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Vöhringen

01.05.2019

Ein Musical macht Mittelschülern Mut

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Aktuell probt ein Drittel der Schüler an der Uli-Wieland-Mittelschule einen gemeinsamen Tanz für das neue Musical (Bild links). Das Stück mit dem Titel „Zirkus der Vergessenen“ soll dann ebenso erfolgreich werden wie „Disturbia“ aus dem Vorjahr.
Bild: Leonie Küthmann

Im Rahmen des bayernweiten Projekts „Taff – Talente finden und fördern“ wird an der Uli-Wieland-Mittelschule in Vöhringen jedes Jahr ein Musical einstudiert. Wie die Schüler von „Taff“ profitieren.

Sie sind alle still. 14 Augenpaare sind auf Hanna Pelikan gerichtet und als sie fragt „Will jemand austeilen?“, springt sofort eine Schülerin auf: „Gern!“ Ob die Schüler immer so aufmerksam sind, auch dann, wenn Geschichte oder Erdkunde anstehen – wer weiß. Aber hier geht es um ihr Herzensprojekt: das Musical, ihr Musical.

Seit vier Jahren führt rund ein Drittel der Schüler der Uli-Wieland-Mittelschule in Vöhringen im Landkreis Neu-Ulm jedes Schuljahr ein neues Musical auf. Wer sich ein Dilettanten-Stück vorstellt, liegt falsch: Das Ganze folgt einem ausgeklügelten Konzept und findet im Rahmen von „TAFF – Talente finden und fördern an der Mittelschule“ statt. Die Uli-Wieland-Mittelschule ist eine von 25 Mittelschulen in Bayern, die sich beworben haben und an diesem Schulversuch, initiiert von der Stiftung „Bildungspakt Bayern“, teilnehmen. Durch den Modellversuch sollen Lehrer Talente bei ihren Schülern entdecken, die im normalen Unterricht vielleicht verborgen blieben. Wie die Schulen das umsetzen, ist ihnen überlassen, beispielsweise durch speziellen Zeichenunterricht, Robotik-AGs oder Filmprojekte. In Vöhringen entschied man sich für ein Musical: „Weil die Grundstrukturen – beispielsweise eine AG Tanz oder eine Band – schon vorhanden waren“, erzählt Rektor Thomas Pelikan. 110 Schüler wirken in zehn AGs am diesjährigen Musical mit.

Die Schüler lernen im Rahmen von "Taff" ihre Talente kennen - so auch in Vöhringen

Dilara Cais ist in der AG Organisation, kurz „Orga“. „Ich habe gemerkt, dass ich in Stresssituationen gut den Überblick behalten kann“, sagt die 15-Jährige. Am Ende des Schuljahres werden die Talente für das kommende Musical „gecastet“, jeder füllt einen Talente-Fragebogen aus. Ihr Mitwirken am Musical und die Talente, die sie entdeckt hat, hat Dilara in ihren Lebenslauf geschrieben – mit Erfolg. Sie hat bereits einen Ausbildungsplatz: Auch das ist ein Ziel von „Taff“: die Biografien der Schüler positiv zu untermauern. Damit das möglich ist, sollen die Lehrer die „Taff“-Konzepte möglichst so planen, dass diese Bezug zur Arbeitswelt bieten. Die Schüler sollen nicht nur Talente entdecken, sondern auch zu Menschen werden, die im Alltag durch Eigenverantwortung und Selbstorganisation auffallen.

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„Ihr seid selbst verantwortlich, dass ihr am Freitag da seid“, erklärt Hanna Pelikan beim Treffen mit der AG Orga. Sie und Saskia Hinze arbeiten am Theater Luftschloss in Neu-Ulm und übernehmen beim Projekt die künstlerische Leitung. Heute dauert das Treffen nicht so lange wie sonst. Dilara kann heimgehen – zu bleiben, hätte ihr aber auch nichts ausgemacht. „Wir waren oft in der Schule, bis es dunkel war – aber wir haben es nicht gemerkt, denn die Zeit verfliegt.“

Die Schüler der Uli-Wieland-Mittelschule verteilten Flyer in Vöhringen

Außerdem habe sie immer Erfahrungen gesammelt, betont die 15-Jährige und erzählt, wie sie Plakate in den Geschäften in Vöhringen verteilt hat. Fremde ansprechen – anfangs eine Herausforderung für die Schülerin. Genau wie die Tatsache, dass sie in den AGs ihre Lehrer und die externen AG-Leiter duzen darf: „Daran musste ich mich erst gewöhnen.“ Aber irgendwann merkte sie, wie sie zu ihren Lehrern einen anderen Bezug aufbaute: „Das wurde alles lockerer.“ Auch die Lehrer genießen die Wirkung, die das Musical auf die Schüler hat: „Manchmal reicht es Wochen danach noch, wenn man einen Schüler auf dem Gang trifft und sagt: ,Na, du Musicalstar?’ – da werden sie ein kleines Stückchen größer“, sagt Konrektor Nils Böttcher. Die Verantwortlichen können viele Geschichten zum Thema „Talentfindung“ erzählen. Von einer Schülerin, die im Stück ihren Bruder töten musste – und jedes Mal auf der Bühne echte Tränen weinte. Von einem Bühnentechniker, der selbst, als er nicht mehr auf der Schule war, mitarbeitete. Von dem Jungen, der sich jahrelang in der Schule schwertat, durch das Musical aufblühte und sagte: „Die werden schon irgendwann sehen, was ich alles kann.“

„Taff“ richtet sich primär an die Schüler, hat aber auch zum Ziel, die Fähigkeiten der Lehrer zu schulen. Diese sollen sensibilisiert werden für die Fähigkeiten ihrer Schüler und außerdem auch herausfinden, welche Konzepte sich zur Talentfindung eignen. Ob und wie das funktioniert, wird regelmäßig evaluiert. Professor Thomas Eberle vom Institut für Erziehungswissenschaft an der Universität Erlangen-Nürnberg und sein Team stellen Evaluierungsbögen zur Verfügung und begleiten das Projekt aus einer wissenschaftlichen Perspektive.

Damit es Kapazitäten gibt, um das Projekt durchzuführen, bekommen die Modellschulen Fördergelder des Kultusministeriums – diese seien jedoch gekürzt worden, erzählen Rektor und Konrektor der Uli-Wieland-Mittelschule. Diese Aussage wird vonseiten des Kultusministeriums dementiert: „Der Stiftung Bildungspakt Bayern ist die Förderung von Talenten bei Mittelschülerinnen und Mittelschülern ganz besonders wichtig. Deswegen wurden den Modellschulen im Schulversuch zusätzlich zu den bereits vorhandenen Mitteln finanzielle Fördermöglichkeiten angeboten, um beispielsweise schulhausinterne Lehrerfortbildungen zu gestalten“, sagt eine Sprecherin auf Nachfrage. Damit sie in Vöhringen weiterhin Talente fördern könnten, habe man das Budget umdisponiert und auch die Schüler einbezogen, erklärt die Schulleitung: „Die Kostüm-AG geht jetzt selbst ihren Stoff kaufen und muss mit dem Geld haushalten – dahinter steckt ja auch Lebenswirklichkeit.“

Die Jugendlichen wollen mit Vorurteilen gegenüber Mittelschülern aufräumen

Dass ein Projekt wie das Musical an einer Mittelschule gut läuft, können viele nicht glauben. So auch die Verkäuferin, der Dilara einen Flyer in die Hand drückte und die dann zu ihrer Kollegin sagte: „Da sind welche vom Gymnasium, die machen ein Musical.“ Dilara erzählt, wie sie die Verkäuferin höflich korrigierte:„Nur, weil wir an der Mittelschule sind, heißt das ja nicht, dass wir kein Musical auf die Beine stellen können.“ Und von dem Vorurteil, dass Mittelschüler nur „asslig“ sind – wie Dilaras Mitschülerin Laura es nennt – davon haben alle die Nase voll. Denn für sie ist das Musical auch eine Möglichkeit, zu zeigen, „dass wir ganz liebe sind“, sagt Laura. Die 14-Jährige hat in drei Jahren in drei AGs mitgewirkt und sagt: „Man ist stolz, weil man etwas auf die Beine gestellt hat.“

Mit dem Schuljahr 2018/2019 endet der Schulversuch „Taff“. Von den Erkenntnissen sollen dann laut Kultusministerium alle bayerischen Mittelschulen profitieren.

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