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Umwelt

29.07.2019

Wie Japan nach mehr als 30 Jahren wieder auf Walfang geht

Ein Wal wird im Hafen der japanischen Großstadt Kushiro abgeladen. Mehr als 200 Tiere sollen dieses Jahr noch folgen.
Bild: Masanori Takei, dpa

Plus Eine Flotte um die „Nisshin Maru“ ist in See gestochen, um bis Dezember mehr als 200 Tiere zu töten. Dabei ist den Japanern die Lust auf Wal längst vergangen.

Konomu Kubo sitzt in seinem Büro im Tokioter Hafenviertel und sagt, dass es Zeit wurde. „Zeit, dass unsere Schiffe wieder in See stechen konnten. Wir haben so lange darauf gewartet.“ Zufrieden blickt der ältere Herr mit der schmalen Brille in eine Vitrine. Walfiguren stehen darin, bemalt und unbemalt, abstrakt und detailgetreu. Kubos Blick streift eine Wand des Zimmers. Die Bilder, die dort hängen, zeigen Wale. Und die beiden Konservendosen, nach denen er nun greift... „Das hier ist gehacktes Walfleisch“, sagt er. „Es ist wirklich lecker.“

Schon bald, hofft Kubo, sollen solche Konservendosen überall zu finden sein. Denn nicht mehr lange, dann wird sein Schiff, die „Nisshin Maru“, zurück sein. Sie ist das Flaggschiff der japanischen Walfangflotte, die am 1. Juli in See stach. Konomu Kubo, der für das Walfangunternehmen Kyodo Senpaku arbeitet und als Sprecher des Branchenverbands fungiert, ist bester Dinge: „Wir könnten große Zeiten vor uns haben.“ Mit dem Walfleisch sollen schließlich Supermärkte, Restaurants und Schulkantinen im großen Stil beliefert werden. „So wie es auch früher war.“

Seit 1. Juli betreibt Japan wieder offiziell kommerziellen Walfang. Am Tag zuvor war der Austritt des Landes aus der Internationalen Walfangkommission, kurz IWC, in Kraft getreten. Grund war Japans Frust über das seit 1986 geltende Walfang-Moratorium. Tokios Delegierte argumentierten, dass das Verbot der kommerziellen Jagd seine Notwendigkeit verloren habe. Bryde- und Zwergwale seien nicht mehr vom Aussterben bedroht. Ein „nachhaltiger Fang“, den sich die IWC ohnehin zum Ziel gesetzt hatte, sei damit möglich. International stieß der Schritt auf heftige Kritik, Tier- und Umweltschützer reagierten entsetzt.

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Der Konsum von Walfleisch geht seit Jahren stetig nach unten

Im Tokioter Hafenviertel, wo Konomu Kubo sein Büro hat, klingeln die Telefone ohne Unterlass. Kubo und seine Kollegen führen Gespräche mit potenziellen Abnehmern der Wale und Wal-Nebenerzeugnisse. Es geht um Walöl, Walknochen, vor allem aber um Walfleisch. In der Branche herrscht Aufbruchstimmung. „Ein effizientes Handeln müssen wir erst wieder lernen“, sagt Kubo. „Wir waren ja drei Jahrzehnte aus dem Geschäft.“ Er sieht das so: Einige Jahre werde es wohl brauchen, bis man die klügsten Fangtechniken und wirksamsten Marketingstrategien gefunden habe. Dann jedoch würden die Preise fallen und die Qualität steigen. „Wal ist etwas Exquisites“, sagt Kubo. „Das müssen wir den Leuten verständlich machen.“

Ein Mann steht an der Theke eines auf Walfleisch spezialisierten Geschäfts in Toyonaka.
Bild: Kyodo, dpa

Es dürfte ein hartes Stück Arbeit werden. Der Konsum des Walfleisches zeigte über die Jahrzehnte in eine Richtung: nach unten. Nach dem Zweiten Weltkrieg, als Armut weitverbreitet war, diente Walfleisch als billige Proteinquelle in Schulen und Restaurants. In den 1960er Jahren erreichte der Verzehr mit rund 200.000 Tonnen pro Jahr seinen Höchstwert, Walfleisch machte damals knapp die Hälfte des gesamten Fleischkonsums in Japan aus. Es war beliebt. Ein Baseballspitzenteam – sein Name: Yokohama Whales – warb dafür.

Für viele Japaner ist Wal vor allem ein Zeichen der Armut

Mit zunehmendem Wohlstand und auch zunehmendem Einfluss aus dem Ausland änderte sich das: Japaner aßen lieber Rindersteaks oder Hamburger. Und so fiel allmählich die Nachfrage nach Walfleisch. Heute werden im Land pro Jahr etwa 5000 Tonnen davon verzehrt – selbst Pferdefleisch kommt häufiger auf den Teller. Die meisten jungen Japaner haben Walfleisch nicht einmal probiert. Nicht aus Tierschutzgründen oder gar Ekel; sie verbinden es schlicht mit einer längst vergangenen Zeit der Armut.

Wenige Kilometer von Konomu Kubos Büro entfernt drängeln sich im Hogeisan die Gäste. Es ist eines der bekanntesten Walrestaurants in Tokios Altstadt Asakusa, ein überschaubarer Laden, seit Jahrzehnten gut besucht. Die vollgekritzelten Wände erzählen kleine Geschichten. Lobeshymnen auf Walfleisch. „Saiko“, steht da, was sich mit „das Beste“ übersetzen lässt. Oder „oishii“, „köstlich“. Die Speisekarte listet Walfleisch in verschiedenen Zubereitungsweisen auf: als „sashimi“ in rohen Scheibchen, als „karaage“ in frittierten Stückchen oder als Eintopf mit Gemüse. Die Besucher des Restaurants sind allesamt höheren Alters. „Meine Generation ist mit Walfleisch aufgewachsen“, sagt Michio Kono, der Besitzer. 73 Jahre alt ist er, Nachkriegsgeneration. Hört man ihn reden, klingt er wie Konomu Kubo vom Walfangunternehmen Kyodo Senpaku. „Wir wollen jetzt versuchen, dass wir auch die jungen Leute dafür begeistern. Aber das wird schon!“ Der Geschmack von Walfleisch lasse sich wie eine Art „Wild aus dem Wasser“ beschreiben, schwärmt Michio Kono. Zugleich habe es Ähnlichkeiten zu Meeresfrüchten. „Walfleisch ist in Wahrheit was ganz Edles!“

Seit Jahrzehnten, es sind fünf, führt er das Hogeisan. Seine Kundschaft ist mit ihm gealtert. Walfleisch war in Japan immer erhältlich – trotz des Walfangmoratoriums. Denn als das Land in den 80er Jahren der Internationalen Walfangkommission beitrat, wurde auch beschlossen, dass man zum Schutz des kulturellen Erbes ein wissenschaftliches Programm zur Erforschung der Wale aufnehmen sollte. So stachen weiterhin jedes Jahr Schiffe in See, die offiziell Wissenschaft betrieben, jedoch mit gefangenen Walen zurückkehrten, deren Fleisch auf den Tischen von Restaurants wie dem von Michio Kono landete. Die Säugetiere sollten „weitestmöglich“ verwertet werden.

Tierschützer hielten die Fangerlaubnis für Forschungszwecke stets für einen Vorwand. Im Jahr 2014 erklärte der Internationale Gerichtshof in Den Haag die Praxis für illegal – und die japanische Regierung hatte es plötzlich eilig, das Walfangmoratorium entweder aufzuheben oder eben aus der Internationalen Walfangkommission auszusteigen.

So wird Walfleisch beispielsweise zubereitet.
Bild: Epa Franck Robichon, dpa

Walfänger und Restaurantbesitzer freuen sich darüber. Für die Walfänger bedeutet die neue Freiheit allerdings auch Ungewissheit. Und keineswegs ein lukratives Geschäft. 2013 dokumentierte die Nichtregierungsorganisation International Fund for Animal Welfare auf der Basis japanischer Regierungsdaten, wie über die Zeit die Subventionen für den Walfang gestiegen waren, die Nachfrage aber fiel. Trotz nachlassender Fangvolumen nahmen die Fleischvorräte zu. Allein im vergangenen Jahr lagen die Verluste bei mehr als zehn Millionen Euro. Nun, da der Walfang offiziell keine Forschung mehr ist, sondern ein Geschäft, entfallen demnächst die staatlichen Zuschüsse. Für die verbliebenen Walfangunternehmen stellt sich die Frage: Werden wir überleben, wenn wir unser Produkt, den Wal, auf dem freien Markt anbieten müssen?

Es geht um kulturelles Erbe, um jahrhundertealte Geschichte

Konomu Kubo und seine Kollegen im Tokioter Hafenviertel stellen sich diese Frage seit Ende des vergangenen Jahres, als Japan der Internationalen Walfangkommission den Rücken kehrte. „Wir haben zum Glück noch drei Jahre Zeit“, sagt er. „So lange wird uns der Staat noch weiterhin unterstützen.“ Kubo hat inzwischen die Konservendosen mit Walhack auf einem Tisch drapiert. „Wir brauchen jetzt eine gute Marketingstrategie. Wir müssen erklären, dass Walfleisch in Japan ein kulturelles Erbe hat mit jahrhundertelanger Geschichte. Auch, weil es sehr gesund ist.“

Der nationale Walfangverband, der in den vergangenen drei Jahrzehnten auch die jagenden Forschungsexpeditionen durchführte, hat Flugblätter und Gratisausgaben seines Branchenmagazins verteilt. In Zeitungen schaltet er Anzeigen, in sozialen Medien sollen Fotos der Fangexpeditionen für Aufmerksamkeit sorgen. Bisher aber, und das merkt Kubo, lässt die Vorfreude der allermeisten Japaner auf Walfleisch auf sich warten. Die Anrufe potenzieller Abnehmer können darüber nicht hinwegtäuschen. Weder haben Supermärkte bislang Walfleischkampagnen angekündigt noch ist von vielen Schulen bekannt, dass es in ihren Kantinen tatsächlich bald wieder Wal zu Mittag geben wird.

„Wir haben noch einen weiten Weg vor uns“, sagt Konomu Kubo, kurz bevor er sich aufmacht in eine Besprechung. Es ist ein Weg, von dem selbst die optimistischsten Walfänger nicht wissen, ob er den Anfang eines neuen Aufschwungs bedeutet oder aber das Ende einer ohnehin sterbenden Tradition.

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