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Islamischer Staat

24.05.2020

Deutsche IS-Anhänger sitzen in Syrien fest

Dem sogenannten Islamischen Staat schlossen sich auch Extremisten aus Deutschland an. Etwa 1000 deutscher Bürger folgten den Terroristen nach Syrien und dem Irak.
Bild: dpa

Tausende ausländische IS-Anhänger sind in Syriens Kurden-Gebieten inhaftiert. Ihre Frauen und Kinder leben in Lagern, die humanitäre Not wächst.

Das letzte Lebenszeichen seines Sohnes erhielt Werner P. vor rund anderthalb Jahren. Damals schaffte es ein Brief über das Rote Kreuz aus einem Gefängnis in Syrien bis nach Baden-Württemberg, wo der 71-Jährige lebt. Seitdem aber: Funkstille. "Es gibt überhaupt keinen Kontakt, gar nichts", sagt er. 

Sein Sohn Dirk, Ende 30, ist kein gewöhnlicher Häftling. Vor etwa fünf Jahren zog er nach Syrien und schloss sich der Terrormiliz Islamischer Staat (IS) an. Heute zählt er wie Dutzende andere Deutsche zu den Hunderten ausländischen IS-Anhängern, die in den von Kurden kontrollierten Gebieten im Nordosten des Bürgerkriegslandes gefangen sind. 

Deutsche Extremisten in Syrien können kaum ausreisen

Noch immer ist unklar, was aus den Männern, Frauen und ihren Kindern wird. Die syrischen Kurden verlangen seit langem, dass die Heimatländer sie zurücknehmen. "Die internationale Gemeinschaft muss mit uns zusammenarbeiten, um diese komplizierte Frage zu lösen", fordert der Sprecher der von den Kurden dominierten Syrischen Demokratischen Kräfte (SDF), Kino Gabriel. Doch nach Deutschland sind erst wenige zurückgekehrt. Auch ein von den Kurden vorgeschlagenes internationales Tribunal wurde bisher nicht eingerichtet. 

Deutsche IS-Anhänger sitzen in Syrien fest

Ausreisen aus Syrien mit Unterstützung der Bundesregierung sind nach wie vor der Ausnahmefall. Im August vergangenen Jahres konnten vier Kinder, im November dann drei weitere Kinder mit ihrer Mutter über den Irak zurück nach Deutschland, wie es aus dem Auswärtigen Amt heißt. 

Syrien und Deutschland unterhalten keine diplomatischen Beziehungen

Das Außenministerium verweist darauf, dass es zu Syrien keine diplomatischen Kontakte gebe und Deutschland dort auch keine konsularische Vertretung habe. Man sei "auf die Mitwirkung einer Vielzahl unterschiedlicher Akteure" angewiesen, was sich aber derzeit schwierig gestalte, heißt es. "Hierzu stehen wir auch in Kontakt mit kurdischen Gruppen." Das Auswärtige Amt sei auch in Verbindung mit Familien von Betroffenen, sofern diese das wünschten. 

Werner P., der um die Abkürzung seines Nachnamens bittet, zeigt sich vom Außenministerium in Berlin enttäuscht. Dessen Verweise auf fehlende diplomatische Kontakte hält er für eine Ausrede. "Ich habe so einen Groll auf die Leute und den Eindruck, die tun gar nichts", schimpft der Fotojournalist. 

Seinen Sohn sah er zuletzt in Aufnahmen, die ein ARD-Team 2019 von Dirk P. in Syrien machte. Der Vater beteuert, sein Sohn habe nie an Kampfhandlungen teilgenommen, sondern dort orthopädische Schuhe für Verletzte hergestellt. In dem ARD-Interview zeigt sich Dirk P. reumütig. "Ich habe den wahren Wert von Deutschland erkannt, leider zu spät", sagte er. In die Hände der Kurden war er geraten, als er 2017 versuchte, von Syrien in die Türkei zu kommen. 

Vater fürchtet neue Radikalisierung seines Sohnes in Syrien

Der Vater befürchtet nun, dass sich sein Sohn Dirk im Gefängnis an der Seite anderer IS-Mitglieder "re-radikalisieren" könnte. Auch die Corona-Pandemie bereitet ihm Sorgen. Generell ist die humanitäre Not in der Region groß. In den Gefängnissen, oft umfunktionierte Schulen, hausen die Inhaftierten eng an eng. Mehrfach kam es zu Revolten und Fluchtversuchen. Die lokalen Sicherheitskräfte sind oft überfordert beim Versuch, die Sicherheitslage im Griff zu behalten.

Auch die Flüchtlingslager, wo unter anderem die Frauen und Kinder der IS-Anhänger leben, sind überfüllt. Wie das Camp Al-Hol, wo rund 65 000 Menschen untergekommen sind. Die Vereinten Nationen beklagten schon im vergangenen Jahr, die Zustände seien unmenschlich. Dort gibt es auch einen eigenen Sektor für ausländische Frauen und Kinder, darunter Dutzende mit deutscher Staatsbürgerschaft. Medizinische Hilfe bekommen sie nur noch durch mobile Teams.

Innenministerium zählt 1000 deutsche Extremisten in Syrien und Irak

Für Partnerorganisationen sei medizinische Hilfe logistisch sehr schwierig, sagt auch das Auswärtige Amt. "Es konnten jedoch immer wieder medizinische Behandlungen veranlasst werden." 

Dem Bundesinnenministerium sind nach eigenen Angaben rund 1000 Extremisten aus Deutschland bekannt, die nach Syrien oder in den Irak aufgebrochen sind. Etwa ein Drittel sei wieder in Deutschland, sagte ein Sprecher. Bei mehr als 100 Menschen wissen die Sicherheitsbehörden demnach, dass sie aktiv an Kämpfen in Syrien oder dem Irak teilgenommen haben oder hierfür eine Ausbildung absolviert haben. "Diese Personen stehen unverändert im Fokus polizeilicher und justizieller Ermittlungen", sagte der Sprecher.

Die Türkei hat bereits mehrfach IS-Anhängerinnen nach Deutschland abgeschoben. Das Bundeskriminalamt gibt in solchen Fällen eine Einschätzung ab, dann bewerten die Sicherheitsbehörden das Risiko, das von Rückkehrern ausgeht. Mehrere Dutzend von ihnen wurden mittlerweile für ihre Aktivitäten im Ausland von deutschen Gerichten verurteilt. 

Bei Rückkehr erwartet die IS-Extremisten Strafverfolgung

Im Umgang mit den Rückkehrern verfolge die Bundesregierung "einen ganzheitlichen Ansatz", sagte der Sprecher des Innenministeriums. Neben einer möglichen strafrechtlichen Verfolgung spielten dabei auch Deradikalisierung und Reintegration eine Rolle.

Werner P. glaubt noch immer, dass sein Sohn irgendwann wieder nach Deutschland zurückkommt. Im vergangenen Jahr schickte er eine Petition an den Bundestag. "Die Hoffnung stirbt zuletzt", sagt er. Auch wenn er weiß: "Wenn er hier aufschlägt, werde ich ihn auch nicht sehen. Dann geht er vor Gericht und ab in den Knast." (dpa)

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