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Zentralafrika

23.01.2017

Die vergessene Krise

Im Flüchtlingslager Camp Ledger nennen sie alle nur Mama Sophie: Seit drei Jahren lebt die 59-Jährige mit fünf Kindern und sieben Enkeln in einem Zelt aus Stofffetzen und Tüten.
Bild: Andrea Kümpfbeck

Nirgendwo haben die Menschen so wenig zu essen wie in der Zentralafrikanischen Republik. Es gibt so viele Probleme, dass man nicht weiß, wo man ansetzen soll.

Wenn ein Flugzeug kommt, und das passiert nur ein, zwei Mal am Tag, fährt eine Militärpatrouille über das Rollfeld und scheucht die spielenden Kinder, die Männer mit ihren hölzernen Handwagen, die Hühner und Ziegen von der holprigen Landebahn. Sie alle leben auf dem Gelände des internationalen Flughafens von Bangui, der Hauptstadt der Zentralafrikanischen Republik. Denn hier, im provisorischen Flüchtlingscamp, ist es sicher. Hier ist das französische Militär stationiert. Hier landen die Hilfsflieger der Vereinten Nationen und – wenn es die Sicherheitslage im Land erlaubt – auch zwei Mal in der Woche die Maschinen der Air France.

Kein Wasser, keine Schule

Mama Sophies Zelt aus Stofffetzen und Plastiktüten, neben dem sie ein paar Kartoffeln, Maniok und Auberginen anbaut, ist keine 50 Meter von der Landebahn entfernt. Seit gut drei Jahren haust sie mit fünf ihrer Kinder und sieben Enkeln im Camp Ledger. Diesen Spitznamen haben die Flüchtlinge dem Lager gegeben – benannt nach dem einzigen Luxushotel des bitterarmen, völlig kaputten Landes, dem Ledger Plaza in Bangui, das der libysche Machthaber Gaddafi der Zentralafrikanischen Republik spendiert hat. Dort kostet ein Zimmer 220 Euro die Nacht und der Nachmittag am Pool 23 Euro, die Knöpfe im Aufzug sind vergoldet, die Milch für den Kaffee kommt aus Frankreich und das Frühstücksei aus Indien.

In den halb verfallenen Hangars mit den undichten Dächern des Camps Ledger, zwischen ausgemusterten Flugzeug-Ruinen und den Wracks von Kampfhubschraubern, leben etwa 20.000 Menschen, deren Habseligkeiten in ein paar billige Plastiktaschen aus China passen. Nach den jüngsten Gewaltausbrüchen 2013 waren es gut 50.000 Flüchtlinge, die das Gelände besetzt haben. Und wenn es nach der Regierung geht, sollten sie alle längst weg sein. Darum gibt es kein Wasser im Camp, keine Schule, keine Nahrungsmittelverteilung. Damit es nicht zu gemütlich wird in den Verschlägen aus Müll, in denen die Familien nachts auf der blanken Erde liegen. Doch die Menschen haben es sich hier eingerichtet. Die Kinder spielen in den Cockpits der verrosteten Flugzeuge Verstecken und turnen auf den verbogenen Tragflächen herum, auf denen die Frauen die Wäsche trocknen. Am offenen Feuer kochen sie dürre Blätter zu Brei, in Eimern mit schlammigem Wasser baden sie ihre Babys.

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„Wo sollen wir auch hin?“, sagt Mama Sophie. „Wir haben kein Zuhause mehr.“ Die 59-Jährige wischt sich mit der Hand über die Augen, als sie von ihrem Haus, ihrem kleinen Feld und den neun Kindern erzählt – von dem guten Leben, das sie keine drei Kilometer von ihrer jetzigen, schäbigen Unterkunft entfernt führte. Im Dezember 2013, als die muslimischen Séléka-Rebellen ihren Stadtteil stürmten, ist sie mit drei ihrer Kinder von dort weggelaufen. Ihr Mann und zwei Söhne blieben im Haus, sie wollten es verteidigen. Die Milizen massakrierten alle drei. Das hat Sophie Guapera später von den Nachbarn erfahren. Die Leichen hat sie nie gefunden. Und in ihrem Haus wohnen inzwischen Fremde: Anhänger der Séléka-Rebellen.

Mit dem bisschen Geld, das sie damals mitgenommen hat, versuchte sie sich als Händlerin. „Meine Kinder müssen doch von etwas leben“, sagt Mama Sophie leise. Und dann erzählt sie, dass sie mit einem Kleinbus in ein Dorf 300 Kilometer nördlich von Bangui fahren wollte, um Fleisch einzukaufen. Denn das ist rar in der Hauptstadt. Auf halber Strecke stoppte eine Gruppe bewaffneter Séléka-Milizen in Militäruniformen den Bus. Sie holten alle Fahrgäste heraus, schickten die Männer auf die rechte, die Frauen auf die linke Seite. „Die Männer haben sie sofort erschossen“, sagt Sophie, „und sie in den Straßengraben geworfen.“ Dann fielen sie über die Frauen her, über die jungen und über die alten. Raubten sie aus. Vergewaltigten sie, einer nach dem anderen, jede einzelne der acht Frauen. Und ließen sie einfach am Straßenrand liegen. Wie viele der Frauen an den schweren Verletzungen gestorben sind, weiß Sophie Guapera nicht. Sie selber brauchte einen Monat, bis sie überhaupt wieder laufen konnte. Inzwischen weiß sie, dass sie seither HIV-positiv ist.

Erzählungen wie die von Mama Sophie hört man viele im Camp Ledger. Von Rebecca, 60, deren Sohn auf dem Feld beschossen worden ist und von deren sechs Kindern inzwischen vier tot sind. Oder von Chanelle, 28, die im dritten Monat schwanger war, als sie zusammen mit ihrem Bruder den Rebellen in die Hände fiel, die Nathal erschlugen, Chanelle die Kleider vom Leib rissen und sie vergewaltigten.

In jedem Zelt ein Schicksal

In jedem der Zelte verbirgt sich ein Schicksal – und ganz viel Hoffnungslosigkeit. Um die zu verstehen, muss man in die Geschichte der Zentralafrikanischen Republik zurückblicken. Einem Land, das seit Jahrzehnten von Gewalt erschüttert wird, von Unruhen, Bürgerkrieg, Mord und Totschlag. Seit der Unabhängigkeit von Frankreich im Jahr 1960 gab es in dem Staat fünf Putsche und sechs Friedensmissionen. 80 Prozent der Menschen haben keinen Zugang zu Trinkwasser, die Hälfte der Bevölkerung lebt in akuter Armut. Sie muss von etwas mehr als einem Dollar am Tag überleben – irgendwie. Durch den Anbau von Gemüse, das dann auf der Straße verkauft wird, durch Betteln oder Schlangestehen, wenn eine Hilfsorganisation Essen verteilt. Doch es reicht bei weitem nicht aus, um alle Hungernden zu versorgen.

Leben zwischen Flugzeugruinen: Etwa 20.000 Menschen hausen seit den letzten Gewaltausbrüchen in einem provisorischen Camp am Flughafen von Bangui.
Bild: Andrea Kümpfbeck

Als im März 2013 Rebellen den langjährigen Präsidenten François Bozizé stürzten, ist alles noch schlimmer geworden. Die Not, die Gewalt, die Angst. Kämpfe zwischen den muslimischen Séléka-Rebellen und den Anti-Balaka-Milizen der christlichen Mehrheit haben das Land in den Bürgerkrieg geführt. Dabei geht es weniger um die Religion, sondern vielmehr um Macht und Geld und darum, dass der muslimische, noch ärmere Norden bei der Verteilung der Reichtümer des Landes – Gold, Diamanten, Uran und Holz – seit Jahrzehnten vom christlichen Süden übergangen wird, sagt der Erzbischof von Bangui, Dieudonné Nzapalainga. Er kämpft seit Jahren gemeinsam mit dem Imam von Bangui für Frieden in seinem Land und ist mit seinen 49 Jahren gerade zum jüngsten Kardinal der Welt erhoben worden.

Die Zentralafrikanische Republik versank im Chaos, tausende Menschen wurden bei den Kämpfen zwischen den rivalisierenden Gruppen getötet, hunderte Dörfer geplündert, eine Million Menschen sind auf der Flucht: im eigenen Land, oft in der eigenen Stadt oder im benachbarten Ausland wie dem Kongo, Tschad oder Kamerun.

Und dann kam der Papst. Im November 2015, zu einer Zeit also, als es aus Sicherheitsgründen eigentlich nicht machbar war, reiste Franziskus nach Bangui. Er ließ sich im offenen, ungeschützten Papamobil durch die Stadt fahren, schüttelte Hände, umarmte die Menschen, die ihm in Massen zujubelten. Und er bestand darauf, zum PK5 zu gehen. Jenem Hotspot, der zum Sinnbild der Gewalt geworden ist. PK5 heißt Kilometer fünf und bezeichnet den Punkt, an dem die Hauptstraße fünf Kilometer aus dem Zentrum Banguis herausführt. Dort kam es regelmäßig zu Straßenkämpfen zwischen muslimischen und christlichen Milizen. Franziskus rief die Menschen zu Frieden und Versöhnung auf – und sie gehorchten. In den Wochen nach dem Papst-Besuch wurden die interreligiösen Auseindersetzungen weniger. „Ich weiß nicht, wie er es gemacht hat“, sagt Georg Dörken, der für die Welthungerhilfe bis vor wenigen Wochen das Landesbüro in Bangui leitete. „Aber ich ziehe vor dem Kerl den Hut.“

Rund 11.000 Blauhelmsoldaten der Vereinten Nationen versuchen bis heute, den Staat, den es nicht mehr gibt, zu stabilisieren. Und die hohe Alltagskriminalität und die latente Aggressivität in den Griff zu bekommen. Denn der Frieden ist brüchig. An diesem Morgen ist es am PK5 wieder zu einem Mord gekommen. Ein hochrangiger Offizier, ein Christ, wurde an einer Tankstelle von einem vorbeifahrenden Motorrad aus erschossen. Ein paar Stunden später werden in einem anderen Stadtteil drei Hirten umgebracht – Muslime. Und kurz darauf noch einmal drei Christen in PK5.

"Hier kann jederzeit alles passieren"

Die Lage ist unübersichtlich, „hier kann jederzeit alles passieren“, sagt Georg Dörken. Er schließt um 14.45 Uhr das Welthungerhilfe-Büro und schickt alle Angestellten heim. An diesem Nachmittag ist es gespenstisch ruhig in der Stadt. Die Straßen sind menschenleer, es riecht nach Rauch, ein Hubschrauber kreist über dem Zentrum. Und auf dem Parkplatz des Hotels Ledger Plaza wacht die ganze Nacht über ein Spähpanzer der UN.

Vorfälle wie diese sind der Grund dafür, dass nur wenige internationale Hilfsorganisationen in der Zentralafrikanischen Republik arbeiten. Und wenn, dann leisten sie nur Not- und keine langfristige Aufbauhilfe. Die deutsche Botschaft in Bangui ist schon seit 1997 geschlossen. Die Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) koordiniert ihre Projekte von Kamerun aus. Nur die Welthungerhilfe ist inzwischen wieder im Land. Auch wenn die ausländischen Mitarbeiter – wegen der unkalkulierbaren Sicherheitslage – mit beträchtlichen Einschränkungen leben müssen: in einer Art Zwangs-WG in winzigen Zimmern über dem Büro.

Mit einem Budget von 7,5 Millionen Euro bis 2018 wird die Welthungerhilfe Landwirtschaftsprojekte anschieben, damit sich das Land – irgendwann einmal – selber ernähren kann. Doch wo soll man in einem gescheiterten Staat mit dem Wiederaufbau anfangen? In einem Land, in dem es keine Zivilgesellschaft mehr gibt, kein Wertesystem und keine funktionierende Justiz. In dem die Menschen an einfachen Krankheiten wie einer Blinddarmentzündung sterben, weil das Gesundheitssystem daniederliegt. Und in dem mindestens zwei Drittel der Erwachsenen nicht lesen und schreiben können, weil die Schulen entweder geschlossen sind oder die Lehrer fehlen.

Im Frühjahr 2016 fanden zwar die ersten freien Wahlen seit 40 Jahren statt und der neue Präsident Faustin Archange Touadéra ist inzwischen auch im Amt. Doch die Regierung hat außerhalb der Hauptstadt keinerlei Einfluss. Denn der Staat hat keine Einnahmen, kein Personal und keine Fahrzeuge, um überhaupt aufs Land hinaus zu kommen. In den Ministerien gibt es keine Computer mehr, keine Kopierer, kein Papier, keine Kugelschreiber, meist nicht einmal Möbel. Die Vorgänger-Regierung hat alles mitgenommen, was zu plündern war. Derzeit bezahlen die Weltbank und die Europäische Union die Gehälter der Beamten in den Ministerien.

Und die Welthungerhilfe finanziert dem Landwirtschaftsministerium jeden Monat für 1000 Euro Büromaterial. Damit es zumindest irgendwie losgehen kann mit dem Wiederaufbau.

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