Vielleicht haben Sie sich gerade einen Kaffee gekocht, bevor sie angefangen haben, diesen Text zu lesen. Haben Wasser in die Maschine gefüllt und Pulver in den Filter, eine Tasse aus dem Schrank geholt, eingegossen, einen Schluck genommen, ein bisschen aus dem Fenster geschaut an diesem kalten Februartag. Seit dem Kaffee bis hierher könnten gut drei Minuten vergangen sein. Drei Minuten, die für Sie wahrscheinlich ziemlich unspektakulär waren. Für andere Menschen indes hat sich in dieser Zeit alles verändert. Denn alle drei Minuten wird in Deutschland eine Frau oder ein Mädchen Opfer häuslicher Gewalt.
Berlin am vergangenen Wochenende. Ein eisiger Wind pfeift über den Platz des 18. März und weht die blau gefärbten Strähnen, die sich unter ihr sonst blondes Haar mischen, aus der Stirn von Simone Ehrlich, die den Reißverschluss ihrer Fleecejacke nach oben zieht. Ehrlich steht an diesem Spätnachmittag vor dem Brandenburger Tor, um sie herum tausende Menschen, viele Touristen freilich, aber auch viele, die gekommen sind, um ein Zeichen gegen Gewalt an Frauen zu setzen. „One Billion Rising“ heißt die Aktion, sie findet weltweit statt, auf dem gesamten Globus gehen an diesem Tag Frauen auf die Straßen. Frauen wie Simone Ehrlich, die Gründerin des Vereins „Hope“, der Betroffenen Hoffnung, Mut, Zuversicht geben soll. All das hat auch Simone Ehrlich gebraucht. Ihre Geschichte wird sie gleich erzählen.
Fast täglich wird in Deutschland eine Frau getötet
Zunächst aber Zahlen. Denn jenseits der persönlichen Schicksale stehen nüchterne Tabellen. Daten, die, wenn man so will, die Geschichten einbetten, zeigen, dass es keine Einzelfälle sind. Gewalt an Frauen findet immer und überall statt. Auf Luxusinseln von Multimillionären in der Karibik genauso wie im Reihenmittelhaus in Berlin-Reinickendorf, in der Altbau-Maisonette in Schwabing, der Zwei-Zimmer-Wohnung in Duisburg-Süd, im ganzen Land, zu jeder Uhrzeit, an jedem Tag.
Fast täglich, das zeigen Daten des Bundeskriminalamtes (BKA), wird in Deutschland eine Frau getötet. Jenseits solcher Femizide brechen sich andere Formen der Gewalt Bahn – das Ausmaß ist erschütternd. Erst vor kurzem wurde vom BKA sowie dem Bundesinnen- und Bundesfamilienministerium eine neue Dunkelfeldstudie vorgestellt. Und die zeigt: Fast jede fünfte Frau hat in ihrem Leben Gewalt in einer Partnerschaft oder nach deren Ende erfahren. Fast jede Zweite wurde Opfer psychischer Gewalt. Und mehr als 62 Prozent der Frauen geben an, sexuell belästigt worden zu sein, fast jede sechste Frau berichtet von einem sexuellen Übergriff. Doch nur ein Bruchteil davon wird angezeigt. Gerade einmal fünf Prozent der Fälle landen bei der Polizei, der Großteil erscheint also nicht in der offiziellen Kriminalstatistik und bleibt im sogenannten Dunkelfeld. Viele Opfer schweigen. Lange. Manche für immer. Und sehr vielen Tätern passiert nichts.
Simone Ehrlich entschließt sich, den Vater anzuzeigen
Auch Simone Ehrlich hat lange geschwiegen. Hat verdrängt. Der Missbrauch habe begonnen, als sie ein kleines Kind war, zwei Jahre alt, erzählt sie. Das wisse sie, weil es davon Fotos gebe. „Und es hat nicht wieder aufgehört“, sagt Simone Ehrlich. „Mein Vater hat mich missbraucht, bis ich eine junge Frau war. Und nicht nur er, auch seine Freunde, an die er mich weitergereicht hat.“ Ihre Mutter, erzählt die heute 52-Jährige weiter, habe alles gewusst. „Sie war aber selbst Opfer häuslicher Gewalt, mein Vater hat sie geschlagen, sie hat dann alles gemacht, was er von ihr verlangt hat.“ Jahre später habe die Mutter eingestanden, dass sie viele Fehler gemacht habe. „Ich habe das schon als Entschuldigung verstanden, aber ich war nicht in der Lage, mit ihr länger zu sprechen“, sagt Simone Ehrlich, die in diesem Text mit ihrem richtigen Namen zu Wort kommen will. Um den Frauen, die so viel Leid ertragen müssen, eine Stimme zu geben.
Zwei Mal kommt Simone Ehrlich als Kind und Jugendliche ins Heim, aber auf den Druck der Eltern habe sie immer wieder zurück in die Familie zurückkehren müssen. Während eines Aufenthalts im Heim habe sie sich entschlossen, den Vater anzuzeigen. „Doch der sexuelle Missbrauch von Kindern und Jugendlichen wurde in der DDR oft vertuscht, totgeschwiegen. Es gab ihn offiziell nicht“, sagt Simone Ehrlich. „Und so wurde mein Vater nur wegen des Besitzes von Kinderpornografie verurteilt, der Missbrauch wurde gar nicht erwähnt. Drei Monate saß er im Gefängnis. Kurz vor dem Fall der Mauer war er wieder auf freiem Fuß.“ Mittlerweile sei er tot, die Mutter auch.
„Warum in aller Welt seid ihr so erschüttert? Ihr müsst uns nur mal zuhören“
Immer mehr Menschen strömen auf den Platz vor dem Brandenburger Tor, langsam wird es dunkel, der Wind frischt weiter auf. Viele der Frauen, die hergekommen sind, halten Plakate in die kalte Winterluft, „Nein heißt nein, egal, welche Klamotten ich trage“ steht auf einem, „Stoppt endlich die Gewalt gegen Frauen“ auf einem anderen, es ist ein Appell an die Politik. Berlins Regierender Bürgermeister Kai Wegner hat eine Videobotschaft geschickt, die auf großen Bildschirmen auf dem Platz übertragen wird. „Berlin ist die Stadt der Freiheit, und Freiheit bedeutet, ein selbstbestimmtes Leben zu führen, in dem kein Platz für Gewalt ist“, sagt er.
Simone Ehrlich indes weiß, dass sich die Gewalt den Platz nimmt. Ohne zu fragen. Dass das Thema derzeit – wegen des Falls Epstein und der eben erschienenen Memoiren von Gisèle Pelicot, die von ihrem Mann über Jahre betäubt, missbraucht und anderen Männern zu Vergewaltigung angeboten wurde – eine große Aufmerksamkeit bekommt, sei gut, sagt sie. Hoffentlich bleibe das so. Denn bisher sei die Entrüstung immer wieder abgeebbt, bis zum nächsten Skandal, der nächsten Studie, und dann sei das Erstaunen wieder groß gewesen. „Und wir Betroffenen stehen dann immer da und denken: Warum in aller Welt seid ihr so erschüttert? Ihr müsst uns nur mal zuhören.“
„Nicht die Täter werden angeprangert, sondern ich, die es wagt, den Mund aufzumachen“
Jemanden zu finden, der zuhört, ihr glaubt, sie ernst nimmt, das versuchte Simone Ehrlich erneut, als sie Anfang 30 war. „Da wollte ich das Ganze nochmal zur Anzeige bringen. Aber im Rückblick muss ich sagen, dass mich das noch mehr traumatisiert hat.“ Simone Ehrlich muss damals viele Fragen beantworten, an welchen Tagen, zu welchen Zeiten der Missbrauch stattgefunden habe, will man vor ihr wissen. „Ich habe gesagt, dass ich mir das nicht aufgeschrieben habe. Weil es ja ständig passiert ist. Mir wurde dann erklärt, dass richtige Beweise fehlen. Aber wie bitte soll es die geben?“ Der Fall wird also von der Staatsanwaltschaft eingestellt. Als Simone Ehrlich weiterspricht, merkt man ihr an, wie fassungslos sie ist, aber auch wie wütend, traurig. „Mein Gefühl damals war, ich stehe an der Wand und habe eine Knarre am Kopf. Und mir glaubt hier gar keiner. Und nicht die Täter werden jetzt angeprangert, sondern ich, die es wagt, den Mund aufzumachen.“ Deswegen, glaubt sie, gingen auch so wenige Frauen zur Polizei. „Weil einem niemand glaubt. Den Tätern passiert oft nichts. In der Theorie haben wir die Gesetze, aber in der Praxis werden sie nicht angewandt.“
Der Staat verspricht derweil, künftig härter gegen Gewalttäter vorzugehen. Bundesinnenminister Alexander Dobrindt (CSU) etwa will Männer, die Frauen mit K.-o.-Tropfen betäuben, künftig so bestrafen, als hätten sie eine Tat mit einer Waffe verübt. Familienministerin Karin Prien (CDU) kündigte an, für die Modernisierung und den Ausbau von Frauenhäusern 150 Millionen Euro bereitzustellen.
In Berlin gibt es viel zu wenige Frauenhausplätze - hilft das Geld der Regierung?
Das sei auch dringend nötig, sagt Nua Ursprung, Sprecherin der Berliner Initiative gegen Gewalt an Frauen (BIG). „Das Geld für den Ausbau ist längst überfällig“, sagt sie. Doch es gebe ein grundsätzliches Problem, das nicht angegangen werde. „Die Maßnahmen der Regierung setzen erst an, wenn Frauen schon Gewalt erlebt haben. Wir sagen tagein, tagaus, dass wir mehr Geld in die Prävention von Gewalt stecken müssen.“ Bis vor Kurzem habe es ein Projekt gegeben, in dem mit Grundschulkindern gearbeitet und ihnen beigebracht wurde, wie sie sich in Konflikten gewaltfrei verhalten und mit komplizierten Gefühlen umgehen. „Das ist die sicherste Methode, um zu verhindern, dass Menschen im Erwachsenenalter gewalttätig werden. Doch das Geld dafür wurde uns nun gestrichen“, sagt Ursprung. Das Projekt war vom Land Berlin gefördert worden, warum die Mittel eingestellt wurden, dafür habe es keine Begründung gegeben.
Pro Monat rufen etwa 700 bis 900 Menschen beim BIG an. Davon sind etwa zwei Drittel direkt Betroffene, ein Drittel sind Unterstützer, sowohl Privatleute als auch Fachkräfte. „Was wir anbieten können, hängt davon ab, was die Betroffene sich wünscht. Wir lassen uns die Situation schildern und schätzen ein, wie hoch die Gefährdung ist.“ Manche rufen an und wissen bereits, dass sie einen Schutzplatz brauchen. „Dann schauen wir, ob es einen gibt - leider gibt es sehr oft keinen. In Berlin haben wir nur etwa die Hälfte der Schutzplätze, die wir bräuchten. Eine Warteliste gibt es nicht, man muss dann immer wieder anrufen.“ Wenn kein Platz zu finden ist, wird gemeinsam nach Alternativen gesucht, etwa eine Freundin, bei der man kurzfristig unterkommen kann oder eine Kollegin, deren Adresse der Täter nicht kennt.
Bis heute fällt es ihr schwer, Vertrauen zu fassen
Auf dem Platz vor dem Brandenburger Tor ist es dunkel geworden, eine Tanzgruppe betritt die Bühne in der Mitte des Platzes, um mit den Besuchern eine gemeinsame Choreografie einzustudieren, für einen Flashmob, einen gemeinsamen Tanz, ein gemeinsames Zeichen. Dass man Zeichen setze, sei wichtig, sagt Simone Ehrlich, die vor dem Stand ihres Vereins „Hope“ steht und Flyer verteilt. Den Verein hat sie im Jahr 2022 gegründet, zusammen mit anderen Betroffenen. Der Weg dahin war lang. „Ich habe immer mal versucht, eine Therapie zu machen“, erzählt Simone Ehrlich. „Aber ich habe die dann immer wieder abgebrochen, weil es irgendwie nicht tief genug ging.“ Irgendwann habe sie eine Frau kennengelernt, die sie seither, seit mittlerweile 20 Jahren, begleitet, eine Sozialpädagogin, die durch ihre Arbeit oft mit dem Thema Missbrauch zu tun hatte. „Und da hat sich ein Vertrauensverhältnis aufgebaut, sodass ich da dann irgendwann ganz vorsichtig sprechen konnte. Es hat Stunden gedauert.“
Bis heute falle es ihr schwer, Vertrauen zu anderen Menschen zu fassen, vor allem zu Männern. „Ich weiß, nicht alle Männer sind scheiße. Ich schere die nicht über einen Kamm. Aber ich bin natürlich sehr misstrauisch. Wenn das Urvertrauen so zerstört worden ist, dann ist das schon schwierig.“ Den meisten Menschen begegne sie zunächst mit Skepsis. „Aber bei manchen gelingt es mir dann, dass ich mich öffnen kann.“ Körperliche Berührungen seien „ganz, ganz schwierig“, sagt Simone Ehrlich. „Aber von manchen wenigen kann ich eine Umarmung annehmen.“
Wenn Sie bis hierher, bis zum Ende dieses Textes, gelesen haben, dann dürften etwa acht Minuten vergangen sein. Vielleicht neun, wenn Sie sich zwischenzeitlich noch einen Kaffee geholt haben. In dieser Zeit sind in Deutschland drei Frauen Opfer häuslicher Gewalt geworden.
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