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Tierparks

10.11.2017

Zoo der Zukunft: Managen Affen ihr Affenhaus bald selbst?

Wer beobachtet hier wen? In Philadelphia stolzieren Tiger durch solche gesicherten Röhren über die Köpfe der Besucher hinweg.
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Wer beobachtet hier wen? In Philadelphia stolzieren Tiger durch solche gesicherten Röhren über die Köpfe der Besucher hinweg.
Bild: Tom Mihalek, dpa

In Philadelphia spazieren Tiger in luftiger Höhe. In Augsburg gibt es eine spezielle Vogelvoliere. Zoo-Betreiber suchen neue Konzepte – auch wegen der Kritik von Tierschützern.

Hat schon was, so ein Baumwipfelpfad. Man nimmt die Welt aus der Vogelperspektive wahr, in 30 oder 40 Metern Höhe, ein Gefühl, als spaziere man durch den Himmel. In Füssen gibt es so einen oder in Scheidegg im Westallgäu. Und in Philadelphia, der Millionenstadt im Osten der USA. Dort flanieren aber keine Urlauber über Holzplanken. Vielmehr flitzen Primaten – Lemuren, Sakis, schwarz-weiße Stummelaffen – durch Röhren aus stabilem Maschendraht. So eine Art Baumwipfelpfad also. Und unter ihnen starren Kinder hoch und kreischen vor Vergnügen. Ist das die Zukunft?

Fakt ist, die Primaten können dank einer solchen Anlage hunderte Meter außerhalb ihrer Gehege zurücklegen. Auch Amur-Tiger stolzieren in ähnlichen Konstruktionen über die Köpfe der Besucher hinweg. In vielleicht fünf Metern Höhe und natürlich nicht in denselben Röhren wie die Äffchen – könnte letzteren nicht bekommen. Mehr Auslauf für Wildtiere in Gefangenschaft, mehr Abwechslung, das ist in Philadelphia Teil des Zoo-Konzepts, das von vielen als vorbildlich gelobt wird.

Es ist ja so, dass Tierpark-Betreiber selten so stark unter Druck von kritischen Tierschützern und neuester Forschung standen wie in dieser Zeit. Aktivisten von Peta und Co. brandmarken Zoos als Gefängnisse. In sozialen Medien schlagen regelmäßig Wellen der Empörung hoch. Etwa, als im Zoo von Cincinnati 2016 der Gorilla Harambe erschossen wurde, weil ein Kind in sein Gehege gefallen war. Die Wärter sahen das Leben des Jungen in Gefahr.

Nun muss man festhalten, dass Langeweile Tiere krank macht. Und dass in vielen Zoos Betonböden und Gitterstäbe noch immer Alltag sind. Es gibt Zoochefs, die Mängel oder gar Missstände auf ihrem Gelände mehr oder weniger hinnehmen. Aber auch solche, die nach Auswegen suchen. Nur: Der Wandel kommt nicht von heute auf morgen. Die Balance zu finden zwischen Unterhaltung und Bildung, Artenschutz und Tierwohl fällt nicht leicht. Und selbst wenn diese gefunden wird, steht man am Ende vor der Frage: Wer soll das bezahlen?

Besucher können Tiere um sich herum entdecken

Besonders spannende Projekte laufen in den USA. Eine Idee, was den Zoo der Zukunft prägen könnte, gibt es eben in Philadelphia zu besichtigen. Dort setzen die Macher auf das Prinzip „Zoo360“. Besucher können dabei Tiere um sich herum entdecken. „Seit 2006 haben wir für unsere Großkatzen fünf verschiedene Außengehege durch unter- und oberirdische Gänge miteinander verbunden“, erzählt Zoo-Geschäftsführer Andy Baker. Löwen, Pumas, Leoparden und Jaguare tauschen mit den Tigern die Gehege. Manchmal mehrmals am Tag. Oder sie nutzen, wenn sie mögen, die luftigen Auslaufpfade. Pfleger regeln den Zugang über Gitterklappen.

„Unser Zoo ist nicht allzu groß, nur 17 Hektar, da müssen wir genau überlegen, wie wir den Platz optimal für die Tiere ausnutzen“, sagt Baker, der Verhaltensbiologe ist. Deshalb hat auch das Primatenhaus mit den Orang-Utans und Gorillas Baumwipfelgänge. „Wenn es den Affen im Winter zu kalt wird und sie im Affenhaus bleiben, steht dieser Pfad auch den Raubkatzen offen.“

Oben der Gorilla, unten der Tiger: So kann Zoo auch funktionieren. Diese Konstruktion gibt es im Tierpark in Philadelphia.
Bild: Philadelphia Zoo, dpa

In Amerika finden sich noch andere Beispiele, wie das Umdenken hin zu mehr Lebensfreude der Zootiere umgesetzt wird. Der Tierpark in Detroit etwa besitzt das weitläufigste Eisbärengehege der USA. Es ist größer als zwei Fußballfelder, das Becken ist tief und mit gekühltem Salzwasser gefüllt. Doch die Gehegegröße ist nicht alles, sagt Zoochef Ron Kagan. „Wenn man ein tolles Haus hat, aber ein fürchterliches Sozialleben, ist man nicht glücklich“, sagt er mit Blick auf die Tiere.

In Amerika ist längst nicht jeder Tierpark vorbildlich. Neben den 230 Zoos, die dem Verband AZA angehören, existieren rund 2000 kleine Straßenrand-Zoos. Sie müssen keine Auflagen für artgerechte Tierhaltung erfüllen. Dort werden Tiger und Orang-Utans oft in enge Käfige gepfercht. Für Geld dürfen Besucher Bärenbabys mit der Flasche füttern. „In den USA leben in solchen Zoos und als Haustiere mehr Tiger als in Asien in freier Wildbahn“, berichtet Wayne Pacelle, Chef der weltweit größten Tierschutzorganisation Humane Society of the United States. Gleichzeitig sagt er: „Gute Zoos können viel für Tiere tun.“

Manchen Kritikern geht der Wandel zu langsam. Zumal das Geld nicht immer so eingesetzt wird, dass es vielen Tieren hilft. So fließen weltweit Millionen in Versuche, Riesenpandas zu züchten. Vor allem durch künstliche Befruchtung kamen einige Babys zur Welt. Aber nur ein einziges ist bisher wieder ausgesetzt worden.

Artenschutz und Zucht werden von Zoodirektoren als wichtige Ziele genannt. „Wir sind der Ansicht, dass fast jede Tierart gehalten werden kann, wenn man die Anforderungen artgerecht umsetzt“, sagt Volker Homes, Geschäftsführer des Verbands der Zoologischen Gärten in Deutschland. Das einzigartige Merkmal von Zoos bleibe das lebende Tier. Exotischen Wildtieren zu begegnen, sei einfach faszinierend.

Der Chef in Bern sagt: Zoos sind für Menschen da

Der Berner Zoochef Bernd Schildger setzt das Konzept „Mehr Platz für weniger Tiere“ zwar konsequent um, winkt jedoch ab, wenn es um die Rolle von Artenschutz und Zucht geht. Er hält sie für überbewertet. „Zoos sind für Menschen da“, findet Schildger. Dabei gelte: Wer Tiere erlebe, tue eher etwas für deren Lebensräume.

Eine Aussage, die Barbara Jantschke so nicht treffen würde. Natürlich, sagt die Chefin des Augsburger Zoos, hat sich die Zoowelt weiterentwickelt. Allein, wenn man daran denkt, wie Gehege noch vor Jahrzehnten ausgesehen haben – mit gefliesten Böden und dicken Gittern. „Das kann man heute nicht mehr anschauen“, sagt Jantschke. Künftig gehe es vor allem darum, Aufklärungsarbeit und Artenschutz zu betreiben.

Seit 2009 fördert die Augsburger Einrichtung Freilandprojekte von Tierarten, die im Zoo gehalten werden – die Breitmaulnashörner in Uganda ebenso wie die Wiesenbrüter im Landkreis Donau-Ries. „Die Tiere im Zoo sind nur die Botschafter.“ Das allein aber reicht nicht, das weiß auch Jantschke. Weil sich auch die Erwartungen der Besucher im Laufe der Jahre geändert haben. Und weil so mancher schon im Urlaub Tiere gesehen hat, die früher noch als exotisch galten – Affen, Elefanten oder Kängurus. „Der Besucher erwartet heute, dass er näher an den Tieren ist, dass er sich in ihrem vermeintlich natürlichen Lebensraum bewegt.“

Auch in Augsburg versucht man, innovative Konzepte umzusetzen – wenn auch im kleinen Rahmen. Da ist die begehbare Vogelvoliere, die es seit zwei Jahren gibt, eine Waldlandschaft mit Flusslauf, überspannt von einem kaum wahrnehmbaren Edelstahlnetz, in der die Abdimstörche direkt über den Kopf hinwegfliegen und die Säbelschnäbler zu beobachten sind, ohne Zaun, ohne Barrieren. Vorbild waren die Kattas, die Halbaffen mit den langen geringelten Schwänzen, durch deren Reich die Besucher inzwischen spazieren. Kein Wunder, dass sie zu den Lieblingen unter den 1200 Tieren im Zoo zählen – mit Folgen. Inzwischen muss stets eine Aufsichtsperson in der Katta-Anlage sein, weil zu viele meinen, sie füttern und streicheln zu müssen.

Wo die Augsburger Zoo-Chefin ins Schwärmen gerät

Möglich aber, sagt Barbara Jantschke, wäre noch so viel mehr. Auch im kleinen Augsburger Zoo mit seinen 22 Hektar Fläche. Eine Regenwald-Halle, wie es sie in Zürich gibt. Oder wie im Leipziger Gondwanaland, wo man auf zwei Fußballfeldern einen tropischen Regenwald eins zu eins nachgebaut hat. Dort kann man sich auf einem Urwaldfluss treiben lassen, inmitten von 100 Tierarten und 21000 Pflanzen, und dann noch auf dem Baumwipfelpfad klettern. Jantschke gerät ins Schwärmen, wenn sie von solchen Traumprojekten erzählt, dort, wo sich der Besucher mitten im Lebensraum der Tiere befindet. Doch sie sagt auch: „Das ist einfach eine Kostenfrage.“

Das Geld ist im Augsburger Zoo schon seit Jahren knapp. 80 Prozent der Einnahmen erzielt er über den Eintritt, der Rest kommt von der Stadt, Sponsoren und über Patenschaften. Große Geldgeber, wie es sie im Münchner Tierpark Hellabrunn gibt, fehlen. Auch deshalb hat man in Augsburg so lange um das neue Elefantenhaus gerungen. Ein Projekt, von dem die Zoochefin gar die Zukunft des Tierparks abhängig machte. Sechs Millionen Euro darf es kosten, zwei Millionen schießt die Stadt zu. „Mit dieser Summe“, sagt Jantschke, „können wir nichts Großartiges anstellen.“

Wie viel Tiererlebnis, Freizeitpark und Bildung soll überhaupt sein? In Berlin locken der Zoo im Westen der Stadt und der Tierpark im Osten zusammen mehr als 4,5 Millionen Besucher pro Jahr an. Seit 2014 ist Andreas Knieriem ihr Chef. Zuvor hatte er die Zoos in Hannover und München modernisiert. Das jüngste Ergebnis seiner Arbeit ist der Panda Garden im Zoo, eröffnet im Juli. Besucher spazieren durch ein Eingangstor, das grüne Keramikdrachen krönen. Von Gittern keine Spur, es gibt Glasscheiben. Im Außengehege wogt ein Bambuswäldchen im Wind. 5000 Quadratmeter für ein Bärenpaar, zehn Millionen Euro für das Gehege. Männchen Jiao Qing lässt sich bambusmampfend fotografieren. „Den Bären haben wir da nicht angetackert, das macht der freiwillig.“

„Selbst die besten Zoos basieren auf der Grundidee von Gefangenschaft“: Zoo-Architekt Jon Coe im Orang-Utan-Haus von Louisville.
Bild: M. Gianelloni, dpa

Wie weit aber der Weg zum tierfreundlichen Zoo von morgen ist, zeigt ein kurzer Gang vom Panda Garden zum Raubtierhaus. Gelangweilt dreht ein Leopard in einem niedrigen Käfig mit Betonboden seine Runden. Im Gebäude sind die Käfige gekachelt. „Toilettencharme“, sagt Knieriem. „Wie im Gefängnis. Wir machen es unseren Kritikern leicht.“

Und wie geht es auf lange Sicht weiter, bei uns ebenso wie in den USA? Jon Coe ist Spezialist für die Gestaltung von Zoos. Viele Dutzend Tierparks weltweit tragen seine Handschrift. „Selbst die besten Zoos basieren auf der Grundidee von Gefangenschaft und Zwang. Das ist für mich ein fundamentaler Makel“, sagt der Landschaftsarchitekt. Baumwipfelpfade, wie er sie für Philadelphia entwarf, sind für ihn nur der Anfang. „Es geht darum, die Umgebung der Tiere noch reicher, vielfältiger zu machen, ihnen die Wahl zu lassen – auch dabei, sich zu ernähren“, fordert Coe. „Warum sollen die Affen ihr Affenhaus nicht selbst managen?“, fragt er. Implantierte Chips könnten ihnen helfen, an die passenden Futtermengen zu kommen. Und den Zugang zu den Baumwipfelpfaden zu öffnen.

Hat ja was dort oben. (mit dpa)

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