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Frankreich

02.04.2019

Der Mann, der den Anschlag auf Charlie Hebdo überlebte

Philippe Lancon hat den Anschlag auf Charlie Hebdo überlebt. Sein Unterkiefer musste mühsam rekonstruiert werden.
Bild: Christophe Archambault, afp

Der Kiefer von Philippe Lançon wurde bei dem Anschlag am 7. Januar 2015 zerfetzt. Nun hat der Journalist ein bewegendes, intimes Buch geschrieben.

Auf dem Flur sind Schreie zu hören, dumpfes Krachen. Es ist der Moment, in dem Philippe Lançon begreift: Sein Leben könne jetzt zu Ende sein. Und in dem ihm an jenem 7. Januar 2015 die Frage durch den Kopf rast: „Wie lange braucht man, um zu spüren, dass der Tod kommt, wenn man nicht mit ihm rechnet?“

Lançon hört die klickenden Geräusche der Schusswaffen, „keine lauten Explosionen wie im Kino, nein, dumpfe, trockene Böller“, die er nicht einzuordnen weiß. Ein letztes Mal blickt er Charb, den Chefredakteur des französischen Satiremagazins Charlie Hebdo an, ehe dieser erschossen wird. Jahre später schreibt Lançon: „Die wenigen Sekunden Leben, die ihm noch verblieben, reichten ihm, um zu begreifen, aus welchem elenden Comic diese beiden hohlen, vermummten Köpfe, die Fanatismus und Tod säten, kamen.“

Er überlebt schwer verletzt, weil die Mörder ihn für tot halten – wie er da liegt, in seiner Blutlache. Nach zwei Minuten der Schießerei, die ihm endlos lang vorkommen, fliehen die Männer. Zwei Tage später werden die Brüder Chérif und Saïd Kouachi von der Polizei entdeckt und getötet.

Für Philippe Lançon ist es die "Revanche des Lebens"

Minutiös beschreibt der Kunst- und Literaturkritiker in seinem Buch „Der Fetzen“ das Blutbad während einer Redaktionskonferenz von Charlie Hebdo, wo an jenem 7. Januar 2015 Frankreichs berühmteste Karikaturisten niedergemetzelt wurden. Vor allem aber schildert er, was danach passiert ist.

Zu einem Gespräch darüber ist der 56-Jährige gerne bereit, aber eines stellt er gleich vorneweg klar: Er hat einen kleinen Sohn und sein Tagesablauf richtet sich nach dessen Krippenzeiten. Das ist nicht nur wichtig, um einen geeigneten Termin und Ort zu finden – ein Pariser Café in der Nähe seiner Wohnung. Sondern so gibt er auch bereits Auskunft über die jüngste erstaunliche Wendung in seinem Leben: Dass er mit Mitte 50 zum ersten Mal und nach so vielen seelischen und körperlichen Prüfungen Vater geworden ist, gehört für Lançon zur „Revanche des Lebens“. Zu den Überraschungen, die es noch bereit hielt – ausgerechnet für ihn, der nach dem Anschlag mit allen Freuden, ja mit dem Leben an sich abgeschlossen hatte.

Bei dem Anschlag auf das religionskritische französische Satiremagazin „Charlie Hebdo“ wurden zwölf Menschen getötet.
Bild: Fredrik von Erichsen, dpa

Die Terroristen schossen ihm den Kiefer weg, verwundeten ihn am Arm und an der Hand. Der Anblick des zerfetzten unteren Drittels seines Gesichts veranlasste einen der herbeigerufenen Feuerwehrmänner zu dem entsetzten Ausruf: „Das ist eine Kriegsverletzung!“

Es war ein einseitiger, fanatischer Krieg, den die Brüder Kouachi Frankreich erklärt hatten und der Auftakt einer blutigen Terror-Serie, die in der Folge nicht nur Paris, sondern viele andere Städte treffen sollte. Die Islamisten griffen die Satirezeitschrift als Symbol der Presse- und Meinungsfreiheit an und „rächten“ den Propheten, den das Blatt häufig verspottet hatte, das sich seit jeher über alle Religionen und deren Vertreter lustig machte.

Zwölf Menschen ermordeten die beiden Täter, elf verletzten sie teils schwer, darunter Philippe Lançon. Während die Worte „Je suis Charlie“ („Ich bin Charlie“) um die Welt gingen und sich 1,5 Millionen Menschen in Paris zu einem Solidaritätsmarsch zusammenfanden, erlebte er das Drama als ganz persönliches. Und genau so schildert er es auch.

Aus einem Teil seines rechten Wadenbeins ist Lançons neuer Kiefer entstanden

Sein Buch, das in Frankreich bereits im letzten Frühjahr erschienen ist, wurde mit Literaturpreisen ausgezeichnet, mehrmals neu aufgelegt und ist nun auch auf Deutsch erschienen. Der rabiat klingende Titel „Der Fetzen“ stammt von Lançons Chirurgin Chloé, die im Buch eine zentrale Rolle einnimmt, weil er all seine Hoffnung in ihr Können setzt. In langwieriger Arbeit hat sie an die Stelle seines größtenteils weggerissenen Unterkiefers einen Teil seines rechten Wadenbeins transplantiert, um ihm wieder ein vollständiges Gesicht zu geben. 17 Operationen waren dafür nötig.

Wer frühere Fotos von Philippe Lançon mit seinem heutigen Aussehen vergleicht, sieht die Veränderung sofort; andernfalls deutet nur eine Markierung auf der Unterlippe die Verwandlung an. Über den Unterkiefer ist ein grau-schwarzer Bart gewachsen. „Salz und Pfeffer“ nennen die Franzosen diese Farbmischung im Haar von Männern mittleren Alters. Wenn Lançon lächelt, dann tut er es vor allem mit den Augen, während die Mundpartie weitgehend bewegungslos bleibt.

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