Es ist noch immer bitterkalt. Kahles Gestrüpp auf flachem Wiesenland ragt in den grauen Himmel. Nahe einer Straße steht eine verlassene Hütte. So einfach sie auch aussieht: Im Innern ist eine kleine Hightech-Zentrale untergebracht. Silberne Folien sind an die Wände genagelt, um die Wärme des Holzofens für die drei Soldaten zu halten. Abwehr-Drohnen, knapp 40 Zentimeter groß, stehen in Reih und Glied bereit. Sie sind aus schwarzem Kunststoff und sehen aus wie übergroße Gewehrkugeln mit vier Rotoren am Fuß. Daneben ist das Funkgerät aufgebaut, und auch die Ausstattung der Drohnen-Piloten liegt griffbereit.
Oleg ist hier der Chef der kleinen ukrainischen Truppe. Mit den Abwehr-Drohnen jagen seine Männer Shaheds, die Langstrecken-Drohnen der russischen Armee, die in Richtung der Stadt Dnipro fliegen. Tausende hat Russland schon in sein Nachbarland geschickt. Sie zerstören Schulen, Krankenhäuser und im Winter gezielt die Energieinfrastruktur. „Im Schnitt brauchen wir zwei bis drei Drohnen, um eine russische Shahed zu treffen. Jede Drohne, die wir treffen, rettet Leben. Aber eine verlorene Drohne von uns kostet 2000 Euro“, sagt der 27-Jährige.
Oleg sagt: „Nichts funktioniert, wenn die Logistik nicht effektiv ist. Da haben wir unsere Anna“
Dann geht es um die Logistik. Und schnell fällt ein Name: Anna. „Nichts funktioniert, wenn die Logistik nicht effektiv ist. Da haben wir unsere Anna. Die nebenbei eine Meisterin im Sammeln von Spenden für unsere Drohnen und Ausrüstung ist. Dass wir hier gut mit Abwehr-Drohnen ausgestattet sind, verdanken wir auch ihr“, fügt Oleg hinzu. Zustimmendes Murmeln bei seinen zwei Kameraden in der Hütte. Anna hat sich offensichtlich den Ruf als Mutter der Kompanie redlich verdient.
Man fährt etwa 20 Minuten über holprige Straßen, dann ist man bei ihr. Eine kleine Kate, in sicherer Entfernung von der Front, knapp außerhalb der Reichweite russischer Kamikaze-Drohnen. Hier ist Annas „Dienststelle“, ein einstöckiges Häuschen mit vier Zimmern. Auf dem Boden liegen grobe Dielenbretter, mit Farbe daumendick bestrichen. Ein Ofen bullert, doch richtig warm wird es nicht.
In den Stuben stehen Stockbetten für die Mannschaft. Daran hängen Uniformjacken. So könnte eine Soldatenunterkunft schon im Zweiten Weltkrieg ausgesehen haben. Nur, da lagen keine Drohnen auf dem Tisch, die für den Weitertransport zu Olegs Männern und andere Einheiten zusammengebaut werden. In der Ecke stand kein 3D-Drucker, der Drohnenteile ausspuckt.
Anna ist Prothesenträgerin, bei ihrer Geburt fehlte der Großteil eines Beines
Anna, 34 Jahre alt, steht zur Begrüßung in der Tür. Zwei blaue Augen blitzen hell dem Besucher entgegen. Unter der Camouflage-Mütze lugen blonde Haarsträhnen hervor. Anna wirkt ein wenig müde. „Es waren anstrengende Tage“, sagt die junge Frau. Dann gießt sie einen Tee in der engen Küche auf. Ihr Gang ist ein wenig eckig. Anna ist Prothesenträgerin, bei ihrer Geburt fehlte der Großteil eines Beines.
Die Soldatin trägt eine ukrainische Uniform. Doch ihr Pass ist ein belgischer. In Westeuropa ist sie aufgewachsen, geboren wurde sie in Polen. Ihre Eltern gaben sie als Kleinkind zur Adoption frei. „Schon als Kind wollte ich immer helfen“, sagt sie. Ihr Taschengeld schickte sie nach Guatemala, um einen gleichaltrigen Jungen zu unterstützen. Dann, als Erwachsene, war sie eine Zeit lang Sozialarbeiterin. Sie half Obdachlosen, als sie selbst keine feste Bleibe hatte. „Aber ich blieb immer auf der Suche, meine Lebensaufgabe zu finden.“
Dann, am 22. Februar 2022, begann die Vollinvasion. Russland weitete seinen Krieg gegen die Ukraine flächendeckend aus. „Ein Krieg mitten in Europa. Mein Gott, ich bin eine Europäerin. Ich konnte da doch nicht einfach beiseite stehen, bei diesem gewaltigen Unrecht“, sagt Anna.
Auf dem Tisch dampft der Tee in der Tasse. Es geht Anna ans Herz, was sie über den Ukraine-Krieg erzählt
Als sie den Tee in die Tassen gießt, berichtet sie gerade, wie sie als Helferin in den ersten Monaten der Invasion Geflüchteten half, die sich vor den Kämpfen in Sicherheit gebracht hatten. Irgendwann übernahm sie eine der gefährlichsten Aufgaben, die sie als Zivilistin in der Ukraine leisten kann: Menschen aus den Kampfgebieten zu holen. Nju-Jork, New York übersetzt, ist eine Kleinstadt, die Russland mittlerweile besetzt hat. Zumindest das, was davon übrig ist: ein Ruinenfeld.
„Es waren vor allem alte Menschen, die wir hier herausholten. Es wurde immer gefährlicher“, erzählt Anna. „Als wir bei der letzten Fahrt in die Stadt kamen, waren die russischen Truppen wenig mehr als 500 Meter entfernt. Es musste schnell gehen. Sehr schnell.“ Sie berichtet von den nahen Einschlägen, die den Boden zittern ließen. Wie das Auto mit hoher Geschwindigkeit zwischen Ruinen über den Asphalt bretterte. „Ein altes Großmütterchen stand da mit ihren großen Taschen neben sich. In der Hand hielt sie ein gerahmtes Familienbild. Das war alles, was sie von ihrem alten Leben mitnehmen konnte.“
Einer vom Team wollte zurückbleiben, um zu sehen, ob sich noch weitere Zivilisten in der umkämpften Stadt befinden. „Wir konnten ihn nicht davon abbringen. Russische Soldaten haben ihn getötet“, sagt Anna. Dann hält sie inne. Auf dem Tisch dampft der Tee in der Tasse. Es geht ihr ans Herz, was sie erzählt.
Ausgerechnet an Wladimir Putins Geburtstag, am 7. Oktober, unterschrieb Anna 2024 ihren Vertrag als Zeitsoldatin
„Schon als Mädchen wollte ich Soldatin werden. Andere zu beschützen, ist doch etwas Schönes, dachte ich mir“, wechselt Anna das Thema. Und erzählt, wie sie sich als Siebenjährige auf den Boden neben das Bett gelegt hat, um sich abzuhärten. „Jetzt will ich die Matratze meines Stockbetts nicht missen“, sagt sie mit einem Lächeln.
Ein Bekannter, der in der ukrainischen Armee dient, half ihr bei der Rekrutierung. Ausgerechnet an Wladimir Putins Geburtstag, am 7. Oktober, unterschrieb sie 2024 ihren Vertrag als Zeitsoldatin. „Sie nahmen mich trotz meiner Prothese. Aber natürlich setzt mir die Behinderung auch Limits. Zuerst war ich nach der Ausbildung zur Drohnen-Pilotin in einer Stellung, die im Herbst schon völlig im Schlamm lag. Da bleibt eine Prothese regelrecht stecken. Das funktionierte nicht“, sagt sie.
Im hart umkämpften Pokrowsk war sie trotzdem im Einsatz. „Es war wie ein böser Traum. Die ganze Stadt lag in Trümmern und ununterbrochen schlugen Granaten ein. Im Himmel surrten die russischen Drohnen. So viele sind gestorben.“
Und dann: eine Reise in eine Stadt ohne Krieg. „Es ist noch nicht so lange her, da erhielt ich Urlaub und durfte die Ukraine verlassen. Freunde hatten mich nach Paris eingeladen. Wir waren im Theater, als ich merkte, dass es nicht ging“, sagt sie. „Ich habe die Grausamkeit des Kriegs gesehen, und dann bin ich an einem Ort, an dem das niemanden zu interessieren scheint. Manchmal fühlte ich regelrecht, es stört die Menschen sogar, wenn ich vom Krieg erzähle. Ich drohte, in ihre Beschaulichkeit einzudringen. In der Metro hörte ich die Menschen über die kleinsten Nichtigkeiten klagen. Furchtbar.“
Anna sagt: „Die Ukraine muss bei einem aggressiven und imperialistischen Nachbarn wie Russland immer wehrhaft bleiben“
Eigentlich wollte sie nach dem Paris-Besuch noch ihre Adoptiveltern in Belgien besuchen. „Ich wollte ihnen noch so vieles sagen. Wenn man einen Krieg miterlebt, weiß man nicht, ob es dann noch ein Später dafür gibt. Der Tod ist oft nahe. Aber ich wollte so schnell wie möglich wieder in die Ukraine“, sagt Anna. „Ich kann hier viel bewirken. Was auch mit mir passieren wird, es ist gut.“
Dann erzählt sie noch, wie sie überall herumtelefonierte, als es wieder einmal nicht ausreichend Feuerlöscher gab. „Endlich hatte die letzte Stellung zwei Stück erhalten. Kurz darauf erhielten sie einen Einschlag. Die Soldaten haben mich angeschrieben: ,Danke. Ohne die Löscher wären wir verbrannt’.“
Als sie schon als Helferin in der Ukraine arbeitete, erfuhr sie, dass ihr Urgroßvater Ukrainer war. Anna hatte zu diesem Zeitpunkt einige Tausend Euro gespart. Sie spendete das Geld für den Ankauf eines gebrauchten Rettungswagens. „Er heißt nach meinem Großvater Josef und rettet seit fast drei Jahren Menschen“, sagt sie stolz.
Anna will sich für zehn Jahre bei der ukrainischen Armee verpflichten. „Ich hoffe nicht, dass der Krieg so lange dauert. Doch die Ukraine muss bei einem aggressiven und imperialistischen Nachbarn wie Russland immer wehrhaft bleiben. Das ist mein Ausblick auf die Zukunft“, sagt die Soldatin.
Der Schutzbunker ist ein umfunktionierter Gemüsekeller neben dem Haus
Dann gibt es Alarm. „Vielleicht besser, wenn wir in den Bunker gehen“, meint sie. Dieser ist ein umfunktionierter Gemüsekeller neben dem Haus. Davor ist alles spiegelglatt gefroren. Ein Kamerad reicht ihr den Arm zum Geleit. So geht es mit vorsichtigen Schritten zum Keller. Die Entwarnung folgt noch auf dem Weg dorthin.
Für Anna ist jetzt Dienstbeginn. „Heute werde ich wieder in den sozialen Medien versuchen, Spenden zu generieren. Nicht alles bekommen wir von der Armee. Doch wir brauchen Drohnen, Drohnen, Drohnen…“
Zum Abschied erzählt sie ihren Traum vom Frieden: „Ein winziges kleines Häuschen in der Natur, mit Hund und Hühnern, einem offenen Kamin für kalte Tage. Ein schönes und friedliches Fleckchen Land in der Ukraine.“
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