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D-Day
06.06.2014

Die Normandie - 70 Jahre nach dem D-Day

Martine Gripari erklärt Touristen, wie die Alliierten an der französischen Atlantikküste landeten.
Foto: Birgit Holzer

Fischerorte an der normannischen Küste haben seit dem 6. Juni 1944, dem D-Day, einen Platz in den Geschichtsbüchern. Millionen Touristen besuchen dort alljährlich die Gedenkstätten.

„Was sind nur diese Beton-Dinger im Meer?“  Die verwunderte Frage stellte sich Martine Gripari, als sie das erste Mal nach Arromanches in der Normandie kam und die Kästen erblickte, die dort aus dem Wasser ragen. Das war zu Beginn der 1970er Jahre. Seither lebt sie in der Gemeinde am Ärmelkanal und hat es sich zum Beruf gemacht, als Touristenführerin den Ursprung der eigenartigen „Beton-Dinger“ zu erklären.

Es handelt sich um die Überreste zweier in Großbritannien vorgefertigter künstlicher Hafenanlagen namens  „Mulberry A und B“, die am Tag nach der Landung der alliierten Truppen am 6. Juni 1944 errichtet wurden. Über Monate dienten sie als Rampen zur Entladung von Transportschiffen.

Zehntausende Soldaten, Fahrzeuge und tonnenweise Nachschubgüter konnten so an Land gebracht werden. Indem sie die Versorgung sicherstellten, kam ihnen eine wichtige Rolle bei der  „Operation Overlord“  zu, die eine Zweite Front der Anti-Hitler-Koalition eröffnete und damit die Befreiung Frankreichs von der Nazi-Besatzung und das Ende des Zweiten Weltkrieges einleiten sollte.

Ein kleiner Fischerort als größter Hafen der Welt  

„Dieser kleine Fischerort wurde zeitweise der größte Hafen der Welt“, sagt Gripari. „Die Betonblöcke im Meer sind noch immer ein bewegender Anblick für mich, weil sie für die enormen Anstrengungen der Alliierten stehen.“

 Heute, am 70. Jahrestag der Landung der alliierten Truppen an der normannischen Küste, bilden Weltkriegs-Relikte wie diese die Kulisse für die Gedenkfeierlichkeiten. Zu den Zeremonien am Jahrestag des D-Day – der englischen Bezeichnung für den „Tag X“, die sich international für das Datum 6. Juni 1944 eingebürgert hat – haben sich die Staats- und Regierungschefs von 17 am Krieg beteiligten Nationen angemeldet.

Obama, Merkel und Putin besuchen die Feierlichkeiten

Im Licht der aktuellen Ereignisse in der Ukraine bekommt die Liste der Teilnehmer politische Brisanz: Neben US-Präsident Barack Obama, Bundeskanzlerin Angela Merkel und Queen Elisabeth II. werden auch der russische Präsident Wladimir Putin und der neugewählte ukrainische Staatschef Petro Poroschenko dabei sein.

Gastgeber François Hollande hat gestern Abend zunächst Obama in einem Restaurant zum Abendessen getroffen und anschließend Putin im Élysée-Palast empfangen. In beiden Fällen war die Ukraine-Krise das zentrale Thema. Im Falle von Putin handelte es sich um das erste persönliche Zusammentreffen mit der Führung eines westlichen Staates seit dem umstrittenen Anschluss der Schwarzmeerhalbinsel Krim an Russland.

„Man kann Meinungsverschiedenheiten mit Wladimir Putin haben, aber ich werde niemals vergessen, dass das russische Volk Millionen Leben im Zweiten Weltkrieg gelassen hat“, erklärte Hollande im Vorfeld. Innenpolitisch stark angeschlagen, dürfte der französische Staatschef darauf setzen, sich beim D-Day-Jubiläum   zu profilieren. Eine Begegnung zwischen Putin und Obama in Paris ist allerdings nicht geplant. Das Verhältnis zwischen den beiden Präsidenten ist auf einem Tiefpunkt.  

Die Strände tragen noch die Codenamen von damals

Heute reihen sich den ganzen Tag lang Gedenkveranstaltungen an symbolträchtigen Orten aneinander: am Denkmal von Caen, auf den Soldatenfriedhöfen und am Küstenort Ouistreham, wo riesige Tribünen aufgebaut sind. Ouistreham war Anfang Juni 1944 von alliierten Fallschirmjägern eingenommen worden. Der Strandabschnitt dort heißt noch immer Sword. So, wie auch die anderen vier Strände an dem 80 Kilometer langen Landungsabschnitt der Alliierten bis heute die Codenamen von damals tragen: Gold, Utah, Omaha und Juno.

Die Vorbereitung der Invasion begann schon 1943. US-General Dwight D. Eisenhower hatte in der Endphase der Planung eigentlich den 5. Juni für den Sturmangriff auf den Atlantikwall der Deutschen vorgesehen. Doch ein schweres Tiefdruckgebiet bei Island warf die Planung durcheinander.  „Bei uns in der Normandie kann das Wetter, sagen wir, variabel sein“, erklärt Führerin Martine Gripari.

Mehr als 150.000 Soldaten landen in Frankreich

So starteten die Amerikaner ihre Offensive am 6. Juni um 6.30 Uhr, die britischen und kanadischen Truppen aufgrund der Gezeitenverschiebung eine Stunde später. Nach dem Eintreffen von mehr als 150000 Soldaten –   Amerikaner, Briten, Kanadier, Franzosen, aber auch Polen, Niederländer, Belgier und Norweger – begann eine gigantische, verlustreiche Schlacht. Statt wie geplant einen Monat dauerte sie fast drei Monate und endete mit der Einnahme der französischen Hauptstadt Ende August.

Mehr als zwei Millionen Soldaten standen sich in der Normandie gegenüber – doppelt so viele Menschen, wie in der Region lebten. Die Kämpfe forderten viele zivile Opfer. Neben der zu 80 Prozent zerstörten Stadt Caen wurden auch viele andere Kommunen stark in Mitleidenschaft gezogen. Bis heute zeugt die Gegend davon.

Soldatenfriedhöfe und Reste deutscher Bunkerbefestigungen

Oberhalb des Hafenbereichs von Arromanches stehen noch Überreste deutscher Bunkerbefestigungen. Auf Militärfriedhöfen erinnern weite Felder voller Kreuze an 200000 getötete Soldaten. 15 Museen in der Region widmen sich den Einzelheiten der grausamen Schlacht, dem zermürbenden Stellungskrieg, bei dem die jungen Männer massenweise dahingemetzelt wurden.

Seine tragische Geschichte weiß das Département Calvados heute für sich zu nutzen: Pro Jahr bringt der Gedenk-Tourismus geschätzt 200 Millionen Euro ein und zieht mehr als 5,2 Millionen Besucher an. In diesem Jubiläumsjahr kommen besonders viele zu den zahlreichen Veranstaltungen rund um das Kriegs-Thema – angefangen von Konzerten über Lichtspiele bis zu Radtouren.

In Colleville-sur-Mer wurde das Overlord-Museum eröffnet, im Kino 360° in Arromanches wird der Dokumentarfilm  „Die 100 Tage der Normandie“ gezeigt. Das Denkmal von Caen bereitet in einem neuen Ausstellungsbereich die Ereignisse didaktisch und multimedial auf, um sie vorstellbar zu machen.

Ein Zeitzeuge berichtet in einem Dokumentarfilm

Sam Gibbons, damals ein junger Hauptmann der 101. Fallschirmdivision, später US-Politiker, berichtet im Film aus eigenem Erleben: „Es war tiefschwarze Nacht, ein leichter Nebel stieg vom Boden auf. Ich sprang und mein Fallschirm öffnete sich mit einem lauten Schnalzen des Tuchs, das die Überlast meiner Kampfausrüstung anzeigte. Ich war 24 Jahre alt… Man hatte uns die Haare abrasiert. Die Chirurgen hatten erklärt, das sei praktischer, um Kopfwunden zu nähen.   Alle unsere Kleider, Unterwäsche und Socken inbegriffen, waren mit einem chemischen Produkt imprägniert worden, das uns vor Gasen schützen sollte, und wir rochen so schlecht wie eine Meute von Stinktieren.“ 

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