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Abitur

06.05.2017

„Auf den Unterricht kommt es an“

„Die Reform kostet 870 Millionen. Das ist rausgeschmissenes Geld.“Olaf Köller

Bildungsforscher Olaf Köller hat untersucht, ob acht oder neun Jahre Gymnasium für Schüler besser sind. Sein Ergebnis stellt Bayerns Rückkehr zum G9 infrage

Herr Köller, Sie haben alle Studien ausgewertet, die sich in den vergangenen Jahren mit dem Thema G8/G9 befasst haben. Wissen Sie jetzt, welches System das bessere ist?

Wenn man sich die Literatur insgesamt anschaut, sieht man, dass die Reform von G9 zu G8 weder Vor- noch Nachteile brachte. Die Schüler haben davon nicht groß profitiert – abgesehen davon, dass sie etwas früher ihr Abitur machen. Aber alle Vergleiche zeigen, dass die Schüler das Gymnasium in acht Jahren genauso erfolgreich durchlaufen wie im G9.

Ein Grund für die flächendeckende Einführung des G8 um die Jahrtausendwende war, dass die Schüler eher in Studium und Beruf starten können. War die Verkürzung der Lernzeit in dieser Hinsicht erfolgreich?

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Grundsätzlich ja, die Abiturienten sind heute im Schnitt zehn Monate jünger. Aber das heißt nicht, dass sie früher anfangen zu studieren. Viele machen ein soziales Jahr oder nutzen die gewonnene Zeit sonst irgendwie. Das Alter der Studienanfänger hat sich über Deutschland hinweg kaum geändert. Männliche Studenten sind im Schnitt etwas jünger, aber das hat vor allem mit dem Wegfall des Wehrdienstes zu tun.

Wenn die Dauer der Schulzeit egal ist: Warum sind mehrere Bundesländer ganz oder teilweise zum G9 zurückgekehrt?

Auf politischen Druck der Eltern. Diese haben das Gefühl, dass der Leistungsdruck ihres Kindes etwas mit dem G8 zu tun hat, und erkennen nicht, dass das Gymnasium immer Leistungsdruck aufbaut. All die Studien, die G9 und G8 vergleichen, zeigen, dass die Schüler im G9 genauso gestresst sind. Aber die Politik muss dem Druck der Eltern nachgeben. Politiker können nicht nur der Wissenschaft glauben, sie müssen gewählt werden.

In Bayern wollten 90 Prozent der Eltern für ihre Kinder das neunstufige Gymnasium zurück. Sind sie völlig falsch informiert?

Die meisten haben keinen Vergleich zwischen den beiden Gymnasialsystemen. Sie argumentieren postfaktisch – wie Donald Trump, der die Studien zum Klimawandel leugnet. Noch einmal: Es gibt keinen einzigen Befund, der den Schluss zulässt, dass das G8 mehr Leistungsdruck erzeugt. Dieser entsteht eher beim Übergang von der Grundschule aufs Gymnasium.

Was ist mit dem Argument, dass im G8 der Stoff nur durchgepaukt statt vertieft behandelt werden kann? Gerade Lehrer beklagen das als Problem.

Wenn das so wäre, müsste es sich in den Leistungen der Schüler niederschlagen. Im Schnitt sind aber auch die nicht schlechter. Ich würde eher sagen, dass nirgends so viel Zeit verplempert wird wie im G9.

Was entscheidet denn dann über den Erfolg der Schüler?

Die Qualität des Unterrichts. Die Frage, ob die Lehrer gut genug ausgebildet sind, um einen lernförderlichen Unterricht zu machen. Sie brauchen natürlich ein Mindestmaß an Zeit dafür, das ist unbestritten. Aber man kann auch mit einem verdichteten Lehrplan sehr erfolgreich unterrichten. Strukturreformen kosten immens Geld und sorgen für große Unruhe im Kollegium, aber für keinerlei Veränderung bei den Schülern.

Die geplante Schulreform kostet den Freistaat rund 870 Millionen Euro. Wird das Geld Ihrer Ansicht nach unnötig ausgegeben?

Ja, das ist rausgeschmissenes Geld. Die Frage ist: Wo gebe ich meine Ressourcen hin? Wenn man das Geld nutzen würde, um Lehrer zu professionalisieren, würden die Schüler auch mehr lernen. Interview: Sarah Ritschel

ist seit 2009 Direktor des Kieler Leibniz-Instituts für Pädagogik und Professor für Empirische Bildungsforschung an der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel. Für die Förderstiftung „Mercator“ analysierte er 40 Statistiken und Studien, in denen Schüler und Eltern ihre Erfahrungen mit der Gymnasialreform schildern.

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