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Günzburg

18.11.2011

Diana Damrau: Weltstar, Mutter, Managerin

Opernstar Diana Damrau hat den Echo Klassik schon sicher.
Bild: Foto: Tammaro

Diana Damrau aus Günzburg ist Weltstar, Mutter, Managerin ihrer selbst und dabei auf dem Teppich geblieben. Selbst eine Vierfachbesetzung an der Münchner Oper meistert sie brilliant.

1.Akt: Damrau, die Managerin

Kurz vor dem Treffen kommt der Anruf: Nein, keine Absage, nur eine kleine Verzögerung. Sie müsse noch schnell etwas besorgen, ob man sich statt an der Staatsoper beim Beck am Rathauseck treffen könnte. Dann im Café zieht sie einen Umschlag und die eben erworbene CD von Diana Damrau mit Liszt-Liedern heraus, sagt: „17,50, die spinnen!“, schreibt einige Worte, steckt Karte und CD in den Umschlag, bestellt einen Cappuccino, bevor sie die fragenden Blicke sieht, und sagt: „Für den Günzburger Landrat, als Dankeschön für die Ernennung zur musikalischen Botschafterin des Landkreises.“

Ehe man sich Gedanken darüber machen kann, ob der Günzburger Landrat ahnt, in welcher Hektik sie die persönlichen Zeilen an ihn schreibt, und ehe man die Frage stellen kann, warum sie das eigentlich selbst macht, klingelt ihr Smartphone. Es ist ihre Agentur: „Monika, ich kann das Attachment aus Barcelona nicht öffnen.“ Pause. „Hast du schon etwas aus New York gehört?“ Wieder fragende Blicke. Die Antwort: Diana Damrau, 40, weltbekannte Koloratur- und Belcanto-Sopranistin aus Günzburg, hat keinen Sekretär. Sie ist ihre eigene Managerin.

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Im Telefonat ging es um zwei Engagements im Jahr 2012. Im Liceu in Barcelona wird Damrau in Donizettis „Linda di Chamounix“ auf der Bühne stehen. An der Met in New York singt sie in Rossinis „Barbier von Sevilla“. In New York gibt es Probleme mit der Unterkunft. Viele Künstler-Kollegen sind gleichzeitig dort. „Die Apartments von Domingo sind belegt“, sagt Damrau. Fragende Blicke. „Placido Domingo hat Apartments in New York, London, Wien – die vermietet er.“

Zweieinhalb Monate wird Damrau in New York sein. Sie braucht eine Wohnung für sich und die Familie. Zurzeit in München wohnen sie in einem Apartment-Haus. Der Laufstall für den 13 Monate alten Sohn Alexander ist nur ausgeliehen.

An der Bayerischen Staatsoper brilliert sie gerade in „Hoffmanns Erzählungen“ von Jacques Offenbach in allen vier Frauenpartien: Antonia, Olympia, Stella und Giulietta. Eine sängerische und schauspielerische Höchstleistung. Nur ganz wenige haben sich bisher daran gewagt. Am Abend ist Aufführung. Ausverkauft. Die Zeit tagsüber ist sehr knapp. Zweieinhalb Stunden vorher muss sie hinter der Bühne sein. Maske. Umkleide. Einsingen. Wie schafft sie das alles? „Ich wollte ,Hoffmanns Erzählungen‘ unbedingt machen, aber wahrscheinlich mache ich es nur einmal im Leben“, sagt sie. Diana Damrau ist ehrgeizig, aber sie kennt ihre Grenzen.

2.Akt:Damrau, der Opernstar

Wahrscheinlich haben diese Attribute ihre große Karriere möglich gemacht. Damrau, geboren und aufgewachsen in Günzburg, hatte schon als Jugendliche privaten Gesangsunterricht. Ihre Lehrerin Carmen Hanganu entdeckte ihr Talent, förderte sie, forderte sie, überforderte sie aber nicht. Nach dem Abitur ging Diana zum Studium nach Würzburg. Um ihren Ausnahmeschützling weiter unterrichten zu können, erhielt die deutsch-rumänische Sängerin Hanganu von 1990 bis 2001 eigens einen Lehrauftrag als Gesangsdozentin an der Würzburger Musikhochschule und führte Diana Damrau zur Staatsprüfung. In Würzburg hatte Damrau 1996 ihr erstes, umjubeltes Engagement. Seither verlief ihre Karriere kontinuierlich nach oben. Ganz nach oben.

Mit einem dramatischen Einschnitt: Am Anfang ihres Studiums musste sich die hoffnungsvolle Sängerin einer Operation mit Vollnarkose unterziehen. Durch die Intubation entstand ein Ödem, eine Wassereinlagerung, auf den Stimmbändern. Es hat eineinhalb Jahre gedauert, bis sie wieder anfangen konnte zu singen. „Ich war bei dreizehn verschiedenen Ärzten. Einige wollten die Stimmbänder operieren. Das wollte ich nicht.“ In dieser langen Zeit hat sie gelernt, welch ein Geschenk ihre Stimme ist. „Wenn mir heute wieder so etwas passieren würde, glaube ich, ich würde mir wieder diese Zeit nehmen.“

Heute gilt Diana Damrau als die Beste ihres Fachs. Die ganz großen Opernhäuser sind ihr Zuhause. Es gibt nur wenige, die sich ihre Engagements, so wie sie, aussuchen können. Sie zeigt ihren Kalender – „bis 2016 ausgebucht“.

So wie es aussieht, wird sie sich 2013 einen Lebenstraum erfüllen. Ihr Blick richtet sich tatsächlich schwärmerisch an die Decke: „Die ,Traviata‘“. Die Rolle aller Rollen. „Im Verdi-Jahr, als Neuproduktion an mehreren großen Bühnen.“ Die Augen der Klassik-Welt werden sich auf sie richten. „Angst habe ich nicht, ich freue mich auf die Rolle“, sagt Damrau. Wie schafft sie das alles? „Es ist mein Traumberuf.“ Und das viele Reisen, kein Zuhause, Leben aus dem Koffer? „Ich reise für mein Leben gern. Außerdem habe ich in Genf jetzt eine Basis gefunden.“ Die Familie lebt dort im Bohème-Viertel Paquis. „Genf war ein Glücksfall“, sagt sie. Dort gebe es nicht so viele Verlockungen wie in München oder Wien. Diana Damrau ist sehr gut im Geschäft, aber sie wirkt sehr ausgeglichen.

3.Akt: Damrau, die Mutter

Wahrscheinlich hat es diese Ausgeglichenheit möglich gemacht, dass DD vor einem guten Jahr noch eins auf ihr ausgefülltes Leben draufsetzte. Im Oktober 2010 kam Alexander auf die Welt. Das hat vieles verändert, nicht nur ihre Stimme, die seitdem an Volumen noch gewonnen hat. Bis vor einem guten Jahr war das Reisen um die Welt noch recht unkompliziert. Jetzt suchen Diana und ihr Mann, der französische Bassbariton Nicolas Testé, eine diskrete und verlässliche Nanny, die mitreist und sich ums Kind kümmert.

Damit keine Missverständnisse aufkommen, sagt Damrau: „Mein Baby und meine Familie sind jetzt die Nummer eins. Der Beruf bleibt gleich wichtig, aber ich habe jetzt weniger Zeit für ihn.“ Geht das zusammen, ein voller Terminkalender und ein Vollzeitjob als Mutter? Ja, meint Damrau, ihr Beruf bringe sogar Vorteile: „Wir haben viel mehr Möglichkeiten, unsere Zeit einzuteilen.“ Und das viele Reisen? „Kinder haben sich den Eltern anzupassen, nicht umgekehrt“, sagt Mutter Damrau. Noch ein Versuch: Wächst Alexander nicht zu sehr in einer Erwachsenen-Welt auf? „Er hat immer wieder Kontakt zu anderen Kindern, er schläft genug, er spielt viel, er wird animiert. Alexander muss man nicht bedauern.“

Diana Damrau und ihr Mann suchen jetzt schon eine internationale Schule für den Kleinen. Sie hat sich Rat bei Kollegen geholt. Es gibt internationale Schulen in einigen großen Städten, die parallel in Modulen unterrichten. Alexander könnte dann problemlos zwischen Schulen etwa in Mailand, New York, London und Barcelona wechseln, ohne den Anschluss zu verlieren. Das würde auch bedeuten, dass Diana und Nicolas nur noch in diesen Städten Engagements annehmen. Diana Damrau ist Künstlerin, aber sie kann auch sehr pragmatisch sein.

4.Akt: Damrau, die Bodenständige

Wahrscheinlich hat dieser Pragmatismus ihre Karriere gefördert. Die nächste CD, die sie aufnimmt, wechselt ins leichtere Fach – Operette, Musical und Filmmusik. „Das wollte EMI so; war eh ein Wunder, dass sie zwei Lieder-CDs gemacht haben“, sagt die 40-Jährige. In solchen Sätzen kommt auch die bodenständige Frau heraus, die aus ihrer Herkunft nie ein Geheimnis gemacht hat, die immer wieder Gastspiele in Günzburg gibt – nicht nur, weil ihre Eltern noch dort wohnen. Als sie im Café in München erkannt wird und der Mann hinter der Theke für sie ein Herz auf den Cappuccino zaubert, errötet sie leicht.

Hinter der Bühne der Staatsoper wird sie von zwei Nachwuchssängerinnen angesprochen, die ihr mitteilen wollen, wie großartig sie in der Premiere von „Hoffmanns Erzählungen“ war. Kurzer Plausch, weiter in die Garderobe. „Ks. Diana Damrau“ steht auf dem Schild draußen. Ks.? „Kammersängerin“, klärt sie auf, um gleich darauf eine Tonleiter hinauf und hinab zu singen, als ob sie noch die 15-Jährige wäre, die vor Lebensfreude nur so leuchtet.

Es gibt da einen Film, den arte und ZDF gedreht haben – „Diana Damrau – Diva divina“. In diesem Film erzählt sie eine Geschichte aus Kindheitstagen, die sie oft erzählt: Als sie gerade laufen konnte, wollte sie beim sonntäglichen Kaffee Volkslieder zum Besten geben. Sie versteckte sich hinter einer Gardine, und die Verwandten mussten sie mit den Worten „Der Vorhang geht auf“ hinter der Gardine hervorlocken. „Und dann kam ich erst einmal nicht heraus“, erzählt sie. Eine hübsche Geschichte, die gut als Gründungslegende für einen Opernstar taugt. Der Film versucht alles, die Damrau als glamouröse Diva darzustellen: Damrau beim Shoppen in Genf, Damrau Schlittschuh laufend in New York, Damrau an der Seine und in der Metro. Klischees eines Lebens als Star.

Aber so ist Diana Damrau nicht. Sie ist so: Kurz vor Ende des Treffens in München sagt sie, sie müsse noch schnell etwas besorgen. Es geht – hopp, hopp – hinauf in ein Büro, wo sie erst freundlich begrüßt wird und dann 164 Euro bezahlt. Fragende Blicke. „Eine Karte für meine Schwiegermutter für heute Abend. Ich hab’ noch einen Platz ganz vorn gekriegt. Juhu!“

Diana Damrau ist auf dem Boden geblieben. Wahrscheinlich hat erst das ihre Weltkarriere ermöglicht.

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