Newsticker

Bundesregierung erklärt fast ganz Österreich und Italien zu Risikogebieten
  1. Startseite
  2. Politik
  3. 270 Russen sind in der Ukraine gefallen - mindestens

Ukraine-Konflikt

23.04.2015

270 Russen sind in der Ukraine gefallen - mindestens

Panzer der prorussischen Separatisten in Donezk.
2 Bilder
Panzer der prorussischen Separatisten in Donezk.
Bild: Archivbild: Alexander Ermochenko (dpa)

Tausende Russen sind freiwillig in den Kampf in der Ostukraine gezogen. Sie wollten Geld verdienen, Orden mitbringen. Doch sie fanden vor allem den Tod.

Wie Maxim Korjagitschew mit der schwarzen Adidas-Mütze auf dem Kopf durch seine Stadt Wladimir spaziert, sieht er aus wie jeder andere hier. Vielleicht etwas sehr schmal für einen 24-jährigen russischen Mann, vielleicht etwas zu lieb sein Gesicht. Jedenfalls würde niemand darauf kommen, dass Maxim im Krieg war.

Maxim führt zum „Goldenen Tor“, einem Trutzbau im Zentrum der über tausend Jahre alten Stadt. Von hier sei schon 1169 die Landwehr nach Kiew gezogen, erzählt er begeistert. „Sie haben damals Kiew geplündert und sind dann sehr reich zurückgekehrt.“ Er wird immer wieder erzählen von diesem Marsch auf Kiew in den kommenden Tagen. Weil das seiner eigenen Geschichte etwas mehr Sinn gibt.

Maxim gehört zu den vielen Tausend Russen, die sich auf den Weg in den Donbass machten, um dort gegen die ukrainische Armee zu kämpfen. Für Geld, für Neurussland, gegen die Ödnis des Alltags. Mitgebracht von dort hat Maxim zwei kleine Knubbel, die er sich in die Ohren stecken muss, um ordentlich zu hören. Glück gehabt. Nur das Gehör hat gelitten. Tausende andere haben Beine oder Arme verloren oder sind in Zinksärgen aus diesem unerklärten Krieg zurückgekommen.

Lesen Sie jetzt: Die heutige Ausgabe Ihrer Tageszeitung als E-Paper.
Lesen Sie jetzt: Die heutige Ausgabe Ihrer Tageszeitung als E-Paper.

Meldungen vom Krieg in "Neurussland"

Jetzt sitzt er mit einer Tasse Tee in seiner hübschen Wohnung im zwölften Stock eines Neubaus am Ostrand der Stadt. „Wir sind alle in der Erwartung aufgewachsen, dass diese gemütliche Schäbigkeit des Mittelschicht-Daseins nur etwas Vorübergehendes ist, dass eines Tages das wahre Leben an die Tür klopft“, sagt er und klickt sich an seinem Laptop durch die jüngsten Kriegsmeldungen aus „Neurussland“. Oben im Bücherregal steht ein Bild aus jener Zeit: Er mit zwei anderen Kämpfern in Camouflage, hinter seinem Rücken lugt der Lauf einer Kalaschnikow hervor. Es soll irgendwie verwegen wirken, aber selbst da sieht Maxim eher lieb aus.

„Wollen die Russen Krieg?“ heißt ein in Russland berühmtes Lied. Es ist natürlich eine rhetorische Frage, die jeder ordentliche Russe mit Nein beantworten wird. Das Lied aus den 60er Jahren besingt das friedfertige russische Volk, das immer nur zu den Waffen griff, wenn es attackiert wurde.

In den Schaufenstern von Wladimir hängen Plakate mit einer weißen Taube: Sie ist das Symbol im Gedenken zum „70. Jahrestag des Sieges“. Keine Frage: Russland wurde von Napoleon bis Hitler immer wieder angegriffen, aber die Russen führten auch selbst imperiale Kriege, den letzten großen in den 80er Jahren in Afghanistan. Es folgten zwei – von beiden Seiten – brutale Kriege in Tschetschenien und 2008 der Krieg in Südossetien. Die Russen schlugen die Georgier zurück, die den abtrünnigen Landesteil zurückholen wollten. Seit jenem August 2008 wartete Maxim auf die nächste Gelegenheit. Damals lag er am Schwarzmeerstrand bei Sotschi in der Sonne und sah die Panzer in Richtung Georgien rollen. 18 Jahre alt war er damals und wollte sich sofort als Freiwilliger melden. Aber der Krieg dauerte nur acht Tage.

Maxim durfte nicht mit der Armee in den Krieg: Wegen seiner Spreizfüße

Maxim studierte dann Geschichte – und kniete sich tief hinein. Warum ist er nicht Touristenführer geworden? „Zu schüchtern“, sagt er. Warum nicht Geschichtslehrer? „Zu wenig Geld.“ Stattdessen ging er in das riesige Heizkraftwerk TEZ, dessen Schlote am Rande der Stadt rauchen. Sein Vater verschaffte ihm einen Job im Einkauf. „Preise vergleichen: Elektronik, Rohre, Kugelschreiber, alles mögliche“, sagt er. Ein gut bezahlter Job, aber todlangweilig. Und meilenweit entfernt vom Heldentum seines Vaters. Der hat einen hohen Posten im TEZ. Er hat ihm seine Wohnung geschenkt. Aber das Wichtigste: Er hat Ende der 80er Jahre in Afghanistan gegen die Mudschaheddin gekämpft. Rückblickend war dieser Krieg der Sowjetunion sinnlos. Aber geblieben sind die Orden in der Schublade. Maxim hat keine Orden. Maxim haben sie nicht einmal in der russischen Armee genommen, wegen seiner Spreizfüße.

Nach der Krim-Annexion weiß Maxim, dass er kämpfen will. Gebannt verfolgt er den eskalierenden Konflikt. Im März 2014 war zudem seine Stelle gestrichen worden, Maxim ist 23 und frei wie ein Vogel.

Anfang August fährt er mit dem Zug nach Rostow am Don und meldet sich dort bei einer Rettungsstation des russischen Katastrophenschutzministeriums, wo sich zu diesem Zeitpunkt schon hunderte Freiwillige tummeln. Von dort geht es im Bus nach Donezk. Eine russische Grenzerin sagt nur trocken: „Oh, neues Kanonenfutter.“ Da läuft es Maxim kalt den Rücken hinunter.

In Donezk werden er und die anderen in einem Wohnheim untergebracht. Immer wieder kommen Kommandeure der Separatistenbataillone, um sich Kämpfer abzuholen. „Aber ich habe gemerkt: Die suchen wirklich nur Kanonenfutter, weil sie so hohe Verluste haben“, erzählt er. Schließlich lernt Maxim auf der Straße den Kommandeur einer rein russischen Einheit kennen und lässt sich anwerben.

Mit einem Minenwerfer ausgestattet, werden die Freiwilligen nahe der Stadt Ambrosijewka ausgesetzt, wo die ukrainische Armee in einem Kessel steckt. Maxim steckt eine Mine nach der anderen in das Rohr, die pfeifend in Richtung Ukrainer fliegen. Aber niemand hat den Jungs erklärt, dass sie nach spätestens dreißig Schüssen die Position wechseln müssen. Die Ukrainer schießen zurück, es rummst, Maxims Kommandeur liegt tot hinter einem Busch und ihm selbst läuft das Blut aus den Ohren. Maxims Krieg ist vorbei. Sein Vater erfährt von Maxims Abteilungsleiter, dass er im Donbass gekämpft hat. Er beschimpft ihn, weil er sein Leben aufs Spiel setzte. Und Maxim hat auch keine Orden mitgebracht. Nur diese zwei kleinen Stöpsel. 60 Prozent Gehörverlust, irreversibel, sagen die Ärzte.

Maxim glaubt an ein "imperiales Russland"

Was hat dir der Krieg gegeben, Maxim? Da lacht er etwas unbeholfen. „Eine kaputte Gesundheit. Und das Gefühl, dass ich dafür gekämpft habe, woran ich glaube.“ Woran? „An ein imperiales Russland. Daran, dass wir Gebiete zurückholen, die zu Russland gehören.“

Glaubt er, dass er gegen ukrainische Faschisten gekämpft hat? Maxim lächelt. Nein, das sei nur die offizielle Version. Noch im Sommer 2013 war er ja selbst in Kiew bei der Hochzeit einer Cousine. An seinem Kühlschrank hängt noch ein Magnet mit drei lustigen Kosaken, ein Mitbringsel von damals.

Vor drei Jahren hat Maxim noch Aufkleber mit dem Slogan „Einiges Russland – Staat der Gauner und Diebe“ an Wände geklebt. Aber nach der Wiederwahl Putins im März 2012 war alles gelaufen. Auch Alexej Witner hatte früher wenig übrig für Putin. Aber am 24. Juli letzten Jahres, da zog er für diesen Staat in den Krieg. „In Friedenszeiten verstehen die Russen einander nicht. Aber wenn es Krieg gibt, dann ziehen wir an einem Strang“, sagt er in seinem Häuschen in der Altstadt. Er trägt einen olivgrünen Armeepullover, an den Ärmeln das Abzeichen von „Neurussland“.

Als der Krieg beginnt, leitet Witner einen Sicherheitsdienst und bekommt jeden Monat das stolze Gehalt von 70000 Rubel (damals um die 1600 Euro), und doch ist er nicht zufrieden. „Die Menschen betrügen einander“, sagt er. Es klingt, als habe er lange darauf gewartet, dass es endlich mal eine gemeinsame Sache geben könnte. Als das russische Fernsehen zeigt, dass die ukrainische Armee über Donezk Phosphorbomben einsetzt, geht er zu seinem Chef und kündigt. Was er dann genau getrieben hat im Donbass, das will er nicht erzählen. Orden hat er jedenfalls keine, nur eine ukrainische Flagge als Trophäe. Er rechnet damit, dass die Kämpfe weitergehen. Dann will er zurück.

270 getötete Freiwillige aus Russland listet die Seite „Lostivan.com“ auf. Aber die wahre Zahl dürfte weitaus höher liegen. Dabei haben Leute wie Alexej oder Maxim diesen Krieg nicht entschieden. Das waren Profis. Sogenannte „Urlauber“, also russische Soldaten, die im „Urlaub“ zum Kämpfen in den Donbass fuhren. Und reguläre Truppen, die in wichtigen Momenten mit ihren Panzern über die Grenze kamen und direkt in die Kämpfe eingriffen.

Maxim hat alles mit eigenen Augen gesehen: Als er am Minenwerfer stand, flogen über seinen Kopf von russischer Seite die Uragan-Raketen in Richtung der ukrainischen Einheiten. Und dann hat er noch dieses Video gemacht, als er nach seiner Verletzung die russische Grenze überschritten hatte: Im Schein der Straßenlaternen rauschen russische Panzer mit übermalten Hoheitszeichen vorbei. Dann dreht Maxim die Kamera, man sieht sein freudig erregtes Gesicht, dann wieder die Panzer. „Natürlich sind sie in Richtung Ukraine gefahren“, sagt er heute.

Wie viele Freiwillige aus Russland im Donbass gekämpft haben, kann nur geschätzt werden. „Lostivan“ listet 3500 Namen auf, der russische Schriftsteller Sachar Prilepin sprach im November von 35000. Allein für die Stadt Wladimir gibt Lostivan acht tote Kämpfer an, davon zwei Mitglieder der Armee.

Einer von ihnen liegt auf dem Ulybischewo-Friedhof, einem riesigen Areal im Kiefernwald außerhalb der Stadt. Roman Selesjnow, gefallen am 25. August 2014, mit 22 Jahren. Die offizielle Version des Verteidigungsministeriums lautet: gestorben beim Manöver im Gebiet Rostow. Aber das hat schon damals niemand geglaubt.

Themen folgen

Die Diskussion ist geschlossen.

Das könnte Sie auch interessieren