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Günzburg

27.04.2015

Ein Süchtiger erzählt: "Ich konnte ohne Drogen nicht arbeiten"

Mit Kiffen fing es an, dann folgten LSD, Kokain, Speed und Ecstasy: Jahrelang konnte Klaus nur mit Drogen funktionieren.
Bild: Matthias Becker (Symbolbild)

Jahrelang nahm Klaus Drogen - um mit dem Druck bei der Arbeit klarzukommen. Nun lässt er sich therapieren. Hier erzählt er von seinem Absturz, von Paranoia und Suizidgedanken.

Wenn Klaus heute zurückblickt, dann weiß er, welch großes Glück er in all den Jahren hatte. Eigentlich ist es sogar ein kleines Wunder, dass er überhaupt noch lebt und nun in Jogginghose und mit Baseballkappe in einem Raum des Bezirkskrankenhauses (BKH) Günzburg sitzt und erzählt. Von den Drogen, der Angst, bei anderen Menschen nicht anzukommen und ohne Drogen nicht arbeiten zu können – von seinem persönlichen Teufelskreis, den er nun mit Anfang 30 endlich durchbrechen möchte. Seine früheren Klassenkameraden bauen inzwischen Häuser, haben Familien gegründet und Klaus muss erst einmal lernen, ohne Drogen im Alltag zu funktionieren.

Seinen richtigen Namen möchte der Einzelhandelskaufmann aus dem Großraum Ulm nicht in der Zeitung lesen. Er hat Angst, dass seine Vergangenheit seinen Neuanfang erschweren könnte. Aber auf den Namen kommt es bei dieser Geschichte auch nicht an.

Drogen gegen Angst und Schüchternheit

Vielleicht wäre alles anders gekommen, wenn Klaus nicht als junger Erwachsener eine Verletzung gehabt und nicht sein Freiwilliges Soziales Jahr in einem Krankenhaus absolviert hätte. Damals hatte er aus Angst vor Schmerzen die fünffache Dosis des Opiates Tramadol genommen, an das er im Schwesternzimmer einfach rankam. „Danach war ich total platt und hatte gemerkt, dass ich damit kostenlos draufkommen kann. Ich habe das dann täglich genommen, weil ich damit locker, gut mit Leuten umgehen konnte“, sagt Klaus. Er sei normalerweise ein schüchterner Typ, habe Angst gehabt, dass er nicht gut ankomme. Die Schmerztabletten ließen diese Ängste verschwinden. Abends trank er dann noch zwei Bier und rauchte zwei Joints. Die Tramadol-Dosis steigerte er kontinuierlich.

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Klaus ist kein Einzelfall. „Unter meinen Kollegen waren einige, die in den Pausen gekifft haben oder Alkohol tranken. Ich denke, dass einige auch Medikamente genommen haben“, sagt Klaus. Seine These: Sie machen das, um mit dem Stress klarzukommen, mit den Schichten im Krankenhaus. Im BKH Günzburg wird zurzeit auch eine Krankenschwester aus einer anderen Klinik behandelt, die sich mit Medikamenten abends "runterholt". Auch unter Ärzten, so haben Studien und Umfragen belegt, ist die Quote des Medikamentenmissbrauchs sowie das Suchtpotenzial relativ hoch.

"Ich bin ein guter Schauspieler"

Doch zurück zu Klaus. "So einen Mist wie ich damals kann man gar nicht machen", sagt er nun und erzählt weiter. Wie er bald Konzentrationsschwierigkeiten und Krampfanfälle bekam – ein Zeichen einer Überdosierung. Er dachte trotz der Nebenwirkungen nicht ans Aufhören. Er wollte ja irgendwie im Alltag funktionieren. Seine Mutter dachte, er hätte epileptische Anfälle. Er kam in eine Klinik – und stellte sich dumm. Die Ärzte fanden nicht die eigentliche Ursache seiner Zuckungen. "Ich bin ein guter Schauspieler", sagt Klaus.

Diese Fähigkeit nutzte er auch später, als er nach seiner Ausbildung für eine Zeitarbeitsfirma und eine Möbelkette arbeitet. Damals nahm er Alkohol und Marihuana. Die Schicht- und Akkordarbeit belastete ihn. "Ohne Drogen kann ich nicht arbeiten", das dachte er damals. Und auch, dass die Kollegen nichts merken. Beim Geldzählen hatte er aber Angst, dass sie seine zittrigen Hände sehen, weil er auf Entzug war. Beim Gabelstaplerfahren war er schweißgebadet.

Valium, LSD, Kokain, Speed und Ecstasy

Es blieb nicht bei Alkohol und Kiffen. Über Bekannte kam er an das Beruhigungsmittel Valium heran, dann nahm er LSD, Kokain, Amphetamine wie Speed und auch den Ecstasy-Wirkstoff MDMA. "Ich habe so gut wie alles genommen, was zu kriegen war, nur gespritzt habe ich nicht, und vor Crystal und Crack hatte ich auch zu viel Respekt." Anfangs fuhr er noch Auto – bis er mit 1,8 Promille einen Unfall baute. "Zum Glück ist dabei niemand zu Schaden gekommen", sagt Klaus.

Bei der Zeitarbeitsfirma sei ihm dann aufgefallen: Da nehmen ja fast alle etwas. Alkohol, Cannabis, härtere Sachen. "Ich sehe das einem auf fünf Meter Entfernung an, ob der drauf ist oder nicht", sagt Klaus heute. Würden bei Zeitarbeitsfirmen vor Vertragsunterzeichnung Drogentests gemacht, würden seiner Einschätzung nach 70 Prozent der Angestellten nicht unterzeichnen können. Und auch wenn er Fernsehen guckt, sehe er einige einflussreiche Menschen, die "drauf" sind. "Kokain macht so ein Kreuz", sagt er und reißt seine angewinkelten Arme auf Schulterhöhe auseinander. Dass der Bundestagsabgeordnete Michael Hartmann gar Crystal Meth nahm, weil er dachte, damit seine Leistung steigern zu können, wundert Klaus nicht.

Drogen als einzige Konstante

Auch die Bezirkskliniken Schwaben haben festgestellt, dass es immer mehr Menschen gibt, die in der Berufswelt nicht zurechtkommen. Gerade wird das ehemalige Kreiskrankenhaus Obergünzburg zu einer psychosomatischen Fachklinik umgebaut. „Dort werden ab 2016 Menschen mit zum Beispiel leichten Depressionen, Managerkrankheiten und Burnout behandelt“, sagt Sprecher Georg Schalk. Die Patienten lernen dort zu entschleunigen.

Klaus’ Leben entwickelte sich zu einer Achterbahnfahrt – die Drogen waren die einzige Konstante. Er nahm sie nach Entzugsphasen, während der Jobsuche, während seiner Depressionen und seines Burnouts und auch, wenn er einen neuen Job fand. Klaus ist smart. Ihm wurden auch Führungsaufgaben übertragen. Damit wuchsen aber der Druck und das Bedürfnis nach Drogen.

Irgendwann merkte Klaus: "Ich kann ohne Drogen nicht arbeiten und mit Drogen auch nicht." Als ihm ein Kumpel noch sagte, "du wirfst ja alles ein, ohne nachzufragen", kam er ins Grübeln. Hatte er sich nicht immer über diese Menschen lustig gemacht? Er fühlte sich als Versager, hatte Paranoia, Suizidgedanken. Das war Anfang des Jahres. Wenig später meldete er sich beim BKH in Günzburg zu einer Suchttherapie.

Klaus will jetzt sein Leben in den Griff bekommen und lernen, dass er auch ohne Drogen funktioniert. Wer ihn da so erzählen sieht, glaubt kaum, dass er sich seiner unsicher ist. Er wirkt ruhig, sympathisch, abgeklärt. Nach der Therapie will er eine Arbeit suchen und endlich einen Platz im System finden, der zu ihm passt.

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