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Casamicciola
27.11.2022

Erdrutsch: Warum sich die Katastrophe in Ischia wiederholt

Eine Luftaufnahme zeigt die Zerstörung im Ort Casamicciola auf der süditalienischen Insel Ischia.
Foto: Salvatore Laporta, dpa

Es ist dunkel, als die Feuerwehr auf der italienischen Insel ausrückt. Bei Tag wird klar: Der Erdrutsch hat Häuser weggespült und Menschen in den Tod gerissen.

Im Sommer lassen sich hier tausende Touristen in mediterraner Atmosphäre durch die Straßen treiben. Am Sonntag glich Casamicciola auf der italienischen Insel Ischia einem Ort der Zerstörung. Das Fernsehen zeigte Bilder einer Katastrophe: Matsch und Geröll lagen auf den Straßen, auf den Bürgersteigen türmte sich Schlamm. Ein Bagger versuchte die Straßen in dem kleinen Ort für die Rettungsfahrzeuge befahrbar zu machen. Immer noch fließt braunes Regenwasser in Strömen Richtung Meer. Fernsehbilder zeigen, wie zwei Touristenbusse am Strand im Matsch feststecken.

Rettungskräfte auf Ischia neben einem Bus, der durch schwere Regenfälle weggeschwemmt wurde.
Foto: Salvatore Laporta/AP, dpa

Am Samstag hatte eine gewaltige Schlammlawine Häuser zerstört und Fahrzeuge ins Meer gespült. Von sieben Todesopfern war am Sonntagabend die Rede. Bereits am Samstag bargen die Rettungskräfte den Körper einer 31-Jährigen, die von dem Erdrutsch mitgerissen worden war. Am Sonntag wurden fünf Menschen geborgen, darunter zwei Kinder sowie ein 21 Monate alter Säugling. Zwei weitere Körper konnten lokalisiert, aber bislang nicht geborgen werden. Die Suche nach Überlebenden sollte auch in der Nacht zum Montag fortgesetzt werden. Insgesamt wurden vier Menschen verletzt. 167 Personen wurden von den Rettungskräften aus ihren Wohnungen gerettet, viele hätten durch die Schlammlawine ihr Zuhause verloren, teilte die Polizei Neapels mit. 

Die Lawine, die in den Morgenstunden des Samstags vom Monte Epomeo herabgegangen war, hatte rund 20 Häuser zerstört oder sogar ganz mit sich gerissen. „Es ist eine Tragödie“, sagte Enzo Ferrandino, Bürgermeister von Ischia. Auch der Gemeindepfarrer Don Gino Bellarmino war Zeuge des Desasters: „Es war wirklich schrecklich, der Erdrutsch hat Häuser mit Menschen drinnen fortgespült.“

Der Klempner kann sich noch aus dem Auto retten, bevor es ins Tal gespült wird

Dramatisch ist auch das in den sozialen Netzwerken kursierende Video eines über und über mit Schlamm bedeckten Mannes, der sich mit letzter Kraft in einer überfluteten Garage über Wasser hält. Nach Angaben von Augenzeugen soll es sich bei ihm um einen bekannten örtlichen Klempner namens Giuseppe handeln. Er wurde am frühen Samstagmorgen von den Schlamm- und Geröllmassen in Casamicciola überrascht und konnte sich offenbar im letzten Moment aus seinem Auto retten, das zu Tal gespült wurde. Feuerwehrmänner fanden den Klempner am Samstag in der Garage. „Giuseppe“ wurde mit schweren Verletzungen per Helikopter in ein Krankenhaus in Neapel geflogen.

In der Nacht von Freitag auf Samstag waren schwere Regenfälle über der Region Neapel niedergegangen. „Um drei Uhr morgens hörte ich einen lauten Knall, wie bei einem Autounfall“, sagte die Augenzeugin Lisa Mocciaro aus Casamicciola laut Corriere della Sera. „Das war der Erdrutsch. Dann um 5 Uhr ein zweiter Donner. Wir wollten zur Hintertüre raus, aber auch da kam der ganze Berg herunter. Wir sind nach oben in den dritten Stock zu unseren Nachbarn geflüchtet.“ Seit einigen Jahren passierten auf Ischia schlimme Dinge. „Man kann uns Inselbewohnern dafür aber nicht die Schuld zuschieben“, wurde Mocciaro zitiert.

Auf der italienischen Insel Ischia sind nach einem schweren Unwetter und Erdrutschen mehrere Menschen als vermisst gemeldet worden.
Foto: Italian Carabinieri/XinHua, dpa

Auf Ischia hatte es in der Vergangenheit an selber Stelle bereits schwere, von starken Regenfällen ausgelöste Schlammlawinen gegeben. 2006 starben dabei ein Familienvater und seine drei Töchter, 2009 kam ein 15-jähriges Mädchen ums Leben. 2017 zerstörte ein Erdbeben in Casamicciola zahlreiche Häuser, zwei Menschen starben. Nach Angaben des italienischen Instituts für Umweltschutz und Umweltforschung (Ispra) sind Ischia und die Gemeinde Casamicciola besonders von Erdrutschen gefährdet. Auf 60 Prozent des Gemeindegebiets bestehe „hohe“ oder „sehr hohe“ Erdrutschgefahr.

Experten zufolge liegen die Gründe dafür in einer Kombination aus natürlichen Bedingungen sowie menschlichem Versagen. „Der Zement ist schuld“, sagt etwa die an der Universität Neapel lehrende Geologin Micla Pennetta. Die vulkanische Erde der Insel sauge sich bei Regenfällen voll und werde instabil. Das Abholzen vieler Bäume habe zusätzlich Instabilität gebracht. „Die Zementierung des Bodens behindert die Fähigkeit des Untergrunds zum Aufsaugen, das Wasser reißt Erde und sonstiges mit sich und rast mit brutaler Gewalt zu Tal“, sagt Pennetta. „Ein so empfindliches Territorium darf nicht blind bebaut werden“, forderte der ehemalige Staatsanwalt Aldo De Chiara, der sich jahrelang für die Zerstörung illegaler Bauten auf Ischia eingesetzt hatte und deswegen Todesdrohungen ausgesetzt war. „Wenn es dann zu solchen Wetterphänomene wie am Samstag kommt, gibt es Katastrophen.“ 

Nach Angaben des Umweltverbandes Legambiente habe es in den vergangenen 30 Jahren auf Ischia 28.000 Anträge zur Legalisierung illegal errichteter Gebäude gegeben, davon allein 6240 in Casamicciola. Italienische Regierungen haben in der Vergangenheit immer wieder Wahlkampf mit dem Versprechen der Legalisierung illegal errichteter Häuser gemacht. Und nicht nur das. In einem 2018 verabschiedeten Hilfsdekret für die Opfer der Schäden des Erdbebens 2017 waren Mittel auch für die Eigentümer illegal errichteter Gebäude vorgesehen.

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