschen gehen unterschiedlich mit Ängsten um. Die einen blenden sie aus, die anderen fühlen sich übermannt. Beides ist nicht zu bewerten, weil typ-, situations- und informationsabhängig. Erst recht in Zeiten wie diesen, in denen es wenig absolute Wahrheiten zu geben scheint. Es kann somit gar kein "Richtig" oder "Falsch" beim individuellen Bewerten dieser Gefahrenlage geben. Es kann aber ein paar "Richtigs" oder "Falschs" in den daraus resultierenden Handlungen geben. Und es muss eine Akzeptanz des Rechts auf Unversehrtheit des "Anderen" geben.

Laut Immanuel Kant ist Mündigkeit ein Instrument zur Erlangung von Freiheit. In der Berliner Monatsschrift schreibt er: "Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen!" Der Appell hat an Aktualität nicht verloren. Jeder hat selbstverständlich die Freiheit, zu einer individuellen Entscheidung zu gelangen. Er muss sich in dieser existenziellen Krise, in der es mitunter um Leben oder Tod geht, aber auch seines Verstandes bedienen. Wer das tut, der wird den Unterschied zwischen einer vermeintlich privaten und einer tatsächlich kollektiven Entscheidung im Zusammenhang mit der Ausbreitung des Virus übrigens recht schnell erkennen.

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06.01.2021

Danke Hr Dillinger für diesen Kommentar, der meiner Ansicht nach die Sache auf den Punkt bringt.

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06.01.2021

.
.
Ach, Herr Dillinger ....

Die Krux im Umgang mit Corona und der angemahnten
Orientierung an Kant ist doch:

Man kann sich nur dessen bedienen, was man hat.

Gleich, ob man zwar hat, aber nicht will oder trotzdem
nicht kann, oder ob man gar nicht hat - das Ergebnis
sind eben Reaktionen wie

"Warum soll ich mit meiner Familie Oma und Opa nicht
mehr besuchen dürfen?"
.

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06.01.2021

Die Berliner Politikblase schafft sich ihre eigenen Freiheiten...

https://www.focus.de/politik/deutschland/einschraenkung-der-bewegungsfreiheit-15-kilometer-vom-wohnort-hier-erklaert-merkel-den-neuen-bewegungsradius_id_12837275.html

>> Bei der Einschränkung des Bewegungsradius auf 15 Kilometer um den Wohnort sei nicht die genaue Adresse etwa in einer Großstadt wie Berlin gemeint, machte Merkel am Dienstag nach den Beratungen mit den Ministerpräsidenten der Länder deutlich. Man fange nicht an, den Weg von Mitte nach Spandau oder Marzahn abzumessen, dies sei nicht praktikabel. <<

Aber beim Weg von Diedorf nach Rederzhausen ist man dann genau?

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06.01.2021

>>Aber beim Weg von Diedorf nach Rederzhausen ist man dann genau?<<

Hauptsache man gibt wieder seinen Senf ab, oder wollen sie nur spalten? Eine Solidarität und Zusammenhalt der Bevölkerung um die Infektionszahlen niedriger zu halten ist wichtiger denn je
So einfach lässt sich das "Merkel muss weg" wohl nicht verdrängen?

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05.01.2021

>> Corona: Es gibt keine absoluten Wahrheiten, aber die Pflicht zur Solidarität <<

Solidarische Menschen benutzen ihren privaten PKW und vermeiden Risikopraktiken wie ÖPNV oder zu dritt rodeln...

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06.01.2021

Wow - da traut sich noch jemand anti-klimawandlerisch zu argumentieren. Hervorragend. Ich zitiere mich am liebsten selbst:
"Wer seine Kontakte auf 0 herunterfährt braucht sich keine Sorgen um die Kontakte anderer machen!"

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05.01.2021

Was für ein (edit/mod/Ausdrucksweise) Vergleich eiens Besuchs bei Oma und Opa mit dem Anstehen an der Wurst-Theke.

Sorry.
Aber dies ist unter aller Kanone.

Warum soll ich mit meiner Familie Oma und Opa nicht mehr besuchen dürfen?
Dies ist aus meiner Sicht schon ein einscheniedender Eingriff in meine verbrieften Grundrechte.

Und wenn die Maßnahmen nun nochmals verschärfte werden, dann ist es aus meiner Sicht durchaus vorstellbar, dass es eine Klagewelle vor den Verfassungsgerichten geben wird.

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05.01.2021

@Andreas D.

Eine kleine bescheidene Frage hätte ich an Sie:

Was nützen Ihnen die Gerichte, wenn Oma und Opa Ihretwegen gestorben sind, nur weil Sie auf "Ihre verbrieften Grundrechte" nicht verzichten wollten?

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05.01.2021

>>Was für ein (edit/mod/Ausdrucksweise) Vergleich eiens Besuchs bei Oma und Opa mit dem Anstehen an der Wurst-Theke.<<

Vermutlich haben sie nicht viel verstanden, was Herr Dillinger geschrieben hat.
Es sterben schon viel zu viele an dem Corona Virus. Dies dürfte durchaus auch die größten Egoisten zum Nachdenken bewegen.

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